Brugg

«Bauer Unser»: Der wahre Preis für günstige Nahrung

Diskutieren über die Situation der Bauern in der Schweiz (v. l.): Samuel Spahn (Bio-Bauer), Urs Schneider (Stv. Direktor Bauernverband), Thomas Gröbly (Dozent FHNW), Urs Niggli (Direktor FiBL), Bernard Lehmann (Direktor BLW).

Diskutieren über die Situation der Bauern in der Schweiz (v. l.): Samuel Spahn (Bio-Bauer), Urs Schneider (Stv. Direktor Bauernverband), Thomas Gröbly (Dozent FHNW), Urs Niggli (Direktor FiBL), Bernard Lehmann (Direktor BLW).

Wie gehen Landwirtschaftsbetriebe der Region Brugg mit der Umstrukturierung und dem Preisdruck um? Dieser Artikel ist der Startschuss zu einer Serie, in der die AZ dieser Frage auf den Grund geht. Teil 1: Der hohe Andrang beim Film und Podium im «Odeon» beweist: Die Landwirtschaft bereitet Sorgen.

Landwirtschaft betrifft jede und jeden, denn essen müssen wir alle – so viel ist klar. Weniger eindeutig hingegen ist die Art, wie wir Menschen gleichzeitig wirtschaftlich, fair, ethisch und umweltfreundlich Nahrung produzieren wollen. Bei so einem zentralen Thema dürfte es eigentlich nicht überraschen, das die Aufführung des Dokumentarfilms «Bauer Unser» samt Podiumsdiskussion im Kino Odeon in Brugg restlos ausverkauft war. Dennoch: Offenbar unterschätzen wir das Thema nach wie vor. Oder wie eine Besucherin festgestellt hat: «Wir haben es wohl nötig, die Problematik immer wieder vor Augen geführt zu bekommen.»

Dies tut der Film auf intelligente Art und Weise: Am Beispiel Österreich werden die Absurditäten der heutigen Landwirtschaft aufgezeigt in nüchternen Bildern, die in ihrer Aussage aber für sich sprechen. Man sieht Melk-Roboter in Aktion, man sieht, wie Schweine am Laufband industriell geschlachtet werden, und immer wieder muten diese Bilder kurios, ja fast lächerlich an, hat man als Laie doch noch eine ganz andere, wohl veraltete Vorstellung von Landwirtschaft.

Bio und Kundennähe als Lösung

Der Film zeigt derweil auch klare Fakten: Dass ein Liter Milch heute günstiger ist als ein Liter Mineralwasser, dass in Europa jedes Jahr 350 000 Bauernhöfe schliessen, ein Landwirt gleichzeitig aber immer mehr Menschen ernährt. Und das ist wohl die Hauptaussage des Films: Die Landwirte haben alles getan, was die Wirtschaft von ihnen erwartet hat. Sie haben Darlehen aufgenommen, in Mechanisierung investiert, sich spezialisiert. Die Betriebe arbeiten heute in allen Bereichen hoch effizient, dennoch lastet der Preisdruck weiterhin auf ihnen. Im Film wird über weite Strecken Kritik laut am liberalen, globalisierten Markt. Historische Figuren wie der heutige EU-Parlamentsabgeordnete José Bové kommen zu Wort und weisen auf die hohe Suizidrate unter den Landwirten hin.

Als Kontrast und mögliche Lösung werden dann zwei Bio-Betriebe gezeigt. Diejenigen, die dem Wachstumsdrang entgegenhalten konnten und die Nähe zum Konsumenten gesucht haben, haben offenbar überlebt. «Der Aufbruch kommt heute von der Stadt, von den Konsumenten», sagt eine Landwirtin im Film – Entfremdung aufheben als Lösungsansatz zum Schluss.

«Weil sie dann eine Frau finden»

Im anschliessenden Podium ging es dann um die Frage, inwiefern der Film für die Schweiz anwendbar ist. Für Bernard Lehmann, Direktor des Bundesamts für Landwirtschaft, lassen die Grenzschranken zur EU und die Subventionen des Bundes die Schweizer Bauern klar in einer besseren Situation dastehen. «Der Markt ist gut, wenn man ihn richtig nutzt. Die Frage ist nur, wo die Systemgrenze ist. Und in der Schweiz sind die Spielregeln besser», sagte er. Bio-Bauer Samuel Spahn hingegen findet nicht, dass sich die Schweiz so stark von Österreich unterscheidet. «Die Landwirte haben investiert, sind nun verschuldet und oft einsam. Der Rückgang der Anzahl Betriebe ist auch hier eine Katastrophe.»

Humorvoll sagte dann Urs Niggli, Direktor vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau in Frick, viele Bauern würden auf Bio umstellen, «weil sie dann eine Frau finden». Studien zeigen jedenfalls, dass Bio-Bauern-Familien glücklicher sind, denn sie haben eine klare Identifikation mit ihrer Arbeit und sind in der Gesellschaft akzeptierter. Für ihn liege der Ball deshalb bei den Konsumenten. «Im reichsten Land der Erde gehen nur acht Prozent aller Nahrungsmittelverkäufe auf Bio-Haltung. Dabei hat man heute in jedem Laden die Wahl.» Für Urs Schneider, Stv. Direktor des Bauernverbands in Brugg, seien hingegen immer mehr Konsumenten bereit, mehr für einheimische Produkte zu zahlen.

In der Podiums-Diskussion wurden dann von Umweltsteuer bis Vegetarismus weitere Themen angesprochen, aber nicht tiefer debattiert, denn die Zeit war knapp. Wegen des hohen Andrangs hat das «Odeon» angekündigt, den Film nochmals zu zeigen.

Nächste Vorstellung Film «Bauer Unser», 23. Oktober, 18 Uhr, Kino Odeon Brugg.

Welche Eindrücke haben der Film und das Podium bei Ihnen hinterlassen?  

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1