Berufsstolz
Brugger Messerschmied Romano Chiecchi: «Ich war noch nie in der Migros im Neumarkt»

Nach 67 Berufsjahren ist Romano Chiecchi aus gesundheitlichen Gründen gezwungen, seine Passion aufzugeben. Vom 10. bis 13. November öffnet er mit seiner Ehefrau Rosmarie die Ladentür für den letzten Ausverkauf. Der begabte Handwerker und ehemalige Kunstturner blickt auf die wichtigsten Episoden in seinem Leben zurück.

Claudia Meier
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Messerschmied Romano Chiecchi zeigt seine Werkstatt an der Hauptstrasse 62 in Brugg.

Messerschmied Romano Chiecchi zeigt seine Werkstatt an der Hauptstrasse 62 in Brugg.

Claudia Meier
(4. November 2021)

«Ich bin nicht krank, ich habe einfach ein Handicap», sagt Romano Chiecchi, während er mit dem Finger auf das Sprachventil am Hals drückt. Die Diagnose Kehlkopfkrebs hat den letzten selbstständigen Messerschmied im Kanton Aargau dazu gezwungen, seinen Beruf nach 67 Jahren an den Nagel zu hängen.

Der Entscheid, das Geschäft in der unteren Brugger Altstadt nicht mehr zu öffnen, fiel nach einer fünfstündigen Operation im Frühjahr und 35 Bestrahlungen. Der 82-Jährige fügt an:

«Für mich ist schon eine Welt zusammengebrochen, denn ich bin ein Vollblut-Messerschmied und kann fast nicht anders.»

Doch die Ärzte haben Romano Chiecchi empfohlen, nicht mehr in der Werkstatt zu arbeiten und sich zu schonen. Obwohl er inzwischen genesen sei und wieder essen und trinken könne, fehle es ihm noch an Kraft und Gewicht, erzählt seine Ehefrau Rosmarie. Die 84-Jährige musste bereits vor ein paar Jahren aufgrund von Rückenproblemen im Laden kürzertreten.

Das Geschäft von Romano Chiecchi befindet sich links vom Amtshaus, nicht weit vom Schwarzen Turm entfernt.

Das Geschäft von Romano Chiecchi befindet sich links vom Amtshaus, nicht weit vom Schwarzen Turm entfernt.

Michael Hunziker
(16. Mai 2019)

Jetzt hat sich das Paar mit der neuen Situation zurechtgefunden und entschieden, für den letzten Ausverkauf diese Woche nochmals Kundschaft an der Hauptstrasse 62 zu empfangen. Von Mittwoch bis Freitag, 10. bis 12. November, steht der Laden jeweils von 14 bis 18 Uhr offen und am Samstag, 13. November, von 10 bis 14 Uhr.

«Wir haben noch von allem, einfach nicht mehr so viel», antwortet Romano Chiecchi auf die Frage nach dem Sortiment und schmunzelt. Ob Brot-, Gemüse- oder Sackmesser, Rebschere oder Fischereiartikel: Das Fachgeschäft macht seinem Namen bis am Schluss alle Ehre.

In der Werkstatt ist man um Jahrzehnte zurückversetzt

Romano Chiecchi mit seiner Vierfach-Poliermaschine.

Romano Chiecchi mit seiner Vierfach-Poliermaschine.

Claudia Meier
(4. November 2021)

Beim Betreten der Werkstatt mit dem Fenster Richtung Aare ist viel Wehmut zu spüren. Sanft streift Romano Chiecchi mit der Hand über die Vierfach-Poliermaschine. Unzählige Steakmesser, Scheren von Schulen und Coiffeuren oder Rebscheren wurden in diesem Raum schon geschliffen und auf Hochglanz gebracht.

Es ist, als würde man in eine andere Welt – Jahrzehnte zurückversetzt – eintauchen, für jeden Kundenwunsch hat der talentierte Handwerker das richtige Werkzeug und die passende Maschine griffbereit. In der Mitte des Raums steht ein Holztisch. Arbeitsflächen und Regalbretter sind zum Schutz mit alten Zeitungen abgedeckt.

«Meine Frau ist mein goldener Engel»: sagt Romano Chiecchi.

Video: Lüt usem Aargau (21. Juni 2017)

Den Grundstein des Geschäfts legte Vater Bruno Chiecchi 1938 im Windischer Reutenenquartier mit einer Hohl- und Feinschleiferei. Zwei Jahre später zog die Familie in die Brugger Altstadt um. Der Laden für Stahlwaren, Besteck und elektrische Rasierapparate wurde 1950 eröffnet.

