Veltheim/Thailand

Auswanderer Hans-Jörg Jäger: «Wir haben viel Zeit für unsere Bewohner»

© Costanzo, Karin

Hans-Jörg Jäger zieht fünf Jahre nach dem Auswandern Bilanz und sagt, wie in Thailand Demente betreut werden.

Hans-Jörg und Lanee Jäger waren voller Tatendrang, als sie vor fünf Jahren das Schenkenbergertal verliessen, um sich in Thailand den Traum einer eigenen Seniorenresidenz zu verwirklichen. Während zehn Jahren bereiteten sie sich auf diesen Schritt vor, schmiedeten Pläne, trafen Abklärungen, organisierten Baumaterialien und Arbeiter, passten das Vorhaben an und legten schliesslich selber vor Ort Hand an. Was in der ländlichen Einöde im Nordosten Thailands, knapp 90 Kilometer von der Provinzhauptstadt Buriram entfernt, entstanden ist, kann mit der Schweiz im Taschenformat verglichen werden. Senioren, Demenzkranke, Timeout-Gäste und weitere Besucher kommen hier alle gleichermassen auf die Rechnung: Für sie stehen ein kleiner See, ein Schwimmbad, 13 Bungalows mit Terrasse, ein Hotel mit sechs Zimmern, ein Restaurant, zahlreiche Rückzugs- sowie Freizeitmöglichkeiten zur Verfügung.

Alt werden im Paradies

Alt werden im Paradies

Seit fünf Jahren führt ein Aargauer in Thailand eine Altersresidenz. Speziell Demenz- und Alzheimerpatienten können rund um die Uhr betreut werden. «Tele M1» berichtete im Januar 2016 über Hans-Jörg Jäger und sein Projekt in Thailand und stellte die Frage: Was kostet diese paradiesische Betreuung?

Grösser als ursprünglich geplant

Berühmt wurden die Jägers damals durch das Schweizer Fernsehen, das sie für die Dok-Serie «Auf und davon» begleitete. Aufgrund dieses Bekanntheitsgrads bauten sie die Residenz sogar noch etwas grösser als ursprünglich geplant. Dadurch kamen sie finanziell an die Grenze. «Möglicherweise würden wir das heute anders machen», sagt Hans-Jörg Jäger etwas nachdenklich bei seinem Besuch vor wenigen Tagen in der Brugger Altstadt. Dann beginnt er sogleich von den Bewohnern zu erzählen. Von einem 88-jährigen Aargauer, der 23 Jahre auf Phuket gelebt hatte, und dann an Demenz erkrankte. Als die Betreuung des Mannes nicht mehr privat erbracht werden konnte, suchte man eine finanzierbare Alternative. Der Aargauer kam zum Probewohnen in Lanee’s Residenz und verlegte seinen Wohnsitz im letzten Sommer vom Strand ins Landesinnere. «Jetzt ist er wieder richtig aufgeblüht und beweist Humor», sagt Jäger und lacht. 

Demente und gesunde Bewohner sowie Feriengäste treffen sich zum Essen jeweils am langen Tisch. Stark Pflegebedürftige werden vom gleichen Dreier-Team rund um die Uhr betreut. «Oft werden die Patienten eine halbe Stunde vor dem Essen zum Tisch begleitet, von wo sie einen Blick in die offene Küche werfen können», beschreibt Hans-Jörg Jäger das Mittagsritual. Am Nachmittag treffen sich die Bewohner und zahlreiche Leute vom Dorf jeweils bei den Geissen des Nachbarn. Wegen der Mücken gibt es am Abend erst nach der Dämmerung um etwa 19.15 Uhr Nachtessen. Gegen 21 Uhr wird es ruhig in der Seniorenresidenz. Turbulenter geht es zu und her, wenn Lanee Jäger eines der legendären Geburtstagsfeste für die Bewohner auf die Beine stellt.

Das Ehepaar Jäger arbeitet praktisch rund um die Uhr an sieben Tagen pro Woche. Dass das auf die Dauer nicht gesund ist, hat der 58-Jährige in der Vergangenheit am eigenen Leib zu spüren bekommen. «Wir haben manchmal Probleme, gutes und treues Personal zu finden, obwohl wir zu den am besten zahlenden Arbeitgebern im Umkreis von etwa 50 Kilometern gehören», räumt Jäger ein. Er spricht erstaunlich offen über die manchmal schlechte Arbeitsmoral der Thai. Deshalb wollen er und seine thailändische Frau nun vor allem für die Küche Vietnamesinnen anstellen. Jägers Ziel ist, bald einen Tag pro Woche frei nehmen zu können.

«Auf und davon – ein Jahr danach»: SRF-Dok über Hans-Jörg Jäger und den Aufbau der Altersresidenz in Thailand.

«Auf und davon – ein Jahr danach»: SRF-Dok über Hans-Jörg Jäger und den Aufbau der Altersresidenz in Thailand.

Spaziergang statt Schlaftabletten

Für die Langzeitbewohner gehört eine wöchentliche Massage zum Programm. Nach Möglichkeit werden bei den Patienten Beruhigungsmittel und Psychopharmaka abgebaut. «Wenn ein Bewohner nicht schlafen kann, verabreichen wir nicht einfach eine Tablette, sondern gehen mit dieser Person spazieren», erklärt Jäger und fährt fort: «Wir haben sehr viel Zeit. Es geht niemals darum, die Demenzgäste ruhigzustellen oder einzusperren.» Stattdessen wird auf Aktivitäten und Ausflüge gesetzt.

Pro Monat kostet das Leben in Lanee’s Seniorenresidenz je nach benötigter Pflege maximal etwa 2200 Franken. Neu gibts einen Fitnessraum. Jäger ist überzeugt, dass man mit respektvoller Pflege und Aktivitäten das Fortschreiten der Demenz hinauszögern kann. Die ganze Anlage ist zudem rollstuhlgängig und das Kreisspital ist im Notfall nur drei Kilometer entfernt. Welche Bilanz zieht Hans-Jörg Jäger nach fünf Jahren in Thailand? «Ich bereue das Auswandern keine Sekunde, auch wenn wir viel Geld für zusätzliche Gebäude und Unerwartetes ausgegeben haben», sagt er. «Ursprünglich wollten wir ja nur fünf Häuser, ein Restaurant und einen Pool bauen.»

Trotz den hohen Hypothekarzinsen in Thailand ist es dem Ehepaar wichtig, möglichst ohne fremde Unterstützung auszukommen. Hans-Jörg Jäger greift manchmal auf das Fachwissen seines Sohns, der Ökonom ist, und seiner Tochter zurück, die eine hauswirtschaftliche und kaufmännische Ausbildung hat. Beide leben in der Schweiz. Gut möglich, dass sie sich künftig noch stärker in der deutschsprachigen Residenz in Thailand einbringen werden.

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