Schinznach-Dorf

«Bären»-Wirtepaar seit 35 Jahren: «Wir verzichten bewusst auf den 3. Stern»

Ursula und Fritz Amsler führen das Restaurant Bären in der 4. Generation seit 35 Jahren. Eine 5. Generation als Nachfolger wird es wohl nicht geben.

Ursula und Fritz Amsler führen das Restaurant Bären in der 4. Generation seit 35 Jahren. Eine 5. Generation als Nachfolger wird es wohl nicht geben.

Das Wirtepaar Amsler führt den «Bären» in Schinznach-Dorf in der vierten Generation. Im Interview erzählen sie, wer hier schläft, welches ihre Schlüssel zum Erfolg sind und warum ein Mann jeden Tag bei ihnen isst.

Der Gasthof Bären sticht heraus im Oberdorf Schinznach durch seine roten Jalousien und die makellose weisse Fassade. Fritz Amsler empfängt uns am oberen Ende der Treppe auf der Schwelle zu seinem Gasthof. In seiner Kochschürze mit den Knöpfen wirkt er wie ein Patron alter Schule.

Das Restaurant ist um diese Zeit nach dem Mittagessen geschlossen. Ein Gast sitzt noch bei seinem Bier und plaudert mit der Kellnerin. Wirtin Ursula Amsler und die Kellnerin räumen nebenbei letzte Gläser in die Schränke. Die Stimmung ist ruhig und locker. Allmählich verabschiedet sich auch die Kellnerin. Zwischen 14 und 16 Uhr hat sie ihre Zimmerstunde. Ursula Amsler bietet den Besuchern Kaffee an und setzt sich zu uns an den Tisch.

Herr und Frau Amsler, Sie führen den Gasthof Bären nun seit 35 Jahren. Wie schauen Sie auf Ihre Anfangszeit ab 1980 zurück?

Fritz Amsler: Als ich mit 29 Jahren den Bären übernommen habe, war ich einer der jüngsten Wirte hier in der Region. Auch schon vorher bin ich immer wieder nach Hause zurückgekehrt, um meinem Vater auszuhelfen, der das Ganze nicht mehr alleine stemmen konnte. Es gibt nicht mehr so viele Urgesteine, die 35 Jahre als Wirt einen Gasthof führen.

Wenn Sie sich hier im Restaurant umschauen – gibt es noch etwas, das Sie an diese Anfangszeit erinnert?

Fritz: Damals war die Gaststube noch in einem dunkleren Ton gehalten. 2003 haben wir alles etwas heller und freundlicher gemacht. Auch die dicken Stoffvorhänge an den Fenstern haben wir weggenommen. Dadurch wirkt der Raum optisch grösser. Ausserdem haben wir das Säli ausgebaut, wo früher die Metzgerei drin war. Ursprünglich wollten wir zwei rauchfreie Räume schaffen, aber als 2010 dann sowieso das allgemeine Rauchverbot kam, hat uns die Aktualität überholt.

Hat das Rauchverbot für Sie einen Einschnitt dargestellt?

Fritz: Ja, ganz klar. Neben der Promillesenkung war das einer der Einbrüche. Wir wollten ein Angebot auch für Nichtraucher schaffen, aber mit dem allgemeinen Rauchverbot sind die Leute vom Stammtisch weggeblieben und in kleinere Betriebe ausgewichen, die dem Rauchverbot nicht unterstanden. Unter dem Strich sind weniger Leute gekommen. Aber das ist nicht der einzige Grund, es ist vielmehr das ganze Konsumverhalten der Leute, das sich generell verändert hat.

Wie meinen Sie das?

Fritz: Die Arbeiter im Dorf verpflegen sich heute, indem sie etwas in den Läden kaufen und ihr Mittagessen auf einer Mauer oder einer Bank sitzend zu sich nehmen. Alles muss schnell gehen. Man nimmt sich nicht mehr die Zeit, sich zu setzen und den Geist runterzufahren. Wir haben einen Gast, der seit 40 Jahren jeden Tag bei uns zu Mittag isst. Er ist 90 und er sagt, das sei der Grund, weshalb er noch so fit sei: Er nimmt sich über Mittag Zeit zum Essen und liest die Zeitung.

