Bezirk Brugg
«Das Birnel ist ein natürliches und vielseitig anwendbares Schweizer Produkt»: In den Gemeinden geht die Nachfrage zurück, während sich die Verkaufszahlen anderer Anbieter vervielfachen

Viele Gemeinden geben den Verkauf des «Honigs für die Armen» auf, andere machen Sammelbestellungen. Das könnte sich bald ändern, denn im Oktober führt das Inlandhilfswerk Winterhilfe Schweiz einen Birnel-Relaunch durch.

Carla Honold
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Christian Meier, der Geschäftsführer des Buono Delikatessen + Biofachhandel in Brugg, verkauft zwei Sorten Birnel in seinem Geschäft.

Christian Meier, der Geschäftsführer des Buono Delikatessen + Biofachhandel in Brugg, verkauft zwei Sorten Birnel in seinem Geschäft.

Carla Honold

Zahlreiche Gemeinden führen jedes Jahr einen Birnelverkauf durch. Die Einwohnerinnen und Einwohner können verschiedene Mengen des Birnendicksafts, der bei der Winterhilfe Schweiz bestellt werden kann, beziehen. In den letzten Jahren entschieden sich verschiedene Gemeinden jedoch, keinen Winterhilfe-Birnel mehr anzubieten.

Beispielsweise in Villigen wird das Erzeugnis aus Schweizer Birnen nicht mehr verkauft. «Die Gemeinde bietet aufgrund der stets sinkenden Nachfrage seit ein paar Jahren kein Birnel mehr an», erklärt Sibylle Boss, die Gemeindeschreiberin von Villigen. «Das Produkt kann mittlerweile auch in Läden wie Coop und Migros sowie in Reformhäusern gekauft werden.»

Gemeinden bestellen gemeinsam bei der Winterhilfe

«Klar ist, dass die Nachfrage in den letzten Jahren gesunken ist», beschreibt Adriana Carrara, Sachbearbeiterin bei der Gemeinde Birr, die Entwicklung. «Das Birnel ist mittlerweile auch im Detailhandel erhältlich. Daher vermute ich, dass die Bestellungen bei den Gemeinden zurückgegangen sind.»

Das Birnel ist in verschiedenen Grössen erhältlich.

Das Birnel ist in verschiedenen Grössen erhältlich.

Winterhilfe Schweiz

Die Gemeinden, die das Birnel noch anbieten, bestellen oft zusammen. «Wir machen mit den Gemeinden Birrhard, Lupfig und Mülligen eine Sammelbestellung, welche rund 80 Kilogramm ausmacht», so Carrara. «Besonders während der Guetzlete wird das Birnel gerne als Süssungsmittel gebraucht», erklärt die Sachbearbeiterin. Bis am Freitag,
1. Oktober, können in Birr Anwohnerinnen und Anwohner Birnel bestellen.

Zimtguetzli

Aus der Rezeptbroschüre der Winterhilfe Schweiz

3 Esslöffel Birnel, 150 Gramm Butter, 3 Teelöffel Zimt, 1 Prise Salz, 1 Prise Muskat, 1 Prise Nelkenpulver und 200 bis 250 Gramm Vollkornmehl.

Alle Zutaten bis und mit Gewürzen gut verrühren. Mehl zugeben, kurz zusammenkneten, mindestens 1 Stunde zugedeckt kühlstellen. 1 Zentimeter dick auswallen, Stengeli schneiden.

Backen: Ofenmitte bei 180 Grad Celsius für 10 bis 15 Minuten.

Das Birnel ist vielseitig

Auenstein bestellt das Birnel gemeinsam mit Schinznach, Thalheim, Veltheim und Villnachern. Susanne Notter, die stellvertretende Gemeindeschreiberin in Auenstein, sagt:

Das Birnel wird aus den Früchten des Hochstamm Birnbaums hergestellt.

Das Birnel wird aus den Früchten des Hochstamm Birnbaums hergestellt.

Winterhilfe Schweiz
«Ich würde nicht von grosser Beliebtheit sprechen, aber das Angebot wird geschätzt und regelmässig genutzt.»

Rund 42 Kilogramm Birnel würde die Gemeinde pro Jahr vertreiben.

Notter beschreibt die Vorteile des Birnendicksafts: «Das Birnel ist ein natürliches und vielseitig anwendbares Schweizer Produkt. Zudem ist es lange haltbar und als Zuckerersatz verwendbar.» In Auenstein bestellen laut Notter vorwiegend ältere Personen das Birnel. Regelmässig seien es auch dieselben, die das Produkt kaufen.

Das Produkt hat eine Stammkundschaft

Auch in Mülligen gehen die meisten Bestellungen durch Stammkunden ein, so die Gemeindeschreiberin-Stv. Jasmin Caironi. Das Alter der Käufer liege zwischen 40 und 70 Jahren. Zur Menge berichtet Caironi:

«Wir verkaufen unterschiedlich viel Birnel, meistens jedoch insgesamt über fünf Kilogramm.»

