Effingen
Bei lüpfiger Ländlermusik werden alle zu Meitli und Buebe

Mit Nachwuchs tut sich die Trachtengruppe Effingen schwer. Was fasziniert an diesen traditionellen Schweizer Tänzen? Und warum interessieren sich nicht mehr junge Menschen dafür? Die az war bei einer Probe dabei.

Janine Müller
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Bei einer Probe der Trachtengruppe Effingen dabei
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Bei einer Probe der Trachtengruppe Effingen dabei

Janine Müller

Während sich am Mittwochabend die Dunkelheit langsam über das Dorf legt, schaltet Margrit Bossart (60) im Untergeschoss der Turnhalle Effingen das Licht an. Dann schlüpft sie in die schwarzen Lackschuhe mit der silbernen Schnalle, die zu einer Tracht gehören wie das weisse Kreuz zur Schweizer Fahne. Es ist Zeit zu tanzen; Schweizer Volkstanz – und ich als az-Reporterin bin mittendrin.

Langsam trudeln die Tänzerinnen und Tänzer der Trachtengruppe Effingen ein. Am Ende sind es zehn Frauen und zwei Männer. Oder besser – so lerne ich es jedenfalls an diesem Abend – zehn Meitli und zwei Buebe. Von den vielen Meitli werden einige zu Buebe umfunktioniert, damit es auch schön aufgeht. Ich darf ein Meitli sein, zuerst aber schaue ich zu. Von Beginn weg zweifle ich daran, dass es mir etwas bringt. Ich versuche zwar, mir ein paar Schrittabfolgen einzuprägen – praktisch erfolglos. Eine wie ich, die nicht einmal den einfachsten Walzerschritt beherrscht, geschweige denn sonst eine Ahnung hat von irgendwelchen Tanzschritten, steht ziemlich rasch an.

Der arme Tanzpartner

Langsam werde ich nervös. «Da hast du dich aber in etwas reingeritten», schimpfe ich in mich hinein. Rufe mir dann aber in Erinnerung, warum ich hier bin. Eine Horizonterweiterung soll es sein. Und vor allem will ich wissen: Was fasziniert an diesen traditionellen Schweizer Tänzen? Und warum interessieren sich nicht mehr junge Menschen dafür, obwohl beispielsweise das Volksmusikfest in Aarau gezeigt hat, dass diese Art von Musik und Tanz durchaus noch Anhänger findet?

Mittlerweile hat sich die Trachtengruppe Effingen eingetanzt. Jetzt kann ich mich nicht mehr drücken. Einige Frauen zwinkern mir aufmunternd zu. «Das kannst du schon, ist ganz einfach.» Ich lächle etwas gequält. Zum Glück hat mir Tanzleiterin Margrit Bossart einen versierten Tänzer zur Seite gestellt. Michel nimmt mich an die Hand und erklärt mir Schritt für Schritt, was ich zu tun habe. Zum ersten Mal in meinem Leben höre ich Begriffe wie Mazurka oder Schottisch.

Den Anfang des Fricktal-Schottisch bekomme ich gerade noch so hin. Einmal links herum im Kreis gehen und dann rechtsumkehrt. Dazu hallt lüpfige Ländlermusik durch den Saal. Dann die ersten Schrittabfolgen. Und schon stehe ich meinem Tanzpartner das erste Mal auf die Füsse. Der arme Kerl tut mir jetzt schon leid. Irgendwie wurstle ich mich bis zum Ende des Liedes durch.

«Z’Doggiloch in . . .» heisst das nächste Stück. Hier sind Walzerschritte gefragt. Und ich habe keinen Plan. Zum Glück bin ich nicht die Einzige: Nicht alle Tänzer der Trachtengruppe sind mit diesem Stück vertraut. Und so erklärt Margrit Bossart jede Schrittabfolge, lässt uns die Elemente mehrmals üben. Mal mit, mal ohne Musik. Und mit etwas mehr Übung stolpere ich plötzlich nicht mehr über meine eigenen Füsse. Ausser Atem gerate ich zwar nicht, ins Schwitzen komme ich aber trotzdem vor lauter Nachdenken, welches Tanzelement wann kommt.

Margrit Bossart hat mich an diesem Abend ins kalte Wasser geschmissen. Mit Anfängern würde sie das sonst nicht tun. «Für Anfänger besteht die Möglichkeit, eine halbe Stunde vor dem offiziellen Probenbeginn die verschiedenen Grundschritte einzuüben», erklärt die Effingerin.

Lateinamerika muss nicht sein

Zurzeit ist ein solcher Vorkurs allerdings nicht nötig. Die Trachtengruppe tut sich schwer, Nachwuchs zu finden. Die Ansprüche hat man mittlerweile angepasst. «Es wäre schön, wenn wir wenigstens sechs Paare wären», sagt Präsidentin Kathrin Märke (57). Vor allem Männer sind noch gesucht. Aber die scheinen lieber zu Hause zu bleiben als das Tanzbein zu schwingen. Den fehlenden Nachwuchs erklärt sich Kathrin Märke folgendermassen: «Ich glaube nicht, dass es an der traditionellen Musik liegt. Denn die liegt ja wieder im Trend. Viel eher vermute ich, dass sich die jungen Leute schlicht nicht mehr an einen Verein binden wollen. Sie gehen so den Verpflichtungen in einem Verein aus dem Weg.» Das Programm des Vereins hält sich aber in Grenzen. Es gibt einige Gastauftritte bei anderen Trachtenvereinen und den alljährlichen Racletteabend.

Unterdessen bin ich dabei, einen weiteren Tanz zu lernen. Eine Polka ist es diesmal. Etwas langsamer und gemütlicher als der Mazurka. Es sollte mein letzter Tanz an diesem Abend sein. Die anderen müssen noch weiter üben, da diesen Mittwoch die offene Tanzprobe stattfindet und andere Gruppen zu Besuch kommen.

Anfänger sind genauso willkommen wie Zuschauer. Und warum nicht mal, statt eines Kurses in lateinamerikanischen Standardtänzen – wie es so viele tun –, einen Kurs in Schweizer Volkstänzen machen? Eine Horizonterweiterung ist es allemal wert.

Offene Tanzprobe Trachtengruppe Effingen; heute Mittwoch, 23. September, 20 Uhr im Saal der Turnhalle Effingen; Tanzproben jeweils mittwochs um 20.30 Uhr.