Die Klienten der Intensivbetreuungsgruppe der Stiftung Faro sind Menschen mit sogenannt «stark herausforderndem Verhalten». Kommen sie mit Situationen nicht klar, schlagen sie sich den Kopf blutig, zerreissen sich die Kleider oder werden gegenüber anderen Menschen gewalttätig. Viele von ihnen haben einen Leidensweg hinter sich, wurden von Institution zu Institution geschoben, weil niemand mit ihrem Verhalten klarkam. Diese Menschen werden unter anderem von Christine Seiler im Wohnheim Sternbild auf dem Areal der Psychiatrischen Klinik Königsfelden betreut. Im Herbst 2015 eröffnete die Stiftung Faro eine Wohngruppe für vier Personen mit stark herausforderndem Verhalten, am 1. Juni startete die zweite Gruppe mit wiederum vier Betreuungsplätzen. Christine Seiler ist für die erste Gruppe verantwortlich und betreut zusätzlich noch eine Gruppe für Klienten im geschützten Rahmen.

Führungsaufgaben liegen ihr

Mächtig thront die Baumkrone über dem Platz vor der Klosterkirche Königsfelden. Der Stamm des Baums ist so dick, dass es mehrere Menschen braucht, um ihn umfassen zu können, seine Wurzeln sind tief im Boden verankert. So rasch haut es diesen Baum nicht um. Christine Seiler (33), dunkelblaue Bluse mit weissen Punkten, dunkelbraune Haare und Brille mit schwarzem Rand, hinter der sich moosgrüne Augen verstecken, hat sich diesen Ort ausgesucht für das Gespräch. Auf der Sitzbank im kühlen Schatten spricht sie darüber, was sie dazu bewogen hat, mit Menschen mit stark herausforderndem Verhalten zu arbeiten.

Der Ort passt zu Christine Seiler. Auch sie haut so rasch nichts um. Darf es auch nicht. Denn ihr Berufsalltag ist anstrengend, gefüllt mit Herausforderungen, «aber auch schön», wie die Walliserin immer wieder betont. Seit zweieinhalb Jahren ist sie Doppelgruppenleiterin im Wohnheim Sternbild bei der Stiftung Faro. «Führungsaufgaben liegen mir», sagt Christine Seiler. Gemerkt hat sie dies, als sie nach dem Studium in einer Wohngruppe im Wallis mit geistig und körperlich Behinderten arbeitete und dort über eine längere Zeit die Leitung vertreten musste.

Aufgewachsen ist Christine Seiler in der 1500-Seelen-Gemeinde Steg im Kanton Wallis. Die Matura machte sie in Brig, anschliessend studierte sie an der Universität Fribourg Klinische Heil- und Sozialpädagogik. Noch vor dem Studium musste sie ein 9-monatiges Praktikum absolvieren, um herauszufinden, ob dieser Studiengang tatsächlich der richtige für sie ist. In Leuk betreute sie in diesen 9 Monaten Kinder in einer Sonderschule. Christine Seiler merkte: «Dieser Beruf passt.» Bereits als Kind kam sie in Berührung mit behinderten Menschen. Ihre Nachbarin in Steg, etwas älter als sie selber, hat eine Behinderung. «Ich erinnere mich, dass wir die ganzen Sommerferien mit Memoryspielen verbracht haben», erzählt Christine Seiler. «Zu Beginn hatte meine Nachbarin keine Chance. Ende Sommerferien gewann sie dann ständig gegen mich.» Dies zeige doch, dass das Bild von Behinderten überhaupt nicht stimme. «Diese Fortschritte haben mich damals sehr beeindruckt.»

Das Schlüsselerlebnis

Dass sie heute ausgerechnet Menschen betreut, die zu den schweren psychiatrischen Fällen gehören, hätte die 33-Jährige während des Studiums auch nicht gedacht. «Ich hielt mich von Fächern, die dieses stark herausfordernde Verhalten behandelten, fern», sagt sie. Doch an ihrem ersten Arbeitsplatz nach dem Studium änderte sich dies. Sie musste eine Frau betreuen, die körperlich schwer behindert war und nicht sprechen konnte. «Alle warnten mich vor ihr», erinnert sich Christine Seiler. «Sie sagten: ‹Die ist ekelhaft und furchtbar.› Oder: ‹Mach bloss keinen Fehler, sonst spuckt sie dich an.›» Christine Seiler liess sich nicht einschüchtern. Doch prompt passierte ihr ein Fehler: «Bei einem Transfer fiel sie mir vom Rollstuhl auf den Boden.» Die junge Frau sagte: «Sorry, tut mir leid. Ich bin nur die Praktikantin und habe es verbockt.» Das fand die behinderte Frau lustig und das Eis war gebrochen. «Das zeigt, dass mit Ehrlichkeit und Respekt viel erreicht werden kann.»

