Brugg

Aus für «Number One»-Bar: «Wir können diese Situation nicht anders bewältigen»

Die Genossenschaft Altstadt lässt den Vertrag mit dem «Number One» im März 2021 auslaufen.

Die Genossenschaft Altstadt lässt den Vertrag mit dem «Number One» im März 2021 auslaufen.

Das Aus der Number One Lounge in Brugg ist zum Stadtgespräch geworden. Die AZ hat Antworten auf die wichtigsten Fragen gesucht.

Seit die Genossenschaft Altstadt Brugg (GAB) vor wenigen Wochen bekannt gegeben hat, den Ende März 2021 auslaufenden Mietvertrag mit dem Barbetreiber des «Number One» nicht zu verlängern und einen Wechsel auf einen Tagesbetrieb anzustreben, ist die Bar im markanten Eckhaus neben der alten ­Aarebrücke zum Stadtgespräch geworden. Gäste sprechen von einer Hiobsbotschaft, Passanten wünschen Barbetreiber Yener Gürsel Durchhaltewillen. Einige können nicht nachvollziehen, warum dem 60-jährigen Wirt jetzt die Existenzgrundlage genommen wird.

Ein Augenschein am Mittwochabend in der Number One Lounge zeigt: Das Lokal ist gut besucht von jüngeren und älteren Personen. Darunter sind viele Stammgäste, die sich bald neu orientieren müssen. Ein 45-jähriger Mann erzählt, dass er mit seinem Therapeuten darüber gesprochen habe, wo er nach der Schliessung des «Number One» hingehen könnte. Er sei schwer drogensüchtig gewesen und komme seit sieben Jahren ins «Number One», weil er sich hier zugehörig fühle und nicht nach seiner Krankheit gefragt werde.

Tagesnutzung statt Nachtleben: „Number One“-Bar soll schliessen

Tagesnutzung statt Nachtleben: „Number One“-Bar soll schliessen (5. Oktober)

Ein Feierabend-Bier in der „Number One“-Bar in Brugg gehört für viele dazu. Aber nicht mehr lange, wenn’s nach der Genossenschaft Altstadt Brugg geht. Die möchten statt einem aktiven Nachtleben lieber eine Tagesnutzung im betroffenen Haus. Das können Stammgäste gar nicht verstehen.

Vor 14 Jahren eine neue Existenz aufgebaut

Wirt Gürsel sitzt auf der Lounge, die er vor nicht allzu langer Zeit hat speziell anfertigen lassen. Mit dem Zeigfinger weist er auf die Videokameras an der Decke hin. Mehrere zeichnen den Betrieb im Raucherlokal auf. Wer sich nicht an die Regeln hält, bekommt Hausverbot. Sollte es dennoch Probleme geben, kooperiere er mit der Polizei, sagt der Betreiber, der das Lokal im Februar 2006 umgebaut hat. «Wir hatten einen Monat zuvor geheiratet und unsere Flitterwochen auf dieser Baustelle verbracht. Hier steckt viel Herzblut drin», sagt die 42-jährige Ehefrau Eveline Gürsel.

Sieben Jahre musste der Barbetreiber dafür kämpfen, dass er trotz des grossen Widerstands einiger Altstadtbewohner Tische und Stühle aufstellen konnte im Freien entlang der Schaufenster. Im Jahr 2013 wurde die Liegenschaft durch die neue Eigentümerin GAB aussen sowie im Wohnbereich umfassend saniert. Das Ehepaar Gürsel lebt in der Wohnung direkt über der Bar.

Mietreduktion von Eigentümerin abgelehnt

Neu bekam das Lokal auch eine Brandschutztüre, eine Lüftung, die den Rauch durch die ganze Liegenschaft hindurch übers Dach abführt, sowie stilvolle Toilettenmöbel. Laut Yener Gürsel beträgt die Monatsmiete 3200 Franken für die Bar (inklusive Nebenkosten) und 2000 Franken für die Wohnung. Aktuell hat die GAB, die nur diese Liegenschaft besitzt, das Gewerbelokal für 2000 Franken pro Monat plus 150 Franken Nebenkosten zur Rohbaumiete ab April 2021 ausgeschrieben.

