Brugg-Umiken
Betreibungsamt-Leiter: «Es hat auch schon Morddrohungen gegeben»

Der Leiter des Betreibungsamtes Brugg, Renato Bösch, macht meist gute Erfahrungen mit Schuldnern, aber nicht nur. Bei Zahlungsproblemen rät er ihnen, offen mit Gläubigern zu kommunizieren. Jugendliche sollten über Finanzen aufgeklärt werden.

Claudia Meier
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Renato Bösch in seinem Büro. Seit Januar 2011 leitet er das Betreibungsamt Brugg im ehemaligen Gemeindehaus in Umiken.

Renato Bösch in seinem Büro. Seit Januar 2011 leitet er das Betreibungsamt Brugg im ehemaligen Gemeindehaus in Umiken.

Chris Iseli

Der Umgang mit Geld will gelernt sein. Renato Bösch, Leiter des Betreibungsamtes Brugg, hat klare Vorstellungen: «Sobald der erste Lohn auf dem Konto eintrifft, sollten die Jugendlichen über Betreibungen und die Schuldenspirale Bescheid wissen.»

Gemäss Bösch wäre es am besten, die jungen Leute bereits an der Oberstufe oder spätestens während der Lehre über Finanzen aufzuklären – zwei Lektionen könnten seiner Meinung nach bereits reichen. Viele wüssten nämlich nicht, wie man ein Budget erstelle und Geld für Ferien oder Steuern auf die Seite lege.

Bösch macht immer wieder die Erfahrung, dass Kinder von Eltern, die betrieben wurden, ebenfalls und noch leichtfertiger in die Schuldenfalle+ tappen. Dafür gebe es vielfältige Gründe: Unkenntnis der fixen Kosten, Mangel an Selbstdisziplin, vermeintlich attraktive Leasingangebote mit sachbedingten teuren Vollkaskoversicherungen, bequemes Konsumieren im Internet oder das unkomplizierte Wechseln des Telefonanbieters. «Dabei wäre die Regel so simpel: Nicht mehr ausgeben als einnehmen», betont der 50-Jährige.

Gefahr für Kleinunternehmen

Oft würden auch Steuern und Krankenkassenprämien schlecht bezahlt. «Mieten hingegen werden selten betrieben», räumt Bösch ein.

Und was bringt eigentlich der Betreibungsregisterauszug? Fest stehe, dass ein Auszug ohne Einträge noch keine Garantie für eine Wohnung sei. Der Leiter des Betreibungsamtes erklärt: «Ich kenne Fälle, in denen Leute mit einer Seite Betreibungen eine Mietwohnung bekommen haben und andere ohne Eintrag gingen leer aus.»

Trotzdem sei der Registerauszug für den Vermieter ein wichtiger Anhaltspunkt, weil er auf einen Blick sieht, ob es Miet-Betreibungen gebe oder nicht.

Bei rund 90 Prozent aller Betreibungen im Jahr 2013 in der Stadt Brugg gehe es um Beträge unter 5000 Franken. Bösch sagt dazu: «Jede Betreibung ist wirtschaftsschädigend. Heutzutage gibt es leider noch viel zu viele gutgläubige Gläubiger – vor allem bei Jung- und Kleinunternehmern.»

Sie getrauten sich oft nicht, einen Betreibungsregisterauszug zu verlangen respektive Kunden zu betreiben. Damit brächten sich die Unternehmer aber oft selber in finanzielle Schwierigkeiten, schildert er die Abwärtsspirale.

Über 90 Mio. Franken Forderungen

Im Januar 2011 zügelte das Betreibungsamt Brugg von der Alten Post in der Brugger Altstadt ins leerstehende Gemeindehaus nach Umiken. Dieser Standort bewähre sich, auch wenn die Lage weniger zentral sei als früher, so Bösch.

Dem regionalen Amt gehören neben der Stadt Brugg die Gemeinden Bözberg, Habsburg, Mönthal, Remigen, Riniken, Rüfenach, Villigen und Villnachern an. Die Fallzahlen sowie die Gesamtsumme der Forderungen per Ende 2013 von über 90 Mio. Franken sage nichts über die Zahlungsmoral der Bevölkerung aus.

Im Gegenteil: «Die Zahlen bieten viel Interpretationsspielraum», betont Bösch. Die Zahl der Zahlungsbefehle könne von Jahr zu Jahr stark variieren. Zuzug oder Wegzug von Familien mit «einem entspannten Verhältnis zur Zahlungsmoral» seien oft verantwortlich für grössere Schwankungen. Trotzdem gilt die Faustregel: Je weniger Betreibungen desto besser.

Im Jahr 2013 habe in der Stadt Brugg und den grösseren Gemeinden des vom Betreibungsamt Brugg verwalteten Gebiets im Durchschnitt jeder 5. Einwohner eine Betreibung kassiert. In kleineren Gemeinden sei es nur jeder 10. und in der Gemeinde Habsburg sogar nur jeder 16. gewesen.

Hinter jedem Fall sieht Bösch das einzelne Schicksal. Nicht immer führt nur Selbstverschulden zu Betreibungen. Denn: Unfälle, Krankheiten, Arbeitslosigkeit oder Scheidungen können die finanzielle Situation von einem Tag auf den anderen unfreiwillig auf den Kopf stellen. «Früher waren bei Scheidungen die Frauen benachteiligt. Heute sind es die Männer», so Bösch.

Trotz teilweise grossem Druck verhalte sich der allergrösste Teil der Schuldner korrekt. Manchmal seien sie aber sehr kreativ, wenn es darum gehe, Ausreden zu finden, wenn Termine nicht eingehalten wurden. Bösch räumt ein: «Es hat auch schon Morddrohungen gegeben.»

Wie umgeht man Betreibungsamt?

Mit Blick auf das erste Quartal rechnet er dieses Jahr wieder mit höheren Fallzahlen. Ist der Zahlungsbefehl rechtskräftig und konnte mit dem Gläubiger keine Vereinbarung getroffen werden, erfolgt bei entsprechendem Fortsetzungsbegehren die Pfändung. «Pfändungen sind für die Schuldner sehr einschneidend.»

Damit es nicht so weit kommt, rät Bösch allen Schuldnern, bei Zahlungsschwierigkeiten, offen und ehrlich mit dem Gläubiger zu sprechen. Oft könne man sich so den Weg über das Betreibungsamt sparen, wenn man dem Gläubiger den geschuldeten Betrag in monatlichen Raten zahle. Läuft aber bereits eine Lohnpfändung, ist das nicht mehr möglich. Gemäss dem Leiter des Betreibungsamts lohne es sich auch, den Arbeitgeber zu informieren.

Dieser schiesse den Betrag manchmal vor und ziehe die Raten direkt vom Lohn ab. Manchmal können auch Bekannte oder Familienmitglieder weiterhelfen. Es brauche zwar Mut, diese anzufragen, so Bösch. Eine private Lösung sei aber oft humaner als die gesetzliche über das Betreibungsamt.

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