Stilli
Autor Max Baumann hat über einen Landpfarrer von grossem Format geschrieben

Johann Jakob Baumann (1824-1889) war Seelsorger, Fürsorger und Politiker. Historiker Max Baumann hat über ihn ein Buch geschrieben. Das neue Werk ist mehr als eine personenbezogene Heimatkunde: Es ist ein Beitrag zur Aargauer Geschichte.

Hans-Peter Widmer
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Die Pfarrfamilie Baumann von Brittnau um 1887. Das Original dieses Bildes befindet sich im Album von Helene Jagmetti-Baumann. ZVG

Die Pfarrfamilie Baumann von Brittnau um 1887. Das Original dieses Bildes befindet sich im Album von Helene Jagmetti-Baumann. ZVG

Der Historiker und Autor Max Baumann in Stilli schöpft mit bewundernswürdiger Eloquenz Stoff aus Quellen des 19. Jahrhunderts. Ein Jahr nach seinem Band «Ich lebe einfach, aber froh» über Erfolge und Missgeschicke von aargauischen Auswanderern nach Amerika um die 1850er-Jahre beleuchtet er in einem neuen Buch das Leben und Wirken des aus Stilli stammenden Pfarrers, Fürsorgers und Politikers Johann Jakob Baumann (1824-1889).

Eine bewegte Zeit

Wie andere Publikationen aus der Hand dieses Spezialisten für Orts- und Regionalgeschichte ist das soeben erschienene Werk eine personenbezogene Heimatkunde – mehr noch: ein Beitrag zur Aargauer Geschichte. Aber Max Baumann richtet den Blick nicht nur auf den Hauptakteur, sondern er beschreibt auch dessen Umfeld: das Dorf Stilli sowie die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse von damals. Dadurch gibt er dem Porträt zusätzliche Konturen. Das ist in diesem Fall besonders interessant, weil Johann Jakob Baumann in einer Zeit grosser Veränderungen lebte.

Schon als aufgeweckter Jüngling realisierte Baumann den politischen Umschwung, der die Rechte der Bürger durch Pressefreiheit, Petitionsrecht und Wahlrechtsreform nach und nach erweiterte; aber der Wandel bis zur Schaffung des schweizerischen Bundesstaates, 1848, musste mit dem Freiämtersturm, 1830, und dem Sonderbundskrieg, 1847, erstritten werden. Nachher nahm Baumann als Seelsorger, Fürsorger und Politiker selber auf das Geschehen Einfluss. Er engagierte sich vor allem im Bildungs-, Sozial- und Kirchenwesen. Als Mitglied des Verfassungs- und des Grossen Rates wirkte er an der Totalrevision der Kantonsverfassung von 1885 mit, die fast 100 Jahre Bestand hatte.

Von Stilli nach Jena

Stilli, das Dorf der Kindheit, war für sein ganzes Leben prägend. Der Autor zeigt einmal mehr, wie im Lokalen, im Kleinen und Vertrauten, ein ganzer Kosmos steckt. Johann Jakob kam am 21. Oktober 1824 als letztes von 15 Kindern des Gemeindeammanns, Getreidehändlers, Landwirts und späteren Pintenwirts Johannes Baumann und dessen warmherziger Gattin Anna zur Welt. Bald danach geriet das Familienoberhaupt in finanzielle Schwierigkeiten. Der Ausbildung des jüngsten Sohns nahm sich der ältere Bruder Heinrich, Bezirkslehrer und Weinhändler in Aarau, an.

Im Hause Baumann, wo die liberale Zeitung «Schweizerbote» gelesen wurde, scheint ein weltoffenes, schulfreundliches Klima geherrscht zu haben. Auch Johann Jakob besuchte die Bezirksschule Brugg und die Kantonsschule Aarau. Nachher begann er das Studium der Theologie an der für ihren liberalen Geist bekannten Universität Jena – Philologie wäre ihm lieber gewesen, aber die Erwerbsaussichten eines Pfarrers dünkten ihn besser als eines Sprachwissenschafters. Getreu dem Kantus: «Und in Jene lebt sich’s bene, und in Jene lebt sich’s gut» lernte er noch andere Schweizer Kommilitonen kennen, unter ihnen der nachmalige Bundesrat Emil Welti aus Zurzach und der spätere Oberrichter und Nationalrat Samuel Wildi aus Veltheim.

Unglaublich breites Engagement

Der Ausbruch der deutschen Revolution im Februar 1848 veranlasste ihn, sich vorübergehend an der Universität Zürich zu immatrikulieren, doch wechselte er noch im gleichen Jahr nach Tübingen, wo er aber bereits an Ostern 1849 wegen finanziellen Problemen, ohne Abgangszeugnis, wieder abreiste. Mit etwelcher Mühe bestand er die Ordination als aargauischer Pfarrer und fand – fast um Gotteslohn – eine Stelle als Vikar in Brittnau. Dort wählte ihn der Regierungsrat auf nachhaltigen Wunsch der Gemeinde 1855 zum Nachfolger des verstorbenen Vorgängers. Baumann gründete eine Familie, seine Gattin gebar ihm sieben Töchter. Er wirkte 33 Jahre lang als Pfarrer in Brittnau und gehörte einem kleinen Kreis von liberalen aargauischen Reformtheologen an.

Johann Jakob Baumann war kein Theoretiker, sondern ein Praktiker. Neben der Seelsorge nahm er sich der Armenfürsorge, der Bekämpfung der allgemeinen Verelendung und wachsenden Trunksucht an und engagierte sich im Bildungs- und Gesundheitswesen sowie für kirchen- und standespolitische Anliegen. Er war Präsident der Kulturgesellschaft und Mitbegründer des Bezirksspitals Zofingen. Als Verfassungs- und Grossrat war er einer der Väter der Kirchenartikel in der neuen Verfassung, die zur konfessionellen Entspannung im Aargau beitrugen.

Das letzte Geschäft, das Pfarrer Baumann im Februar 1889 im Grossen Rat vertrat, war die Gewährung des Ausländerstimmrechts in der reformierten Landeskirche. Er unterlag. Elf Wochen später starb er. Nachrufe würdigten ihn als Landpfarrer von grossem Format.

Max Baumann: Kirche., Schule, Fürsorge - Leben und Wirken des Aargauer Pfarrers Johann Jakob Baumann, Hier+jetzt-Verlag ISBN 978-3-03919-268-7.