Windisch
Bei Stefanie Geiser dreht sich alles um Obst - vor allem aber um Äpfel

Stefanie Geiser aus Windisch ist die einzige lernende Obstfachfrau im Kanton Aargau. Die Erntezeit beschreibt sie als schönste Zeit im Jahr.

Erik Schwickardi
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Ein Apfel passt immer – Stefanie Geiser mit Jonagold-Äpfeln.

Ein Apfel passt immer – Stefanie Geiser mit Jonagold-Äpfeln.

Alex Spichale

Ich esse jeden Tag zwei bis drei Äpfel – sie sind gesund und geben Schwung für den ganzen Tag», lacht Stefanie Geiser (20). «Meine Lieblingssorten sind der saftige Rubinette und der süss-sauer aromatische Elstar», verrät die derzeit einzige Obstfachfrau-Stiftin aus dem Aargau. Zu Hause ist sie auf dem Lindhof ob Windisch. Starke Frauen spielen hier schon lang eine Rolle: 1315 erwarb die Äbtissin des Klosters Königsfelden den Lindhof von mehreren habsburgischen Dienstadligen. Mit Ausnahme zweier Waldstücke hat sich der Hof im ursprünglichen Umfang seit zirka 670 Jahren erhalten. Heute werden hier 53 Sorten Obst angebaut: Äpfel, Birnen, Erdbeeren, Kirschen und Zwetschgen.

«Äpfel sollte man nie schälen, denn in der Schale stecken die meisten Vitamine!», verrät die angehende Obstfachfrau. Derzeit dreht sich bei Stefanie Geiser alles um Beeren und Früchte. Cox Orange, Gravensteiner, Maigold, Topaz oder Yataka – von den 32 Apfel-Sorten, die auf dem elterlichen Lindhof in Windisch angebaut werden, kennt sie alle. «Allerdings nicht im Blindtest, aber anhand von Farbe und Form», lacht sie. «Viele Konsumenten kennen unsere Sortenvielfalt gar nicht.»

Nach ihrer Lehre als Gärtnerin in der Baumschule Zulauf in Schinznach-Dorf hängt Stefanie Geiser eine Zusatzausbildung als Obstfachfrau an. «Die Natur fasziniert mich – du kannst noch so viele Weiterbildungen machen, du wirst nie der Chef sein: Denn die Natur gibt den Rhythmus vor.» Und immer kommen Überraschungen: «Bei feuchtem Wetter droht Pilzbefall, Hagel kann eine ganze Ernte zerstören.»

Stefanie Geiser ist derzeit die einzige lernende Obstfachfrau aus dem Aargau. Nur rund zwei Dutzend angehende Obstfachleute aus der ganzen Schweiz besuchen den Lehrgang. «Unsere Fachrichtung ist ziemlich exklusiv. Die meisten Lernenden sind auf einem Hof mit Obstbau aufgewachsen.» Anderthalb Tage besucht sie das Kompetenzzentrum für Bildung und Dienstleistungen in Land- und Ernährungswirtschaft «Strickhof» in Lindau ZH. Die praktischen Kompetenzen erwirbt sie sich zurzeit an der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Agroscope in Wädenswil. Obstfachleute müssen viel wissen über das Setzen und Formieren von Jungbäumen, die effiziente Bewirtschaftung einer Obstkultur (etwa mit dem Auspflücken) oder die Schädlingsbekämpfung. Später will sie noch die Betriebsleiterschule mit der Meisterprüfung in Angriff nehmen.

Daheim auf dem Lindhof helfen alle, wenn Erntezeit ist – Vater Beat, Mutter Monika und auch Bruder Robin (19), der eine Lehre als Zweiradmechaniker absolviert. Wenn sie im Hofladen aushilft, stellt Stefanie Geiser fest, dass vielen Menschen heute der Bezug zur Natur fehlt. «Sie wissen alles über das neuste
i-Phone, glauben aber, im Oktober gebe es frische Chriesi bei uns», lächelt Stefanie Geiser. Eher enttäuschend und fragwürdig findet sie, dass im nahen Tankstellen-Shop auch Gala-Äpfel aus Neuseeland angeboten werden. «Und keine zwei Kilometer entfernt wachsen regionale Äpfel.» Immer mehr Konsumenten legen aber Wert auf einheimische und frische Produkte. «Freshness ist bei uns kein leerer Slogan», sagt Stefanie Geiser. Frisch gepflückt landen die Äpfel und Birnen im Hofladen, wo sie offen verkauft werden.

Ein grosser Teil der Ernte wird zu Süssmost verarbeitet: «100 Kilogramm Äpfel ergeben 70 Liter Most.» Weitere Lindhof-Spezialitäten sind hausgetrocknete Apfelringe, der Apfel-Essig oder der 43-prozentige Lindhöfler Öpfelschnaps. Eier, Kartoffeln und Mehl vom Lindhofweizen gehören ebenfalls dazu. Auch eigener Blüten- und Waldhonig wird auf dem Lindhof produziert – übrigens von den zehn Bienenvölkern von BDP-Nationalrat Bernhard Guhl.

Stefanie Geiser ist eine engagierte, moderne und bodenständige junge Frau, die weiss, was sie will. Oder eben nicht. «Ich brauche kein USA-Jahr, um mir meine Selbstständigkeit zu beweisen.» Da habe sie als Blauring-Leiterin weitaus mehr gelernt punkto Verantwortung übernehmen oder Organisation. «Der Lindhof in Windisch ist mein Daheim. Hier lebt meine Familie, hier sind meine Freunde.» Ferien am Meer hat Stefanie Geiser noch nie gemacht. Mit Freund Louis (23), Forstwart aus Rupperswil, wandert sie lieber über den Albula- und den Berninapass. «Wer im Ausland Ferien macht, weiss doch gar nicht, wie schön die Schweiz ist.»

Bis Ende Oktober ist noch Ernte-Saison. Da sind alle Hände gefragt. Nebst der Zusatzlehre in Wädenswil und der Berufsfachschule hilft Stefanie tatkräftig auf dem Lindhof mit. «Manchmal gibts einen 15-Stunden-Tag. Aber für mich als Obstbäuerin ist die Erntezeit die schönste Jahreszeit.»