Montagsporträt

Aus Angst vor Hunden wurde er Coiffeur

Ein Coiffeursalon der besonderen Art: Bruno von Niederhäusern mit passender Krawatte vor seiner «Fasnachtsecke» mit den vielen Plaketten.

Ein Coiffeursalon der besonderen Art: Bruno von Niederhäusern mit passender Krawatte vor seiner «Fasnachtsecke» mit den vielen Plaketten.

Coiffeur Bruno erzählt, warum die Beatles für weinende Söhne und schimpfende Mütter gesorgt haben.

Etwas stimmt hier nicht. Zwar riecht es nach Shampoo, nach heisser Föhnluft und Haarfärbemittel – nach Coiffeur halt – und trotzdem erinnert nur wenig an das neuzeitliche Erscheinungsbild der vielen modernen Coiffeursalons, die seit einigen Jahren die Zentren in der Schweiz mitprägen.

Vor allem der Stadtbevölkerung dürfte dies aufgefallen sein: Mit rasanter Geschwindigkeit haben sich die Salons vermehrt und überbieten sich gegenseitig mit hipper Einrichtung und progressivem Design. Aber hier, beim Coiffeur Bruno in Brugg ist alles ein bisschen anders.

Weder neuartige Möbel noch übergrosse Spiegel stechen ins Auge. Viel Holz, altehrwürdige Sessel und die heimische Atmosphäre lassen Brunos Salon mehr wie eine Wohnstube als wie einen Coiffeursalon erscheinen. Der Wohlfühleffekt ist garantiert.

Das altmodische und nostalgische Ambiente sorgt zudem für Kopfkino pur: Ein Bild aus früheren Zeiten, als Damen und Herren den Salon füllten, die bereits ergrauten Haare in eiserne Lockenwickler eingelegt hatten und eine heisse Tasse Kaffee in der Hand hielten. Lautstark wird jeden Morgen der letzte Klatsch aus dem Dorf diskutiert.

«Besser als jede Verjüngungskur»

Mittendrin steht Bruno von Niederhäusern und könnte passender nicht sein. Es ist nicht nur die Fasnachts-Krawatte oder das korrekt sitzende Hemd, die das äussere Erscheinungsbild des Coiffeurs speziell machen. Vielmehr ist es der Schalk in seinen Augen und die sprudelnde Lebendigkeit, die der 63-jährige Mann ausstrahlt.

Das kommt nicht von ungefähr. Bruno von Niederhäusern weiss, weshalb er sich in seinem Alter oft noch wie ein junger Knabe fühlt: «Ich bilde seit vielen Jahren Lehrlinge aus. Obschon anfangs die Ausbildung im Vordergrund stand, habe ich schnell gemerkt, dass es mehr bedeutet: Ich entwickelte mit den Jahren ein Verständnis für die jüngere Generation. Es ist mir wichtig, zu begreifen, was sie beschäftigt und wie sie im Leben stehen. Die Arbeit mit meinen Lehrlingen funktioniert besser als jede Verjüngungskur.»

Er wollte Pöstler werden

Die Arbeit als Coiffeur bezeichnet Bruno von Niederhäusern als seinen Traumberuf. Dabei wäre er beinahe Briefträger geworden. «Als Junge wollte ich Pöstler werden. Die Idee war aber nicht wohl durchdacht, denn ich hatte grosse Angst vor Hunden», sagt er lachend. Also beginnt er in Gebenstorf die Lehre als Herrencoiffeur und absolviert nachträglich die Weiterbildung zum Damencoiffeur. Kurz darauf eröffnet er seinen eigenen Coiffeursalon.

«Früher wurde klar zwischen Damen und Herren abgegrenzt. Dass das heute nicht mehr so ist, zeigt, wie anspruchsvoller die Berufslehre geworden ist», sagt er. Seit über 30 Jahren bildet Bruno von Niederhäusern nicht nur Lehrlinge aus, sondern war auch Experte bei der Abnahme der Lehrlingsprüfungen. Dieses Amt hat er inzwischen abgelegt. «Irgendwann genügt es. Nun habe ich Zeit für anderes.»

Ein Blick in sein Privatleben verrät: Bruno von Niederhäusern ist es nie langweilig. Seine grosse Leidenschaft ist die Fasnacht. Nichts begeistert ihn mehr als das närrische Treiben während den Fasnachtsmonaten.

Als Zunftkrämer hat er viele Jahre die gesamten Verkaufsaktivitäten der Brugger Fasnacht organisiert. Er weiss alles über die Geschichte der Brugger Fasnacht und bewirtschaftet eine umfangreiche Sammlung mit Zeitungsartikeln und Berichten.

Seelendoktor und Schlichter

Auch das Familienleben der von Niederhäusern gestaltet sich abwechslungsreich: Für politische Streitereien beim Abendessen sorgen seine beiden erwachsenen Söhne. «Ein Sohn ist SVPler, während der jüngere die linke Seite bevorzugt. Das sorgt natürlich oft für spannende Diskussionen», sagt der Familienmensch.

Mit seiner Frau ist er seit 1978 verheiratet und zusammen dürfen sie sich diesen Sommer auf das erste Enkelkind freuen. «Endlich habe ich einen Grund, die alten Lego wieder auszupacken», schmunzelt Bruno von Niederhäusern.

Während all den Jahren hat er viele Entwicklungen und Haartrends miterlebt. «Als alle die Beatles hörten, wollten die Knaben plötzlich lange Haare», sagt er und schmunzelt. «Das hat bei den Müttern für viel Ärger gesorgt und oftmals war ich Seelendoktor und Schlichter gleichzeitig.»

Wie lange er noch in seinem Salon Haare schneiden wird, steht völlig offen. Bestimmt sagt er aber: «Wenn es die Gesundheit zulässt, werde ich sicher lange über das Pensionsalter hinaus weiterarbeiten.»

Jeden Morgen trinkt er zwei Liter Kaffee und fühlt sich blendend. Voller Eifer empfängt er seinen nächsten Kunden, er hat ihm schon so oft die Haare geschnitten, dass er ihn heute als seinen Freund bezeichnet.

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