Windisch

Bereits mit 33 Jahren war er der höchste Windischer – nun tritt Martin Schibli ab

In seinem Wohnzimmer erzählt Martin Schibli, warum er sich politisch engagiert und wie sich Windisch entwickelt hat.

In seinem Wohnzimmer erzählt Martin Schibli, warum er sich politisch engagiert und wie sich Windisch entwickelt hat.

Martin Schibli hört auf, wenn viele andere erst in die Politik einsteigen: Der 49-jährige EVP-Einwohnerrat tritt Ende Jahr als amtsältestes Mitglied nach fast einem Vierteljahrhundert aus dem Gemeindeparlament Windisch zurück.

Er ist noch nicht einmal 50 Jahre alt und wurde an der letzten Einwohnerratssitzung im Campussaal als amtsältestes Mitglied aus dem Windischer Gemeindeparlament verabschiedet: Nach 23 Jahren freut sich Martin Schibli auf mehr erholsame Zeit und eine längere Verschnaufpause von der Politik, wie er beim Gespräch mit der AZ in seinem Wohnzimmer erzählt.

In seinem Rücktrittsschreiben erwähnte er, dass sich die Geschäfte zum Teil wiederholt haben. Als Beispiel nennt der im Bau- und Umweltbereich tätige Ingenieur das Wasserreglement, über das er an seiner letzten Einwohnerratssitzung zum dritten Mal in seiner Laufbahn abgestimmt hat.

Mit 33 Jahren war er der höchste Windischer

Politisch war der zweifache Familienvater, der in Hausen aufwuchs und seit 1996 in Windisch lebt, nicht vorbelastet. Als Cevi-Jungscharleiter wurde er 1997 von EVP-Einwohnerrätin Madeleine Nater angefragt, ob er für den Einwohnerrat kandidieren würde. Die Chance gewählt zu werden, sei gering.

Heute muss Martin Schibli schmunzeln, wenn er an diesen Satz denkt. Denn die EVP holte einen dritten Sitz und dem Jungpolitiker gelang mit 296 Stimmen auf Anhieb der Sprung ins 40-köpfige Gemeindeparlament. Insgesamt 90 Personen kandidierten damals. Heutzutage sind die Parteien schon froh, wenn sie bei einem freiwerdenden Sitz nicht jemanden nachnominieren müssen.

Bereits in der ersten Amtsperiode war Martin Schibli Mitglied der Finanz- und Geschäftsprüfungskommission (FiGPK). Mit ihm wurde damals auch Heidi Ammon, die aktuelle SVP-­Gemeindepräsidentin, neu in die FiGPK gewählt.

Im Alter von 31 Jahren wurde Schibli Vizepräsident des Einwohnerrats. In bester Erinnerung geblieben ist ihm der Schlusshöck 2003 im Schulhaus Chapf, als alle bis morgens um 1.30 Uhr aufräumten und putzten. 2004/2005 präsidierte Martin Schibli den Rat und war somit der höchste Windischer.

«Positiv, dass die Gemeinde nicht immer nur spart»

Von seinen Kollegen wird der scheidende Lokalpolitiker als äusserst fundierter, eher ruhiger Einwohnerrat beschrieben, dessen Voten gut überlegt und konstruktiv sind, selbst wenn er sich kritisch äussert. Der Ingenieur hat in seiner Wohngemeinde grosse Entwicklungsschritte miterlebt. «Die Verwaltung ist professioneller und digitaler geworden», blickt Martin Schibli zurück.

Auch der Finanzprozess habe sich «gewaltig entwickelt». Grundsätzlich findet es der EVPler positiv, dass seine Gemeinde nicht immer nur spart, sondern auch in einen attraktiven Wohn- und Arbeitsort investiert und den Blick nach vorne richtet. In Windisch wird nach wie vor viel gebaut.

