Brugg/Schinznach-Dorf
Beschuldigte vor Gericht: «Als wäre mir ein Tier ins Auto gerannt»

Er, der Privatkläger, sagt, dass er einen Leuchtstock und einen reflektierenden Rucksack trug. Sie, die Beschuldigte, sagt, dass sie niemanden auf der Strasse gesehen hat. Es kommt zum Unfall zwischen Auto und sehbehindertem Fussgänger.

Louis Probst
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Weder ein Trottoir noch eine Beleuchtung: Hier wurde der Mann angefahren.

Weder ein Trottoir noch eine Beleuchtung: Hier wurde der Mann angefahren.

Louis Probst

«Ich habe niemanden auf der Strasse gesehen», erklärte die Beschuldigte bei der Augenscheinverhandlung. «Es war, als wäre mir ein Tier ins Auto gerannt. Von der Seite her kam plötzlich etwas Schwarzes. Als ich die Autotür öffnete, hörte ich aber das Jammern.»

Das Jammern stammte von einem Fussgänger, der an diesem Novemberabend in der gleichen Richtung wie die Beschuldigte auf der Oberdorfstrasse in Schinznach-Dorf talaufwärts unterwegs gewesen war – just in jenem Bereich der Strasse, in dem es weder ein Trottoir noch eine Beleuchtung gibt.

Durch den Aufprall hatte der sehbehinderte Mann, der nach eigenen Angaben am linken Strassenrand ging und einen weissen, reflektierenden Leuchtstock und Rucksack trug, mehrere Knochenbrüche und weitere Verletzungen erlitten.

Die Staatsanwaltschaft warf der Automobilistin pflichtwidriges Verhalten vor, «weil sie ihr Fahrzeug an einer ihr bekannten und bekanntermassen von Fussgängern frequentierten Stelle mit einer Geschwindigkeit führte, die es ihr nicht mehr ermöglichte, Fussgängern auszuweichen, respektive ihr Fahrzeug zum Stillstand abzubremsen».

Die Anklägerin beantragte, die Beschuldigte sei wegen fahrlässiger Körperverletzung zu einer bedingten Geldstrafe von 50 Tagessätzen zu 80 Franken sowie zu einer Busse von 800 Franken zu verurteilen.

«Keine gescheite Aktion»

Der Fussgänger, der in seiner Eigenschaft als Privatkläger als Auskunftsperson befragt wurde, erklärte, dass er am linken Strassenrand gegangen sei. Er sei aber geblendet worden und gegen die Strassenmitte abgedriftet. «Ich habe den Strassenrand verloren», sagte er.

Er habe auch nichts gehört, erklärte er. Er habe Kopfhörer getragen – zwar nicht am Ohr, sondern am Hals – und habe Musik gehört. Den Leuchtstock, der gemäss Akten am Unfallort nicht auffindbar war, habe er ganz sicher dabeigehabt.

«Es war zweifellos keine gescheite Aktion meines Mandanten, dunkel gekleidet an dieser dunklen Stelle zu gehen», räumte der Rechtsvertreter des Privatklägers ein. Er verwies aber auf den «Sofa-Entscheid» des Bundesgerichts und betonte: «Mit unbeleuchteten Hindernissen auf der Fahrbahn ist stets zu rechnen.»

Die Sichtweise der Beschuldigten sei nicht erstellt. Sie sei schuldig zu sprechen und seinem Mandanten eine Parteientschädigung zuzuweisen.

Der Verteidiger der Beschuldigten beantragte Freispruch. Er machte Widersprüche in den Aussagen des Privatklägers und Zweifel an dessen Glaubwürdigkeit geltend. Der Privatkläger habe sich nie auf der Fahrspur seiner Mandantin befunden, betonte er. Es sei zudem nicht rechtsgenüglich erstellt, dass der Kläger den Leuchtstock verwendet habe.

Sichere Verbindung vorhanden

Der Kläger sei auch nicht gehalten gewesen, diesen gefährlichen Weg zu benutzen, weil eine sichere Verbindung bestehe. Schliesslich werde in der Anklage verschwiegen, dass der Kläger zum Zeitpunkt des Vorfalles mit 1,3 Promille erheblich angetrunken gewesen sei.

Der Anwalt der Beschuldigten verwies auf Zeugenaussagen, wonach kurz vor der Kollision ein Autofahrer eine Vollbremsung habe machen müssen, weil der Kläger auf der Strasse gegangen sei.

«Das Fehlverhalten des Privatklägers ist offenkundig», betonte der Verteidiger. «Meine Mandantin dagegen hat sich korrekt verhalten. Die Kollision ist einzig durch das verkehrswidrige Verhalten des Privatklägers verursacht worden.»

Bezirksgerichtspräsidentin Roth sprach die Beschuldigte frei. Es gäbe nur die Aussagen des Klägers, wonach er mit Leuchtstock und reflektierendem Material ausgerüstet gewesen sei, erklärte sie in der mündlichen Begründung des Urteils.

Er sei auch nicht am linken Strassenrand gegangen. Weil er die Orientierung verloren habe, sei er an den rechten Rand der linken Fahrbahn geraten und aus der Dunkelheit heraus unvermittelt ins Auto gelaufen. Damit habe die Automobilistin nicht rechnen müssen. Somit liege auch keine Verletzung der Sorgfaltspflicht vor.

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