Region Brugg
Aufbruchstimmung in der Gemeindeverwaltung von Scherz: Ammannn Hans Vogel gibt seine Schlüssel ab

Hans Vogel, Gemeindeammann aus Scherz, spricht über die Rolle als Gemeindeammann, über Fusionsgegner und die Beziehung zu Nepal.

Claudia Meier
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Der Gemeindeverwaltung Scherz ist bereits Geschichte, die Verwaltung wurde nach Lupfig gezügelt und Hans Vogel hat gestern den Schlüssel abgegeben.

Der Gemeindeverwaltung Scherz ist bereits Geschichte, die Verwaltung wurde nach Lupfig gezügelt und Hans Vogel hat gestern den Schlüssel abgegeben.

SEVERIN BIGLER

Es herrscht Aufbruchstimmung in den Räumlichkeiten der Gemeindekanzlei Scherz. Einerseits empfängt uns der 69-jährige Ammann Hans Vogel wenige Tage bevor er seinen Schlüssel abgibt und andererseits zieht die Verwaltung nach Lupfig, weil es Scherz als eigenständige Gemeinde ab dem 1. Januar 2018 nicht mehr gibt. Der Dorfname aber bleibt erhalten.

Die Vorarbeiten zur Fusion Lupfig-Scherz beschäftigen Hans Vogel seit 2010, als er Ammann wurde (zuvor war er vier Jahre lang Gemeinderat). Die Exekutiven von Scherz und Lupfig haben in dieser Zeit einen Prozess aufgegleist, der nach einer Bevölkerungsumfrage so richtig in Gang kam, und mit dem Zusammenschluss zur neuen Gemeinde Lupfig an Silvester um Mitternacht am Ziel ist. Vogel wird dann im Engadin weilen. Am Dienstag, 9. Januar, um 19 Uhr stösst die Bevölkerung im Gemeindehaus Lupfig offiziell auf die junge, nun 3000 Einwohner zählende Gemeinde an.

Vogel schätzt, dass sich Lupfig und Scherz stets auf Augenhöhe begegnet sind. So wurden etwa sämtliche Reglemente überarbeitet und nicht einfach vom grösseren Fusionspartner Lupfig übernommen. Auch bei den Gesamterneuerungswahlen schafften einige Scherzerinnen und Scherzer mit guten Resultaten die Wahl in den neuen Gemeinderat und andere Behörden, was laut Vogel ohne die Unterstützung aus Lupfig nicht möglich gewesen wäre. «Das ist nicht selbstverständlich», sagt der scheidende Gemeindeammann, der selbst nicht zur Wahl antrat, sich aber über die Willkommenskultur der Lupfiger freut.

Mit Musical die Herzen berührt

Das 650-Seelen-Dorf Scherz hatte dieses Jahr einen starken Abgang als politische Gemeinde und einen guten Start als zukünftiges Dorf im Rahmen der neuen Gemeinde Lupfig. Höhepunkt war das dreitägige Dorffest im August zum 777. Geburtstag der Gemeinde Scherz, an dem 200 Helfer im Einsatz standen. Hans Vogel hatte eigens für diesen Anlass «Schärz – s’Musical» getextet, das mehrmals vor viel Publikum auf dem Dorfplatz aufgeführt wurde, die Geschichte bis zur Fusion thematisierte und die Herzen berührte. Durch dieses ausserordentliche Engagement schaffte Vogel im Herbst die Nomination zum «Aargauer des Jahres».

Im letzten Mitteilungsblatt der Gemeinde Scherz weist Vogel als ehemaliger Professor für Politikwissenschaft in einer Art «Hirtenbrief» auf die Vorzüge eines kleines Dorfs hin und motiviert die Bewohner, sich in der grösseren Kommune ebenfalls offen und kreativ einzubringen. Er war es auch, der während dem ganzen Fusionsprojekt dafür sorgte, dass die Bevölkerung stets umfassend informiert war sowie Fragen oder Bedenken deponieren konnte und innert nützlicher Frist Antwort bekam. Warum war ihm das so wichtig? «Es ist das Schicksal von direktdemokratischen Institutionen, dass man nicht eine Strategie formulieren und durchsetzen kann», sagt Vogel. «Der Gemeindeammann ist nicht der Napoleon.» Deshalb habe man beim Fusionsprozess stets mit Alternativen geplant.

Wichtig ist dem Gemeindeammann, dass das Volk mitbekommt, was in den Köpfen der Exekutive vorgeht, damit es die Argumentation nachvollziehen kann. Der Erfolg dieser Kommunikation war laut Vogel auch, dass man über die Gegenargumente gesprochen hat. «Denn es ist in der Politik nie so, dass bei einem Entscheid alle Argumente dafür sprechen. Oft sprechen etwa drei dafür und zwei dagegen. Wenn man nicht über die Gegenargumente spricht, überlässt man diese der Opposition.» In den Arbeitsgruppen arbeiteten nicht nur Behördenmitglieder und Verwaltungsangestellte mit, sondern auch Einwohner – darunter Fusionsgegner. Das habe sich sehr bewährt, betont Vogel.