Die Beziehung mit Brugg ­bezeichnet der 49-Jährige als speziell. Da sind einerseits gute Bekanntschaften zu Bruggern und andererseits wechselvolle Engagements etwa für den Fachhochschulstandort und die Umsetzung der Vision Mitte. Grundsätzlich fand Schibli den enormen Entwicklungsprozess rund um den Campus spannend mit interessanten Vorschlägen von aussen. Dass die Campuspassage am Bahnhof Brugg unter den Gleisen noch nicht modernisiert ist, sollte man ­seiner Meinung nicht dramatisieren.

Jetzt ist es auch entlang der Kantonsstrasse dunkel

Für die Bevölkerung sichtbare Spuren hat Martin Schibli mit seiner Motion für die Nachtabschaltung der Strassenbeleuchtung hinterlassen. Seit vier Jahren ist es in Windisch nachts zwischen 1 und 5 Uhr dunkel. Die Motion, die Schibli 2014 zusammen mit Parteikollegin Ursula Fehlmann eingereicht hatte, wurde im Einwohnerrat haarscharf mit 18 zu 17 Stimmen gutgeheissen.

Daraufhin ergriff die SVP das Referendum. An der Urnenabstimmung fiel das Resultat mit 1390 zu 1295 Stimmen ebenfalls knapp aus. Dass die Strassenlampen in der Folge nachts auch entlang der Kantonsstrassen abgelöscht werden, erstaunte dann sogar den Motionär. Schiblis Motivation für den Vorstoss war, die Lichtverschmutzung zu reduzieren sowie Energie und Geld zu sparen. Zudem hatten andere Gemeinden die Nachtabschaltung ebenfalls schon eingeführt. Er könne aber auch verstehen, dass die Massnahme für gewisse Leute ein Nachteil sei.

Der Geschäftsführer eines Ingenieurbüros, das unter anderem Infrastrukturanlagen zur Wasserversorgung plant und etwa 25 Angestellte hat, ist sich bewusst, dass der Gemeinderat für die Umsetzung der politischen Entscheide zuständig ist. «Manchmal tut mir der Gemeinderat leid. Er kann machen, was er will, aber jemand reklamiert immer», sagt Schibli.

Angesichts der zunehmend komplexeren Themen ist es dem scheidenden Einwohnerrat ein grosses Anliegen, dass gemeinsam sachbezogen nach zukunftsfähigen Lösungen gesucht wird. Um das zu erreichen, müsse man dem Gemeinderat auch zutrauen, dass er sich für das Wohl der Gemeinde einsetzt. «Manchmal werden Feindbilder geschaffen. Dabei suchen wir doch alle nach guten Lösungen», sagt Schibli. Im Gegensatz zur Gemeindeversammlung trage der Einwohnerrat in Windisch mit Konstanz und Systematik zu besseren Lösungen bei, lautet seine Überzeugung.

Für die EVP hat sich Martin Schibli entschieden, weil die Partei thematisch breit aufgestellt ist, sich an christlichen Werten orientiert und kein Fraktionszwang herrscht.

Junge Finanzanalystin tritt in Schiblis Fussstapfen

Im Gegensatz zu früher gibt es heutzutage häufiger Wechsel in der Politik. Martin Schibli strebt zwar vorläufig kein neues politisches Amt an, der EVP bleibt er aber als Ortsparteipräsident treu. Seine Nachfolgerin im Einwohnerrat wird die 28-jährige Finanzanalystin Kathrin Büchli. Sie wurde nachnominiert, weil von der Ersatzliste niemand zur Verfügung stand. Coronabedingt war Schiblis Verabschiedung an der Einwohnerratssitzung im Campussaal etwas steril und distanziert. «Ich hätte den Rat gerne zu einem Apéro eingeladen, was leider nicht möglich war», hält er fest.

Für Windisch wünscht er sich, dass sein Dorf die gute Offenheit bewahren und sich weiterentwickeln kann, die Vereine aktiv bleiben und sich die Leute stets trauen, auch bilateral und konstruktiv nach Lösungen zu suchen. Und wenn die Coronapandemie vorbei ist, wäre es wieder Zeit für ein Dorffest.

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