Es ist ein Horrorszenario für jeden Autofahrer: Unterwegs in der Nacht im Ausserortsbereich, befindet sich an unbeleuchteter Stelle plötzlich ein dunkel gekleideter Fussgänger mitten auf der Fahrbahn. Es kommt zur Kollision.

So ergangen ist es Lara (Name geändert). Die bald 25-Jährige musste sich diese Woche vor dem Bezirksgericht Brugg verantworten. Zur Last gelegt wurden ihr fahrlässige schwere Körperverletzung sowie – allenfalls – Nichtanpassen der Geschwindigkeit. Die freundliche junge Frau aus der Region, sportlich-elegant in Schwarz gekleidet, war zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Verlobten anwesend. Die Fragen von Gerichtspräsidentin Gabriele Kerkhoven beantwortete sie aufmerksam, offen und klar.

Ereignet hatte sich der Unfall an einem Sonntagabend vor beinahe zwei Jahren. Lara war in ihrem Auto unterwegs auf der Hauptstrasse von Remigen in Richtung Brugg. Sie hatte das Abblendlicht eingeschaltet. Nach der leichten Linkskurve vor dem Zoo Hasel bemerkte sie in der 80er-Zone einen Fussgänger, der kurz zuvor das Restaurant Hasel verlassen hatte und im Begriff war, die Fahrbahn Richtung Dorfzentrum Rüfenach zu überqueren.

Sie kämpfte mit den Tränen

Wann genau sie den Mann entdeckt hat, ob dieser mitten auf der Strasse stehen blieb oder die Fahrbahn noch – hastig – überqueren wollte, konnte Lara nicht mehr mit Sicherheit sagen. Sie erinnerte sich aber daran, dass es sehr dunkel gewesen war, sie eine Vollbremsung einleitete und es dann «getätscht» hat. Sie habe unter Schock gestanden. Die Strecke, antwortete sie auf die Frage von Einzelrichterin Kerkhoven, kenne sie gut, fahre sie regelmässig. Das Autobillett habe sie seit fast fünf Jahren.

Der Fussgänger hatte laut Anklageschrift zum Unfallzeitpunkt einen Blutalkoholwert von minimal 1,4 Promille. Er wurde durch die Kollision weggeschleudert und zog sich mehrere Frakturen sowie innere Verletzungen zu und musste sich rund zwei Monate in Spitalpflege begeben. Dort hat Lara das Unfallopfer besucht. Sie sei sicher nicht zu schnell gewesen, hielt die Beschuldigte vor Gericht fest, sie sei sowieso eine vorsichtige Autofahrerin. Heute sei sie in diesem Bereich noch langsamer unterwegs. Der Unfall habe sie mitgenommen, bleibe immer im Hinterkopf, führte sie weiter aus, während sie mit den Tränen kämpfte.

Die Staatsanwaltschaft beantragte eine Geldstrafe von 30 Tagessätzen à 110 Franken sowie eine Busse von 500 Franken. In diesem Strassenabschnitt ist laut Anklageschrift regelmässig sowohl mit Fussgängern als auch mit manövrierenden Fahrzeugen zu rechnen. «Hätte die Beschuldigte ihre Geschwindigkeit der Reichweite ihrer Abblendlichter angepasst, hätte sie den Fussgänger rechtzeitig erkennen und eine Kollision mit ihm verhindern können», steht weiter. 

An dieser Aussage zweifelte die Verteidigerin und forderte einen Freispruch für ihre Mandantin. Sie wies darauf hin, dass der dunkel gekleidete Fussgänger in völliger Dunkelheit die Fahrbahn von der linken Seite aus betrat und für die Autofahrerin erst kurz vor der Kollision sichtbar wurde. Schwere Körperverletzung könne nicht nachgewiesen werden. Der Fussgänger habe gemäss Akten keine lebensgefährlichen und dauerhaften Verletzungen oder bleibende Beeinträchtigungen davongetragen. 

Hätte allen passieren können 

Ihrer Mandantin könne kein Fehlverhalten vorgeworfen werden, stellte die Verteidigerin fest. Laut einem verkehrstechnischen Gutachten, das sie in Auftrag gegeben hatte, wäre der Unfall wahrscheinlich nur dann zu verhindern gewesen, wenn Lara lediglich mit rund 45 Stundenkilometern gefahren wäre. Ihre Mandantin habe nicht davon ausgehen können, dass der Fussgänger die Strasse unvorsichtig und unerwartet betrete, so die Verteidigerin. Ein Lenker dürfe darauf vertrauen, dass sich die übrigen Verkehrsteilnehmer angemessen verhalten. Kurz: Dieser Unfall hätte allen passieren können, auch bei grösster Vorsicht. 

Das Gericht folgte diesen Ausführungen, sprach die Beschuldigte von Schuld und Strafe frei. Gemäss Gerichtspräsidentin Gabriele Kerkhoven kann davon ausgegangen werden, dass der Fussgänger nicht adäquat auf das Auto reagierte und direkt vor das Fahrzeug gelaufen war. Die Autofahrerin habe keine Chance gehabt, rechtzeitig anzuhalten und könne nicht verantwortlich gemacht werden für den Zusammenstoss, lautete die Begründung. 

Der jungen Frau, ihrer Mutter und ihrem Verlobten war die Erleichterung deutlich anzusehen und anzuhören beim Verlassen des Gerichtssaals.