Prozess
Aus Verzweiflung klaute er 13 Mal Kupfer – und hoffte auf eine allerletzte Chance

Weil er 13 Mal in denselben Brugger Industriebetrieb eingebrochen war, um Kupferdrähte zu klauen, stand ein 35-Jähriger vor dem Bezirksgericht Brugg. Ihm drohte ein mehrjährige Gefängnisstrafe.

Andreas Gregr
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Der Angeklagte griff gleich 13 Mal bei den Kupfervorräten zu – stets beim selben Bauunternehmen.

Der Angeklagte griff gleich 13 Mal bei den Kupfervorräten zu – stets beim selben Bauunternehmen.

Keystone

«Ich weiss selbst nicht ganz genau, wann ich mit den Drogen angefangen habe», erklärte der Beschuldigte im Brugger Bezirksgericht. Mit Nachdruck und gestikulierend versicherte er allerdings, dass er nun mit den Drogen nichts mehr zu tun habe.

Sprachlich schien er nicht mehr ganz stilsicher, auch sein Aussehen ist vom jahrelangen Drogenkonsum gezeichnet. Fragen von der Gerichtspräsidentin an ihn mussten des Öfteren wiederholt werden und auch sein Erinnerungsvermögen ist beeinträchtigt.

«Die Artikulation und Auffassungsgabe des Beschuldigten hat sich sichtlich verbessert. Sie sehen heute einen völlig anderen Menschen wie noch vor einigen Monaten», bekräftigte dennoch die Anwältin des Angeklagten.

Die Methadon-Behandlung wurde offiziell erfolgreich abgeschlossen, sodass der Angeklagte nun vollends clean ist. Der Konsum von Rausch- und Betäubungsmitteln ist laut der Verteidigerin auch der Ursprung seiner Delikte gewesen.

Dem Arbeitslosen, der keine Lehre abschloss, wurde in der Anklageschrift neben Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz vor allem mehrfacher gewerbsmässiger Diebstahl als Hauptanklagepunkt sowie Hausfriedensbruch vorgeworfen.

Zudem hatte er sich zur Durchführung der Diebstähle zweimal einen fremden Handwagen angeeignet und versucht, ein Fahrrad zu stehlen, wenn auch vergeblich.

In der Zelle der Polizei Brugg verursachte der Beschuldigte, wohnhaft bei seiner Mutter in Windisch, ausserdem Sachbeschädigungen in Höhe von über 1500 Franken. Damals riss er eine Beleuchtungsanlage herunter, weil er dort versteckte Drogen vermutete. Der Beschuldigte bekannte sich zu ausnahmslos allen Anklagepunkten, selbst wenn er sich an einige Delikte nicht mehr erinnern könne.

Insgesamt 13 Mal drang der 35-Jährige in einen grossen Brugger Industriebetrieb ein und versuchte jeweils, beträchtliche Mengen von Kupferdrähten zu stehlen, wobei er dabei zweimal von der Polizei in flagranti erwischt wurde. Der Gesamtschaden zulasten des Bauunternehmens beträgt, von der Staatsanwaltschaft geschätzt, etwa 13'000 Franken.

Der exakte Wert des Diebesguts konnte jedoch nicht vollständig ermittelt werden, da zum einen die gestohlenen Mengen retrospektiv nicht immer klar ersichtlich waren und zum anderen der Kupferpreis während der vielen Delikte stark variierte.

Verzweiflung als Motiv

Der Beschuldigte – bereits seit Anfang Jahr durch den vorzeitigen Strafvollzug in Haft – hätte sich aus der Not heraus zum Kupferdiebstahl entschieden: Er war seit einiger Zeit arbeits- sowie teilweise obdachlos und lebte stets von der Hand in den Mund.

Die Erlöse aus dem Kupferhandel, den er stets bei der gleichen Altmetall-Unternehmung abwickelte, benötigte er für seine Lebensgrundlage und den Drogenkonsum. Aufgrund der verhältnismässig eher geringen Einnahmen wehrte sich die Verteidigerin dagegen, die Diebstähle als gewerbsmässig zu bezeichnen: Dem Angeklagten zufolge hätte er einfach keinen anderen Ausweg gesehen, als Kupfer zu stehlen.

Dem widersprach die Staatsanwaltschaft allerdings, da ihrer Meinung nach eben lebensfinanzierende Tätigkeiten wie diese als gewerbsmässig anzusehen wären. Mit Erfolg: Auch die Brugger Richter sprachen sich für die Gewerbsmässigkeit der Diebstahlsdelikte aus.

Zudem bemängelte die Staatsanwältin, dass der Beschuldigte sich trotz Vorstrafen und der damit verbundenen dreimonatigen Freiheitsstrafe nicht davon abhalten liess, immer wieder am selben Ort einzubrechen und Kupferdraht zu stehlen.

Der Beschuldigte zeigte sich stets reuig und äusserte mehrmals den Wunsch, ein neues Leben beginnen und im Idealfall Landschaftsgärtner werden zu können. Seine Verteidigung rief derweil in Erinnerung, dass er sich aus der Abwärtsspirale, verursacht durch den Drogenkonsum, befreien konnte und sich demnach auf sehr gutem Weg befände, sein Leben endlich in Griff zu kriegen. «Es hat offensichtlich ein Umdenken bei ihm stattgefunden. Deshalb plädiere ich dafür, dass der Beschuldigte eine aller-allerletzte Chance bekommt.»

Es wäre definitiv der falsche Weg, durch eine unbedingte Freiheitsstrafe jegliche Chancen auf Resozialisierung zunichtezumachen. Die Anwältin schlug unter anderem nur eine bedingte zwölfmonatige Freiheitsstrafe mit fünfjähriger Probezeit sowie die sofortige Entlassung aus der Haft vor.

Das Bezirksgericht entschied sich jedoch für einen Kompromissentscheid und verhängte neben 300 Franken Busse und der Übernahme der verursachten Kosten eine 24-monatige Freiheitsstrafe, von denen 12 Monate mit einer Probezeit von vier Jahren bedingt sind. Zusätzlich wird nach der Haftstrafe eine Bewährungshelferin eingesetzt, die den beruflichen Wiedereinstieg vereinfachen soll.