Yener Gürsel kann das nicht nachvollziehen. Er habe nach dem Lockdown, während dem ihm die GAB zweimal mit 1000 Franken entgegenkam, um eine Mietreduktion gebeten, die von der Eigentümerin abgelehnt worden sei. Die GAB hat nach eigenen Angaben von einer solchen Anfrage keine Kenntnis.

Ein Gastrobetrieb tagsüber werde niemals rentieren

«Wenn Brugg mit der Schliessung des ‹Number One› etwas gewinnt, gehe ich freiwillig», sagt der Wirt resigniert. Doch sollte es mit der Nachfolgersuche nicht klappen, stünde mit Gewerbelokal und Wohnung die halbe Liegenschaft leer. Ein Gastrobetrieb tagsüber werde am untersten Ende der Altstadt niemals rentabel betrieben werden können, sagt das Ehepaar Gürsel. Sonst wären in den vergangenen Jahren nicht so viele Vorhaben gescheitert.

Vor zwei Jahren, als der Fünf-Jahres-Vertrag mit der GAB auslief, tat sich Yener Gürsel schwer mit dem Entscheid, ob er den Mietvertrag verlängern soll. Als der Wirt tatsächlich verlängern wollte, staunte sogar die GAB. Denn es hatte sich gezeigt, dass in einer Wohnliegenschaft lange Öffnungszeiten bis 2 Uhr früh, Rauchen und laute Musik in der Bar zu Beschwerden der umliegenden Bewohnerschaft führen. Auch deshalb habe man den Vertrag mit dem Barbetreiber nur noch um zwei Jahre verlängert und darauf hingewiesen, dass es die letzte Vertragsverlängerung sei, sagt Kaspar Ruoff, bei der GAB zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit.

«Denkbar ist auch ein touristisches Angebot für die Region»

«Es ist mir bewusst, dass das Verschwinden des Lokals ein Verlust ist für die Stammgäste und wir bedauern die Situation. Aber wir können sie aktuell nicht anders bewältigen.» Auf die ausgeschriebene, tiefere Monatsmiete angesprochen, sagt Ruoff, dass es sich dabei nur um die Rohbaumiete im Erdgeschoss handle. Kellerräume, wie sie Gürsels nutzen, könnten nach Bedarf dazu gemietet werden. Die GAB hat den Betreiber darauf hingewiesen, dass er ein neues Konzept für einen Tagesbetrieb einreichen könne.

Was die neue Erdgeschossnutzung betrifft, zeigt sich die GAB, die 57 Mitglieder zählt, grundsätzlich offen. «Es kann, muss aber nicht ein Gastrobetrieb sein. Denkbar ist etwa auch ein touristisches Angebot für die Region», so der Sprecher.

Rauchen verbieten, Betrieb am Abend bleibt möglich

Das Betriebskonzept für eine Tagesnutzung kann laut Ruoff Abendstunden beinhalten, dürfe das Rauchen aber nicht zulassen. «Wir wollen auch kein Museum aus der Brugger Altstadt machen.» Die GAB ist sich bewusst, dass es keine einfache Aufgabe ist, das Erdgeschoss so zu bespielen, dass es sich mit der Wohnnutzung gut verträgt.

Die Rede ist von einem Ungleichgewicht in der Bar an der Hauptstrasse 66 und in der unteren Altstadt generell, das schon längere Zeit besteht. Aufgrund eines laufenden Verfahrens gegen den Barbetreiber kann die GAB momentan keine Details bekannt geben. «In ökonomischer Hinsicht ist die Situation für uns dramatisch», lautet das Fazit von Vorstandsmitglied Ruoff. Gegenüber ihren Mitgliedern trage die GAB eine grosse finanzielle Verantwortung.

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