Nicht mit Euphorie, sondern aus Vernunft habe er 1954 die Messerschmiedlehre in Zürich angefangen, erzählte Romano Chiecchi dieser Zeitung im März 2013, als der Gewerbeverein Brugg, bei dem er seit der Gründung Mitglied ist, sein 50-Jahr-Jubiläum feierte. «Klick hat es erst gemacht, als ich mein erstes Messer angefertigt hatte», fügte er an.

Der Grossverteiler ritzte am Berufsstolz der Messerschmiede

Ein erstes Mal heftig an Chiecchis Berufsstolz geritzt hat die Migros, als der Brugger noch in der Lehre war. Der Grossverteiler baute sein Filialnetz und Sortiment im grossen Stil aus. Angestachelt durch seinen Lehrchef, der nicht darüber hinwegkam, dass die Migros begonnen hatte, Scheren zu verkaufen, hat Romano Chiecchi den Grossverteiler bis heute gemieden. «Ich war noch nie in der Migros im Neumarkt», sagt der 82-Jährige.

Diese Aussage eines Bruggers kann man kaum glauben, wenn man sie das erste Mal hört. Doch Chiecchis Ehefrau Rosmarie nickt. Vielleicht ist dieses sture Festhalten am Berufsstolz auch sein Erfolgsrezept. Denn Romano Chiecchi geht ungern Kompromisse ein.

Romano Chiecchi trommelte 1951 bei den Kadetten.

Romano Chiecchi trommelte 1951 bei den Kadetten.

zVg

Als talentierter Tambour bei den Kadetten, Stadtmusik-Trommler und Schlagzeuger in verschiedenen Jazzbands sowie ambitionierter Kunstturner, gab der junge Messerschmied die Musik zu Gunsten der Sportkarriere auf. An unzähligen Kursen in Magglingen liess sich Romano Chiecchi im Kunstturnen zum Instruktor und Experten ausbilden.

Im Alter von 55 Jahren hörte er als Trainer auf. «Bis dahin war ich topfit und machte auch noch den Handstand», erzählt Romano Chiecchi. Auf seine Trainerjacke vom STV Brugg angesprochen, die er während des Gesprächs mit der AZ trägt, strahlt er und sagt:

«Ich habe rund ein Dutzend Traineranzüge. Immer wenn der Turnverein einen neuen lanciert hat, habe ich den Verein unterstützt. Und jetzt, wo ich nicht mehr arbeite, kann ich sie noch austragen.»

Seine Grundfitness dürfte mitgeholfen haben, dass er die intensive Kehlkopfkrebs-Behandlung gut überstanden hat. Mit morgendlichen Übungen und Krafttrainings in den eigenen vier Wänden sowie Spaziergängen hält sich das Ehepaar, so gut es noch geht, fit.

Das Geschäft musste er von einem Tag auf den anderen übernehmen

Jahrelang hoffte Romano Chiecchi, eine Nachfolge für sein Geschäft zu finden. Vergebens. Er und seine Rosmarie wurden 1962 ins kalte Wasser geworfen, als sie das Geschäft von einem Tag auf den anderen übernehmen mussten, weil Vater Bruno Chiecchi mit dem Auto tödlich verunfallt war. Über ein halbes Jahrhundert lang war Romano Chiecchi auch treuer Warenmarkteilnehmer im Kanton Aargau.

Letzter Klausmarkt für Messerschmied Romano Chiecchi und seine Frau Rosmarie. Zum Abschied gibt es Geschenke von (von links): Andreas Lüscher (Regionalpolizei Repol Brugg), Walter Huber (Assistent Marktchef) und Rolf Hitz (Marktchef).

Letzter Klausmarkt für Messerschmied Romano Chiecchi und seine Frau Rosmarie. Zum Abschied gibt es Geschenke von (von links): Andreas Lüscher (Regionalpolizei Repol Brugg), Walter Huber (Assistent Marktchef) und Rolf Hitz (Marktchef).

Michael Hunziker
(13. Dezember 2016)

Im Dezember 2016 schloss er dieses Kapitel ab, um sich auf die Werkstatt und die vielen Stammkunden – vor allem von auswärts – zu konzentrieren. Fürs Messer- und Scherenschleifen empfiehlt er der Privatkundschaft das Stahlwarengeschäft Lorenzi in Baden und den Berufsleuten sowie Schulen Messerschmied Hansjörg Kilchenmann in Basel.

Chiecchis haben einen Sohn und eine Tochter sowie vier Enkel und zwei Urenkel. Mehrtägige Ausflüge liegen allerdings nicht mehr drin. Die Spitex kommt zweimal am Tag beim Messerschmied vorbei, um das Tracheostoma zu reinigen. Nachdem das Geschäftsleben zuerst durch die Coronapandemie abgebremst und durch die Krebsdiagnose beendet wurde, hofft das Paar, das den Humor zum Glück nicht verloren hat, noch viele Jahre füreinander da sein zu können.

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