«Ich gehe mit einem zwiespältigen Gefühl: Einerseits bin ich im Heim wieder auf den Boden gekommen. Anderseits hätte ich draussen schon überlebt.» Dieses Fazit eines Jugendlichen zum Ende seines Aufenthaltes im Berufsbildungsheim Neuhof in Birr – zu lesen in der Jubiläumsausstellung – spricht für sich und für den Neuhof.

Ein zwiespältiges Gefühl allerdings dürften die Gäste, die Neuhof-Gesamtleiter Jörg Scheibler zur Jubiläumsfeier im Gewächshaus begrüssen konnte, wohl kaum gehabt haben. Dafür sorgte schon der Troubadur Bruno Bieri, der mit «Hang und Xang» für eine höchst vergnügliche Verbindung zwischen den Ansprachen sorgte.

Der Zweck bleibt unverändert

«Die Gärtnerei ist seit früher Zeit Teil des Betriebs», sagte Jörg Scheibler. «Wie das Gewächshaus, das heute auch für Anlässe genutzt wird, hat sich der Neuhof stetig entwickelt und angepasst. Und er wird das auch weiterhin tun, denn sonst könnte er seinen Auftrag nicht erfüllen.Der Zweck des Neuhofs ist derselbe wie vor 100 Jahren.» Nämlich mit einem breiten Wohn-, Schul- und Ausbildungsangebot Jugendliche bei der beruflichen und sozialen Integration zu unterstützen und zu fördern.

«100 Jahre sind mehr als ein Menschenleben», gab Bildungsdirektor Alex Hürzeler zu bedenken. «In dieser Zeitspanne hat sich viel verändert. Das gilt auch für die Integration Jugendlicher.» Habe es früher geheissen «ab ins Heim», laufe es heute anders – transparenter, gerechter, professioneller, aber auch aufwendiger.

«Ein Heimaufenthalt ist eine einschneidende Massnahme und soll es auch sein», betonte Hürzeler. «Es ist die letzte Massnahme für einen Jugendlichen, um im Leben wieder Tritt zu fassen und den Anforderungen der Gesellschaft und der Arbeitswelt gerecht werden zu können. Der Neuhof deckt eine grosse Lücke, und er leistet hervorragende Arbeit. Es wird ihn auch künftig brauchen.»

«Besonderer Status»

«Als erste und letzte Wirkungsstätte von Johann Heinrich Pestalozzi geniesst der Neuhof einen besonderen Status», stellte Heinz Sager fest, der Präsident der Neuhof-Trägerstiftung. Er ging auch auf die Geschichte des Berufsbildungsheims ein, an deren Anfang die Gründung der Stiftung und der Erwerb des Neuhofs standen. «Seither», so Heinz Sager, «haben weit mehr als 2000 Jugendliche einen längeren oder kürzeren Aufenthalt auf dem Neuhof absolviert, und die Mitarbeitenden des Berufsbildungsheims haben mit ihrer anspruchsvollen Arbeit den Jugendlichen den Weg für eine gute Zukunft in der Gesellschaft bereitet.»

Drei Geschichten aus verschiedenen Zeiten – eine Massenschlägerei unter Jugendlichen, eine «traditionelle» sonntägliche Schlägerei zwischen Jugendlichen zweier Nachbardörfer und der «Saubannerzug» von anno 1477 – nahm Josef Sachs, Chefarzt Forensik Psychiatrische Dienste Aargau AG, zum Ausgangspunkt, um auf die Entwicklung im Massnahmenvollzug für Jugendliche – den Wandel von «bösen Buben» zu «dissozialen Jugendlichen» – einzugehen.

«Heime», so Josef Sachs, «waren stets wichtige Elemente der Massnahmen. Die Heime sind heute aber nicht mehr vergleichbar mit jenen früherer Jahre. Ein zusätzlicher Innovationsschub ist durch die forensische Psychiatrie ausgelöst worden. Wie bei allen guten Entwicklungen gibt es aber auch Nebenwirkungen.»

Diese Nebenwirkungen diagnostizierte Josef Sachs in einer «Pathologisierung der Kriminalität»; in der zunehmenden Verlagerung von der sozialpädagogischen Arbeit zu jener am Schreibtisch sowie zum «Weichspülen des Redens und des Handelns».

Sachs wandte sich gegen den flächendeckenden Einsatz von Medikamenten und Psychotherapien. «Heime dürfen nicht psychiatrische Kliniken im Taschenformat werden», mahnte er. Er sprach sich für den sozialpädagogischen Ansatz aus. «Wichtigstes Werkzeug der Sozialpädagogik ist die Beziehung», gab er zu bedenken. «Und diese Beziehung findet im direkten Kontakt mit den Jugendlichen statt.»