Brugg

Autismus ist nicht Mangel, sondern Reichtum

Notizen eines Autisten im Film «Matthew's Laws».

Notizen eines Autisten im Film «Matthew's Laws».

An einer Podiumsdiskussion im Brugger «Dampfschiff» ging es ums Projekt «Gemeinsam anders – Leben mit Autismus». Bei 40'000 Menschen in der Schweiz sind autistische Störungen diagnostiziert worden. Die Dunkelziffer sei gross, hiess es.

Ins Leben gerufen wurde das Autismus-Projekt von den Kulturhäusern Odeon, Salzhaus und Dampfschiff. So erstaunt denn nicht, dass der erste Teil der Veranstaltung – der Dokumentarfilm «Matthew’s Laws» – im Odeon stattfand und das anschliessende Podiumsgespräch im Dampfschiff. «Wie hat der Film berührt?» begrüsst Moderator Bernard Senn, «Sternstunde» Schweizer Fernsehen, seine Gäste.

«Ich fand es traurig, man hat ihm die Lebensader genommen», sagt Monika Michel, Mutter eines autistischen Sohnes. Ein beklemmendes Gefühl löste der Film auch beim Seelsorger und Heiler Roman Grüter aus. Das tragische Ende hat hingegen die Psychiaterin Alessia Schinardi vom Verlauf her nicht überrascht. Als eine Entdeckungsreise, die ihm seinen Freund Matthijs hätte näher bringen sollen, bezeichnet der Dokumentarfilmer Marc Schmidt sein Filmprojekt.

Das tragische Ende – der Suizid – sei nicht vorhersehbar gewesen, er hätte sich ein anderes gewünscht. Für Axel Brauns, Schriftsteller und Autist, ist der Film nicht nur vom Autismus, sondern vor allem von Depressionen geprägt. «Es ist ein guter Film, aber Autismus ist vielschichtig.» Früher habe er Menschen als Dinge wahrgenommen. Im Alter von 33 Jahren habe er den Entschluss gefasst, Filmemacher zu werden.

Worauf ihm seine Mutter vor Augen geführt habe, dass dies nicht möglich sei. Er habe keine Gestik, keine Mimik, suche weder den Blickkontakt zu anderen Menschen noch könne er flüssig sprechen. Was den Autisten veranlasste, all dies zu ändern.

Inzwischen hat Axel Brauns Bücher geschrieben, hält Lesungen und hofft, dass eines Tages sein Blockbuster-Traum in Hollywood wahr wird. Für Alessia Schinardi ist deshalb die Frühförderung bei der Autismus-Spektrum-Störung sehr wichtig. Da gäbe es viel zu tun, man stecke noch in den Pionierschuhen.

Hohe Dunkelziffer

Autisten seien sehr auf sich selber bezogen, würden auf Reize überempfindlich reagieren und hätten einen erschwerten Zugang zu Emotionen, umreisst Bernard Senn die Autismus-Spektrum-Störung. «Bei 40 000 Menschen in der Schweiz wurden autistische Störungen diagnostiziert. Die Dunkelziffer ist wohl gross», sagt Senn. Er stellt die Frage, wie wir «Normmenschen» vom Reichtum, den die Autisten in sich tragen, profitieren könnten.

«Einfach neugierig sein, dem Autisten Fragen stellen», sagt Monika Michels. Es brauche viel Verständnis und man müsse Stresssituationen vermeiden, betont Roman Grüter. Wertschätzung, das habe ihn und Matthijs über all die Jahre als Freunde zusammengeschweisst, so Marc Schmidt. Alessia Schinardi wünscht sich eine Gesellschaft, in der eine vielfältige Einheit herrsche, jeder so sein dürfe, wie er ist: Kräftiger Applaus aus dem Publikum.

Salzhaus Konzert mit Steff La Cheff, die einen autistischen Bruder hat. Samstag, 29. März, 21 Uhr.

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