Die Szene ist ein Schlüsselerlebnis für Christine Seiler. Nach drei Jahren Arbeit in dieser Wohngruppe studierte sie weiter an der Universität in Fribourg und bewarb sich anschliessend auf verschiedene Gruppenleiterstellen, unter anderem für jene bei der Stiftung Faro. «Ich merkte, dass ich eine neue Herausforderung brauchte», sagt sie. Sie erhielt den Zuschlag für den Job. Von nun an pendelte sie von Olten, wo Christine Seiler gemeinsam mit ihrem Freund lebt, nach Windisch.

Ein halbes Jahr brauchte sie, bis sie sich an den Alltag auf der Wohngruppe, der eigentlich keiner ist, gewöhnt hat. «Es gab am Anfang Situationen, die mich abgeschreckt haben», gibt sie unumwunden zu. «Beispielsweise, wenn ich am Morgen die Tür zu einem Zimmer öffnete und der Raum voller Blut war, weil der Klient sich immer wieder selbst verletzte.» Hängen geblieben ist ihr auch die Geschichte, wo sie von einem Klienten angegriffen wurde. «Er arbeitete gerne im Keller. Dort unten kann einem niemand zu Hilfe kommen, wenn etwas passiert», erklärt Christine Seiler. Und es passierte etwas. Der Klient tickte aus, ging auf seine Betreuerin los. «Das sind Momente, die kann man zuvor nicht üben, die muss man einfach erlebt haben», ist sich Christine Seiler sicher. Sie rettete sich unverletzt aus der Situation. Autoritäres Auftreten und eine klare Körpersprache hätten dabei geholfen, sagt sie, ohne ins Detail zu gehen.

Fortschritte bestätigen die Arbeit

Es sei ihr bewusst, dass sie in einem unattraktiven Bereich tätig ist. Auf die Frage, warum sie ausgerechnet hier arbeiten will, weiss sie auf die Schnelle keine Antwort. «Mir ist wichtig, dass behinderte Menschen auch als vollwertig angeschaut werden. Wenn die Klienten aggressiv reagieren, dann ist das meistens, weil die Situation um sie herum nicht gestimmt hat», wagt Christine Seiler einen Erklärungsversuch. Eine Bestätigung in der Arbeit mit diesen Menschen sieht sie auch, wenn sie die Fortschritte ihrer Klienten bemerkt. «Eine Klientin, die früher immer gleich zuschlug, wenn ihr etwas zu viel wurde, kann heute verbal ausdrücken, wenn ihr etwas nicht passt. Sie sagt dann klar, was das Problem ist und reagiert, indem sie sich beispielsweise ins Zimmer zurückzieht.»

Zudem: «Mich beschäftigt es, dass im Behindertenbereich eine hohe Fluktuation bei den Mitarbeitern herrscht. Das tut auch den Klienten nicht gut.» Die grösste Herausforderung für sie ist deshalb nicht der Umgang mit den Klienten, sondern, dass die Teammitarbeiter gesund bleiben. «Es ist leider so, dass diese Arbeit wirklich sehr herausfordernd ist.» Und wer schaut zu ihr, dass sie gesund bleibt? Christine Seiler strahlt und sagt: «Mein Schatz.» Seit 14 Jahren sind sie ein Paar. Die Beziehung gibt Christine Seiler Kraft. «Er hält mir zu Hause den Rücken frei. Ich habe das Glück, dass er nicht viel von der klassischen Rollenaufteilung hält und den Haushalt schmeisst.» Spezielle Ereignisse verarbeitet Christine Seiler zudem gleich im Team. Die Verarbeitung sei auch eine Einstellungssache: «Ich verurteile nicht den Menschen, sondern nur das, was er gemacht hat. Und ich versuche, den Vorfall zu verstehen, die Situation zu analysieren.» Ihre helfe auch laute Musik bei der Rückfahrt nach Hause, sei es im Auto oder im Zug. Spazieren und Stricken sind weitere Aktivitäten, die Christine Seiler beim Abschalten helfen.

Auch wenn die 33-Jährige alles scheinbar locker nimmt: Sie kommt durchaus auch an ihre Grenzen. Dann nämlich, wenn Personalengpass wegen Militärabwesenheit oder Krankheit herrscht, wenn sie merkt, dass ihre Mitarbeiter Überstunden en masse leisten und ausgerechnet dann noch ein Notfall reinkommt. «In diesen Situationen mache ich den Fehler, dass ich häufig selber noch einspringe. Dann lade ich mir viel auf.»

Da bleibt keine Zeit für die Masterarbeit, die Christine Seiler noch abgeben möchte. Sämtliche Vorlesungen hätte sie bestanden. «Nur der Abschluss mit der Arbeit fehlt noch», sagt sie. «Es wird Zeit, dass ich dies auch noch hinter mich bringe.»