Womit versuchen Sie, die Gäste bei der Stange zu halten, damit Sie zu Ihnen ins Restaurant kommen?

Fritz: Über Mittag bieten wir natürlich ein Mittagsmenü an. Ausserdem haben wir immer wieder spezielle Wochen. Wie etwa Gerichte aus den Veranstalterländern der Fussball-EM und -WM. Das ist sehr gut angekommen. Auch mit anderen Hotels zusammen haben wir schon Rezepte ausgetauscht oder Wettbewerbe veranstaltet. Das macht es für die Gäste doppelt attraktiv. Wir bringen auch immer wieder Rezepte von Reisen mit nach Hause. Mit einem Angebot wie den brasilianischen Wochen, die wir im letzten Jahr veranstaltet haben, können wir uns auch einzigartig machen, wenn in den andern Restaurants im Tal schon im September die Metzgete-Saison beginnt.

Brasilianisch anstatt Metzgete. Liegt die Erlebnisgastronomie im Trend und verdrängt so das Traditionelle?

Fritz: Bei uns gibt es die Metzgete auch, aber eben nur im Oktober. Die Abwechslung ist sicher ein Schlüssel zum Erfolg und sie hält einen auch selbst auf Trab, damit es nicht eintönig wird. Der Trend liegt heute eher in der themenbezogenen Systemgastronomie: Entweder Güggeli, asiatisch oder Pizza – und solche hat es doch schon genug. Neben unseren Themenwochen bieten wir deshalb auch Traditionelles an. Viele kommen gerade wegen der Käseschnitte oder dem Geschnetzelten zu uns. Selbstverständlich bieten wir in der grössten Weinbaugemeinde des Aargaus hauptsächlich einheimische Weine an und verarbeiten mehrheitlich einheimische Produkte. Und wir versuchen, auf Kundenwünsche einzugehen: Auf Voranfrage kochen wir auch gluten- und laktosefrei, aber auf der Karte bieten wir das nicht an.

Wie steht es um die Hotellerie in Ihrem Betrieb?

Fritz: Das ist ein wichtiges Standbein geworden für uns, das wir stark vergrössert haben. Mitte der 80er-Jahre haben wir im hinteren Hausteil den Estrich ausgebaut und so das Betten-Angebot von 12 auf 18 erhöht.

Das vergrösserte Angebot wird also genutzt. Was für Gäste übernachten in Schinznach-Dorf?

Ursula Amsler: In den letzten Jahren hatten wir viele Monteure aus Deutschland, die von Montag bis Freitag hier arbeiten und wohnen. Auch von Familienfesten kommen Leute zu uns, wenn sie nicht mehr spät abends nach Hause fahren möchten. Einige Gäste sind auch Besucher von Kurgästen in der Klinik Bad-Schinznach oder Schulungsteilnehmer von der Klinik oder der Amag. Ausserdem kommen viele Velotouristen auf dem Aareweg. Das sind sehr dankbare Gäste, die auch im Haus essen, weil sie oft zu erschöpft sind, um noch auszugehen.

Wie wichtig ist das Internet für Sie geworden?

Ursula: Wir staunen manchmal, wie die Leute uns finden. So hatten wir auch schon Gäste aus Taiwan. Früher reichte eine Homepage, auf der die Leute Informationen finden konnten. Heute muss man auch mit anderen Seiten verlinkt sein, wie etwa mit «Schweiz Mobil», wo wir aufgeführt sind und so Radfahrer, Biker und Wanderer ansprechen.

Auf der anderen Seite wird so auch die Bewertung transparenter.

Ursula: Ja, auch bei der Bewertung werden Internetseiten immer wichtiger. Das Problem dabei ist aber oftmals, dass ausländische Gäste das Preis-Leistungs-Verhältnis mit den Preisen zu Hause vergleichen und das ist für unsere, im Vergleich zum Ausland, hohen Preise natürlich kritisch. Trotzdem haben wir aber auch auf solchen Seiten sehr gute Bewertungen.

Wie stehen Sie Angeboten wie Airbnb gegenüber, die mit der klassischen Hotellerie konkurrieren?

