Bezirksgericht Brugg
Beschimpft, angespuckt, Haare ausgerissen: Betrunkene Mutter wird in Zelle zur Furie

Eine Frau hat gewütet wie eine Furie und ist massiv gegen Polizisten vorgegangen. Ins Gefängnis muss die Sozialhilfebezügerin trotzdem nicht, entscheidet das Bezirksgericht Brugg.

Michael Hunziker
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Die Frau vor dem Bezirksgericht in Brugg.

Die Frau vor dem Bezirksgericht in Brugg.

Tele M1

Etwas wortkarg, aber artig gibt sie Antwort oder nickt mit dem Kopf. Allerdings: Vesna (Name geändert) kann auch ganz anders. Mitten in der Nacht im April des letzten Jahres randalierte sie – stark alkoholisiert – nach einem Streit mit ihrem Freund lautstark vor dessen Haus. Die Kantonspolizei wurde auf den Plan gerufen, nahm sie mit auf den Posten im Brugger Wildischachen.

Die betrunkene Frau liess sich nicht beruhigen, wütete in der Zelle, spuckte der Polizistin ins Gesicht, biss ihr in den Arm, kratzte sie mit den Fingernägeln und riss ihr ein ganzes Haarbüschel aus. Zwei Polizisten eilten zu Hilfe und legten Vesna in Hand- und Fussfesseln, woraufhin diese die Polizisten mit allerlei Schimpfwörtern eindeckte, sie als «Arschlöcher», «Scheissbullen» oder «Schlampe» bezeichnete. Die Polizistin zog sich beim Zwischenfall mehrere Biss- und Kratzwunden zu.

Delikte sind keine Bagatellen

Wegen mehrfacher Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte, einfacher Körperverletzung sowie Beschimpfung musste Vesna gestern vor dem Bezirksgericht Brugg antraben. Die gepflegte, blonde 28-Jährige – sportlich-elegant gekleidet mit weisser Bluse, engen braunen Jeans und Turnschuhen – ist nicht das erste Mal mit dem Gesetz in Konflikt geraten und hat bereits mehrere Einträge im Strafregister. Die Palette reicht von Körperverletzung und Diebstahl bis zu Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch.
Es handle sich nicht um Delikte im Bagatellbereich, stellte Michael Plattner fest, der ausserordentliche Gerichtspräsident. Beim jüngsten Vorfall sei das Verhalten nur schwer nachvollziehbar.

Vesna versuchte zu erklären, dass ihr Alkoholkonsum zu dieser Reaktion geführt habe. «Das war nicht ich.» Ihr psychischer Zustand sei gar nicht gut gewesen damals. Sie habe Probleme gehabt, sei dann auch noch provoziert worden und aggressiv geworden. Sie habe Dinge gemacht und Sachen gesagt, die ihr leidtun, räumte sie ein.

Sie habe sich vorgenommen, sich zu bessern, versicherte Vesna. Damit so etwas nicht mehr passieren könne, habe Abstand genommen vom Alkohol. Auch habe sie die Hilfe eines Psychiaters in Anspruch genommen. Die Behandlung wurde letztes Jahr abgeschlossen. Eine weitere Therapie, antwortete sie auf die entsprechende Frage, brauche sie nicht.

Vesna ist Staatsbürgerin von Serbien-Montenegro und wohnt im Aargau. Einen Lehrabschluss hat sie nicht. Sie beziehe Sozialhilfe, von Beruf sei sie Hausfrau, sagte sie, musste sich beim Gerichtspräsidenten aber zuerst danach erkundigen, was der Begriff «Erwerbstätigkeit» bedeutet. Sie denke darüber nach, dereinst ein Nagelstudio zu eröffnen, antwortete sie auf die Frage nach ihrer Zukunft. Sobald ihr Sohn den Kindergarten besuche, könne sie anfangen und die entsprechenden Kurse besuchen.

So geht es nicht weiter

Der Umstand, dass sie Mutter eines kleinen Buben ist, berücksichtigte das Gericht bei seinem Urteil; genauso floss in die Überlegungen ein, dass die Beschuldigte eine Therapie in Angriff genommen hatte und geständig war. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Freiheitsstrafe von 6 Monaten gefordert. Das Gericht fällte nun ein milderes Urteil und verurteilte Vesna zu 360 Stunden gemeinnütziger Arbeit. Sie könne auf diese Weise der Gesellschaft etwas zurückgeben, sagte Plattner. Er redete der Frau ins Gewissen: «Machen Sie Gebrauch von dieser Möglichkeit.» Denn sonst könne es sein, fuhr der Gerichtspräsident fort, dass sie doch noch ins Gefängnis wandere. Ebenfalls müsse sie sich bewusst sein, dass es eine Gesetzesänderung gegeben habe und ein Gericht – wenn sich die Delikte kumulieren – eine Landesverweisung aussprechen könnte. Ihr müsse klar sein, dass es so nicht weitergehe.

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