In den Bahnhofshallen, am Dorfbrunnen, in den Einkaufspassagen: Seit einer Woche sammeln sich an diesen Orten Menschen, die noch mehr auf ihre Smartphones starren als sonst. Grund dafür ist das Trend-Spiel der Stunde «Pokémon Go». Die kleinen virtuellen Monster aus den 90er-Jahren verstecken sich überall. Doch an einigen Orten gibt es besonders viele. Dort treffen sich die Spieler, nicken sich zu, lehnen gemeinsam gegen eine Wand, tippen wild auf dem Bildschirm herum.

Bei Nicht-Gamern, die noch nie ein Pokémon gefangen haben, wirkt dieses Verhalten höchst suspekt. Dies bestätigt der Sprecher der Kantonspolizei Aargau, Bernhard Graser, auf Anfrage des «Tages-Anzeigers»: «Am Donnerstagnachmittag erhielten wir eine Meldung über eine angeblich verdächtige Menschenansammlung in Birr.»

In den letzten Tagen hätten die Aargauer Polizisten insgesamt vier Anrufe deswegen erhalten. Den Anrufern würde jeweils das Verhalten der fraglichen Personen «verdächtig» vorkommen, sagt Graser: «Rasch zeigte sich aber, dass es sich um Pokémon-Go-Jäger handelte». Die Polizei weist darauf hin, dass auch beim Pokémon-Go-Spielen Regeln gelten. Bernhard Graser mahnt beispielsweise, man solle keinerlei Risiken eingehen. Namentlich im Strassenverkehr sei besondere Vorsicht angebracht: «Spielen am Steuer ist tabu.»

az-Redaktorin Sina Burger auf Pokémon-Jagd in der Aarauer Altstadt.

az-Redaktorin Sina Burger auf Pokémon-Jagd in der Aarauer Altstadt.

Musik: Audionautix (audionautix.com)

Auch die Gemeinde Birr sah dazu gezwungen, auf Facebook eine Meldung aufzuschalten: «Wir bitten die Game-Community um einen vernünftigen Umgang und Rücksichtnahme auf Nicht-Gamer. Bitte lasst den gesunden Menschenverstand walten, betretet kein Privatareal, haltet die Nachtruhe ein (gilt in Birr ab 20 Uhr) und räumt euren Müll ordentlich weg.»

Einige Spieler aus Birr und Lupfig haben sich in einer Whatsapp-Gruppe organisiert. «Wir sind zwischen 16 bis 20 Leute, die sich über diesen Chat austauschen», erklärt der 32-jährige Lupfiger Matthias Steger. Er spricht nach Abmachung mit den Mitgliedern der Whatsapp-Gruppe mit der az. «Altersmässig sind wir gut durchmischt: vom 16-Jährigen bis zu über 40-Jährigen sind bei uns alle mit dabei.»

Auch weitere Spieler seien willkommen in der Gruppe. Kennen gelernt haben sich diese Leute alle in Birr beim Jagen der Pokémons. «Gleich bei der reformierten Kirche gibt es drei Arenen, drei Pokestops. Deshalb ist dieser Platz bei Spielern sehr begehrt», sagt Steger. Mittlerweile kämen auch Gamer aus der weiteren Umgebung wie Schinznach oder Hausen. «Es entstehen Freundschaften, die über das Spielen hinausgehen. Oft reden wir auch über private Dinge, die uns beschäftigen.»

Gruppe organisiert Abfallsäcke

Ein paar Mal sei die Polizei aufgrund von Meldungen von Anwohnern vorbeigekommen. «Wir haben erklärt, was wir machen und die Sache war erledigt», sagt Matthias Steger. Er bringt Verständnis für die Irritation bei Anwohnern auf, genauso, wie für den Facebook-Aufruf der Gemeinde. «An den ersten beiden Tagen wurde der Platz bei der Kirche an der Pestalozzistrasse tatsächlich in einem schlechten Zustand hinterlassen.

Viele Zigarettenstummel lagen herum.» Steger und die Gruppe setzen sich nun dafür ein, dass sich die Pokémon-Spieler richtig verhalten, ihren Abfall korrekt entsorgen und die Anwohner nicht stören. Organisiert werden beispielsweise Abfallsäcke und Aschenbecher.

Die Gruppe wünscht sich, dass auf dem Platz ein öffentlicher Abfall eingerichtet wird. «Schön wäre auch, wenn man von irgendwoher Strom bekommen könnte», sagt Steger. «Denn die Handy-Akkus halten ohne zusätzlichen Strom nicht lange durch.» Diese Wünsche will die Gruppe nächstens bei der Gemeinde Birr deponieren.