Mülligen nimmt ebenfalls bis am 1. Oktober Bestellungen auf.

«Es sind immer in etwa die gleichen, meist älteren Einwohnerinnen und Einwohner, welche bestellen», so Sandra Winkler. Sie ist die Leiterin des Gemeindebüros in Lupfig. Seit 2018 verkaufe die Gemeinde zwischen 20 und 50 Kilogramm pro Jahr.

Ingwer-Birnel-Dressing

Aus der Rezeptbroschüre der Winterhilfe Schweiz

1 Knoblauchzehe, 20 Gramm frische Ingwerwurzel, 1 Limette, 6 Esslöffel Öl, 2 Esslöffel Weissweinessig, 3 Teelöffel Birnel, Kreuzkümmel (gemahlen), Koriander (gemahlen), Cayennepfeffer, Salz.

Knoblauchzehe und frische Ingwerwurzel schälen und fein hacken. Die Schale einer Limette abreiben und 3 Esslöffel Saft auspressen. Öl, Weissweinessig und Birnel mit dem Knoblauch, dem Ingwer, der Limettenschale und dem Limettensaft verrühren.

Mit Kreuzkümmel, Koriander, Cayennepfeffer und Salz würzen. 

Bald ist die Mindestbestellmenge kein Hindernis mehr

Das Birnel wird von der Winterhilfe Schweiz vertrieben.

Das Birnel wird von der Winterhilfe Schweiz vertrieben.

Boris Bürgisser / «Neue Luzerner Zeitung» (8. Oktober 2014)

Im Jahr 1952 begann die Schweizer Winterhilfe laut ihrer Website mit dem Vertrieb von Birnel. Der Erlös aus dem Verkauf des veganen Naturprodukts setzt sie für die Armutsbekämpfung in der Schweiz ein. Im Oktober führt die Organisation einen grossen Birnel-Relaunch durch.

Der Winterhilfe-Birnel wird laut der Organisation ohne Mindestbestellmenge auf der Website erhältlich sein. Ebenfalls werde das Gebindesortiment erweitert, von 60 Gramm bis 25 Kilogramm. Die Verpackungen würden zudem mit neuen Etiketten versehen. Die Winterhilfe schreibt:

«Möglich macht der unkomplizierte Versand unser neuer Partner Narimpex aus Biel.»

Narimpex ist ein Schweizer Lebensmittelproduzent mit Sitz in Biel.

Bisher mussten mindestens 80 Kilogramm des «Honigs für die Armen» bei der Winterhilfe bestellt werden. «Aufgrund der doch eher geringen Nachfrage in den Vorjahren haben wir letztes Jahr auf die Birnelaktion verzichtet», so Stefan Wagner, der Leiter der Gemeindekanzlei in Windisch. Dank des Relaunchs könne nun auch in Windisch wieder bestellt werden.

Im Biofachhandel + Delikatessenverkäufer Buono stieg die Nachfrage

Christian Meier ist der Geschäftsführer des Buono Delikatessen + Biofachhandel in Brugg.

Christian Meier ist der Geschäftsführer des Buono Delikatessen + Biofachhandel in Brugg.

Carla Honold

Auch der Bioladen Buono in Brugg bietet das Birnel an. Das Geschäft unter der Leitung von Christian Meier hat zwei biozertifizierte Sorten, darunter das Erzeugnis der Winterhilfe, im Angebot. Meier erzählt:

«Im Vergleich mit 2016 verkaufen wir jetzt zweieinhalbmal so viel Birnel.»

Rund 75 Kilogramm des Naturprodukts setzt er jährlich ab. «Das Birnel ist wegen seiner Natürlichkeit und der lokalen Herstellung beliebt.» Auch Meier selbst sagt, dass er komplett hinter dem Produkt stehe.

Doch als Süssungsmittel habe das Produkt viel Konkurrenz. Meier erklärt: «Ahornsirup, Agavendicksaft und Birkenzucker sind ebenfalls beliebte Zuckerersatzprodukte.»

Beim Verein sind Kunden von jung bis alt dabei

Der Natur- und Vogelschutzverein Brugg verkauft seit 2013 Birnel. Wie es dazu kam, erklärt Aktuarin Myrta Pruijs:

«Nachdem die Stadt Brugg ihren Birnelverkauf einstellte, wurden wir darauf angesprochen, ob wir diesen nicht übernehmen könnten.»

Überzeugt habe den Verein die Nachhaltigkeit des Birnels und der wohltätige Zweck der Winterhilfe.

Das Angebot sei seither sehr beliebt. Pruijs führt aus: «Unsere Kundschaft ist quer durch den Garten: Junge, die mit dem Birnel aufgewachsen sind oder etwas Neues probieren möchten, aber auch ältere Personen, die das Produkt von früher kennen.» Jeden Samstagnachmittag kann bei der Vereinshütte in Brugg Birnel gekauft werden.

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