Bessere Voraussetzung als Brugg

Der Plan B für Scherz hätte bedeutet, mit aller Kraft das Bevölkerungswachstum zu fördern, mehr Wohnungen auf der grünen Wiese zu erstellen sowie stillgelegte Scheunen auszubauen. «Wir hätten, um die Finanzen ins Lot zu bringen, zügig auf 800 Einwohner kommen sollen», hält Hans Vogel fest. «Mit der Fusion ist dieser Druck nicht mehr so gross und die Grünflächen im Dorf bleiben erhalten.» Das sieht auch die neue Bau- und Nutzungsordnung (BNO) vor, die für Scherz Anfang 2018 in Kraft treten wird und später in die noch zu überarbeitete BNO von Lupfig integriert werden soll.

Günstig für diesen ersten Zusammenschluss im Eigenamt war ausserdem, dass die beiden Gemeinden schon lange eng miteinander verbunden waren, beispielsweise in Form der bereits fusionierten Feuerwehr und Oberstufenschule. «So ist es einfacher als etwa bei Schinznach-Bad und Brugg, wo diese Voraussetzung weniger gegeben ist», erklärt der Scherzer. In seinem «Hirtenbrief» schreibt er: «Ein weiterer Zusammenschluss der neuen Gemeinde Lupfig im Rahmen des Eigenamts ist zwar möglich, aber nicht dringlich.» Wichtiger scheint Vogel die Erhaltung der direkten Demokratie in Form der Gemeindeversammlung und die strikte Nebenamtlichkeit der Behörden, weil dies effizient und effektiv sei. «Sie sind die Säulen des Erfolgs der traditionellen und der künftigen kommunalen Politik in unserem Land.»

Mit anderen Worten: Sollte durch weitere Fusionen mit Birr und Birrhard die Einwohnerzahl auf über 8000 steigen, würde der Politologe an der Gemeindeversammlung festhalten und auf einen Einwohnerrat verzichten. Zur Begründung sagt Vogel: «Einerseits ist so der Zwang für die Behörde, sich vor den Stimmbürgern zu rechtfertigen, viel grösser, andererseits bin ich ziemlich sicher, dass sich unpopuläre Entscheide wie eine Steuerfusserhöhung besser durchsetzen lassen.»

Um die Traditionen und das gesellschaftliche Leben im Dorf Scherz auch in Zukunft zu pflegen, wurde Mitte September der Dorfverein Scherz gegründet, bei dem Hans Vogel wie viele andere Scherzer auch Mitglied ist. So soll etwa am Brötli-examen der Spiel- und Theaternachmittag wie bisher in Scherz stattfinden. Der Dorfverein setzt sich dafür ein, dass die Interessen des Dorfs Scherz in der politischen Gemeinde Lupfig nachhaltig vertreten werden. Ausserdem werden alle Stimmbürger für jede dritte Gemeindeversammlung nach Scherz eingeladen.

Buch über Campus geschrieben

Zum Aargau hatte der gebürtige Zürcher Hans Vogel bis zum Zuzug 1979 keine Beziehung. Er suchte ein geeignetes Haus und wurde in Scherz fündig. Ab 1968 hatte er in Zürich Geschichte, Politikwissenschaft und Volkswirtschaft studiert. Damals kämpften die Studierenden für mehr Mitbestimmung. Vogel engagierte sich und hatte Spass daran. Einer Partei gehörte er nie an, obwohl er sich mit den Sozialdemokraten verbunden fühlt. 1983 gründete er eine eigene Kommunikationsfirma. In dieser Funktion begleitete er zusammen mit dem visuellen Gestalter Felix Fedier später die Stiftung Visionmitte, die sich für den Fachhochschulstandort in Brugg-Windisch einsetzte.

Unterstützt durch mehrere Autoren hat Hans Vogel 2014 den langwierigen Kampf für den neuen Fachhochschul-Campus in einem Buch dokumentiert. «Das absolut Wichtigste ist, dass es die Hochschule gibt und dass sie mit hoher Qualität Studierende für unsere Wirtschaft ausbildet. Bei den Nebenwirkungen, etwa was sie den Standortgemeinden alles bringen würde, hat man vermutlich zu viel erwartet», sagt der Kommunikationsprofi.

Hans Vogel freut sich auf das kommende Jahr und sagt: «Ich lasse es mir zuerst langweilig werden.» Eine noch nicht ausgereifte Idee sei, über Scherz eine Chronik zu schreiben und mit der Chronik von Lupfig zusammenzuführen sowie als dritter Teil eine Dokumentation des Fusionsprozesses anzuhängen.

Vor wenigen Wochen war Hans Vogel für die Hilfsorganisation Swisscontact in Nepal, wo er während vier Wochen vor allem in der Hauptstadt Kathmandu einer Firma half, die Kommunikation zwischen erdbebengeschädigten Haushalten und Regierungsagenturen zu verbessern, damit die finanzielle Hilfe überhaupt fliesst. Bei dieser Organisation würde er gerne weitere Einsätze leisten. «Ich ging auch in Nepal oft ins Büro. Doch im Gegensatz zu Scherz benötigte ich im Gewusel von Kathmandu für die 1000 Meter Luftlinie rund 45 Minuten.»