Fritz: Airbnb ist hier in der Region nicht so ein grosses Thema. Es gibt auch ein Bed & Breakfast in der Nähe, aber wie gesagt: Solche Angebote gibt es hier nicht sehr viele.

Sie spüren diese Konkurrenz also nicht sonderlich?

Fritz: Doch, natürlich spüren wir das auch. Der Velotourist wählt das Bed & Breakfast, das gleich an der Route liegt und fährt nicht zu uns ins Dorf. Das ist eine gewisse Bequemlichkeit, die heute vorherrscht. Auch wenn man sich dort mit weniger Komfort begnügen muss.

Sie selber haben bewusst auf einen dritten Stern verzichten. Sehen Sie einen Trend darin, dass man lieber auf etwas Komfort verzichtet und dafür weniger bezahlt?

Fritz: Wir sind im 2-Sterne-Segment gut positioniert. Wir haben bewusst auf einen dritten Stern verzichtet, weil wir dafür hätten investieren müssen und so die Preise erneut angestiegen wären. Aber das wollten wir nicht. Für die ausländischen Gäste sind wir sowieso schon teuer. Seit Januar mit der Aufhebung des Euromindestkurses auf einen Schlag sogar um 20 Prozent, ohne dass wir etwas dafür konnten. Für uns im grenznahen Gebiet ist es ohnehin schwierig. Doch bisher hatten wir keine grossen Einbussen und wir sind zuversichtlich, dass es so bleiben wird.

Noch ein Blick in die Zukunft: Sie führen den Betrieb mittlerweile in der
4. Generation. Momentan sieht es
aber so aus, als ob Ihre Söhne, die in St. Moritz und in Australien in der Hotellerie tätig sind, den «Bären» nicht übernehmen werden. Sind Sie darüber enttäuscht?

Fritz: Nun, das ist ihre Entscheidung. Als beide Söhne in diesen Beruf eingestiegen sind, hat uns das den Rücken gestärkt und hat uns motiviert, weiter zu investieren. Aber wenn man etwas erzwingen will, ergeben sich dafür andere Probleme: Unser Sohn in St. Moritz und seine Frau haben beide eine Ausbildung im administrativen Bereich. Wenn man in einem so kleinen Betrieb, wie wir sind, noch einen Koch anstellen müsste, ginge es wohl nicht. Auch andere Berufskollegen haben Mühe mit der Nachfolge. Das ist eine Zeiterscheinung.

Sie kochen selber und machen auch die Buchhaltung?

Fritz: Ich bin gelernter Koch und meine Frau hat immer im Service gearbeitet. Heute würde das nicht mehr reichen. Man müsste sich auch im kaufmännischen Bereich weiterbilden. Wir haben uns das damals einfach angeeignet. Das wurde mir sozusagen schon in die Wiege mitgegeben. Auch der Umgang mit den Leuten.

Wie wird es mit dem «Bären» weitergehen, wenn Sie aufhören?

Fritz: Wir werden darauf hinarbeiten, dass wir für den «Bären» einen Nachfolger findet. Bisher haben wir uns jedoch noch keinen Termin gesetzt, wann wir aufhören werden. Vorläufig sind wir noch fit, aber das ist natürlich auch von der Gesundheit abhängig.

Was würden Sie Ihrem Nachfolger empfehlen?

Fritz: Das Einfachste wäre, wenn es so weiterginge. Man müsste nicht so viel ändern. Der Betrieb ist funktionstüchtig und überlebensfähig. Und wir sind mit der Zeit gegangen. Die Investitionen sind für den Moment gemacht. Den gastronomischen Betrieb für Grossanlässe könnte man noch etwas ausbauen. Uns selber war das in den letzten paar Jahren aber oft zu anstrengend, seit die Söhne nicht mehr mithelfen können. Für einen Koch alleine ist es zu viel und, um jemanden fest anzustellen, ist es zu wenig.

Ohne die Hotellerie ginge es heute also nicht mehr?

Fritz: Nein, aber auch ohne Gastronomie wäre das nicht möglich. Hier auf dem Land ist es extrem wichtig, dass man beides anbietet.

Meistgesehen

Artboard 1