Verdingkinder
Auf der Suche nach Verwandten: «Seid Ihr die Tochter von Oski?»

Verena Meier entstammt einer grossen Familie von Verdingkindern – sie sucht unermüdlich nach Verwandten. Über das Leben als Verdingbub habe ihr Vater ganz selten gesprochen: «Das ist eine Generation des Schweigens.»

Elisabeth Feller
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«Ich erkenne in meiner eigenen Geschichte ein Muster, das sich in meiner Familie seit Generationen wiederholt», sagt Verena Meier.

«Ich erkenne in meiner eigenen Geschichte ein Muster, das sich in meiner Familie seit Generationen wiederholt», sagt Verena Meier.

Elisabeth Feller

PROLOG. Verena Meier-Meier öffnet bei unserem Treffen im April 2013 ihre Tasche und zieht ein gelbes Couvert heraus. «Das habe ich vor einigen Jahren vom Bezirksgericht Uster bekommen», sagt sie. «Mein erster Gedanke war: Damit habe ich nichts zu tun.» Aber dann liest sie, dass nach Erben von einem Halbbruder ihres Vaters gesucht wird. Damit kommt eine Lawine ins Rollen, die noch immer rollt (siehe Box rechts).

«Mittlerweile ist die Suche nach meinen Wurzeln - ich entstamme einer Familie aus Verdingkindern - zu einer Angelegenheit geworden, die mich intensiv beschäftigt», sagt Verena Meier. Ein Jahr später ist die Tasche, die sie diesmal mit sich führt, ebenfalls schwer. Bevor sie dieser Dokumente und Briefe entnimmt, die sie in den vergangenen Monaten entdeckt hat, erzählt sie, was sie am 11. April 2013 erlebt hat, als sie nach Bern reiste, um eine Gedenkveranstaltung für einstige Verdingkinder zu besuchen. Verena Meier hatte sich schon immer gewünscht, eine Historikerin zu treffen, um eine solche über das Vorgehen im Hinblick auf die Familiensuche zu befragen. Sie traf eine - und diese war Archivarin im Stadtarchiv Winterthur. «Besser hätte es nicht kommen können», sagt Verena Meier, «mein Vater Oskar ist dort zur Welt gekommen.»

Knecht bei mehreren Bauern

Oskar Meier - Jahrgang 1917 - war nach seiner Verdingkindzeit bis 1957 Knecht «bei wer weiss wie vielen Bauern», wie seine Tochter Verena anmerkt. Ab 1957 wohnte der Vater in Rupperswil und lernte dort Verenas Mutter Alice kennen; 1958 heirateten die beiden. Oskar Meier hatte in der Jura-Cement-Fabrik Wildegg eine Anstellung als Hilfsgärtner gefunden. 1961 kam Verena, «Vreneli», zur Welt. Die Ehe von Oskar und Alice Meier wurde 1966 geschieden; das Kind, nach der Entmündigung der Mutter, dem Vater zugesprochen. Nach einer Augenoperation wurde Verena vom Spital weg «völlig unvorbereitet zu Pflegeeltern gebracht».

Der Vater heiratete 1968 ein zweites Mal und «Vreneli» wohnte bis zum Ende der Schulzeit bei Pflegeeltern. «Jedenfalls ging es mir besser, als dem Vater und seinen Geschwistern, aber ich hoffe, dass heute den Kindern ‹aus schwierigen Familienverhältnissen mit bildungsschwachem oder Migranten-Hintergrund› eher geholfen wird.»

Generation des Schweigens

Über das Leben als Verdingbub habe ihr Vater ganz selten gesprochen, sagt seine Tochter bedauernd: «Das ist eine Generation des Schweigens.» In Winterthur stiess Verena Meier auf Dokumente von Vater und Grossvater. Was die Hauspflegerin umtrieb war vor allem diese Frage: «Weshalb hat sich meine Grossmutter, eine Mutter von zehn Kindern, scheiden lassen?» Verena Meier fragte sich von einem Amt zum anderen durch, bis sie im Staatsarchiv des Kantons Zürich auf das in umständlichem Amtsdeutsch verfasste Scheidungsurteil aus dem Jahr 1929 stiess.

Vorausgegangen waren Ereignisse, die auch Jahrzehnte später noch erschüttern. Verena Meier erzählt vom Entzug der elterlichen Gewalt, fünf Jahre vor der erwähnten Scheidung. Begründung: Der Grossvater sei «ein dem Trunk ergebener Mann gewesen»; er und seine Frau hätten die Kinder oft allein gelassen.

Die Grosseltern seien bitterarm gewesen, weiss Verena Meier; Kinder durchzubringen, habe damals einer kaum zu bewältigenden Aufgabe geglichen. Die Dokumente belegen, «dass meine Grosseltern überhaupt nicht einverstanden waren mit dem Entzug elterlicher Gewalt». Doch nichts habe genützt.

Der Grossvater kam später in eine sogenannte Korrektionsanstalt und wurde entmündigt. Sieben Jahre nach der Scheidung ist er im März 1936 in Dielsdorf gestorben. «Weshalb dort?», fragt sich seine Enkelin, «er wohnte doch in Zürich. Wieso starb er bereits mit 46 Jahren? Welches sind die Umstände seines Todes?» Fragen über Fragen, auf die Verena Meier vorderhand keine Antworten findet.

«Aber», sagt sie, «es gibt noch andere Rätsel, denen ich nachgehen muss - aus jeder Antwort entstehen neue Fragen.» Verena Meier ist hartnäckig, hakt nach, lässt sich nicht beirren und schon gar nicht bodigen. Heute wünscht sie sich, dass sie ihrem Vater in jungen Jahren mehr Fragen gestellt hätte. Diese kamen erst später, als der Vater längst gestorben war. Doch sie stösst immer wieder auf Mosaiksteinchen. Sie weiss, dass ihr Vater Oskar bei vielen Bauern Knecht war - auch auf einem Hof in der Nähe von Bern. Also fragt sie sich in Bolligen durch, bis sie auf einem Hof im Weiler Bantigen eine betagte Bäuerin trifft. Diese, sagt sie, habe sie aufmerksam gemustert: «Sit ihr d Tochter vom Oski?» Verena Meier macht eine Pause - die damaligen Gefühle will sie nicht bereden, bloss so viel: «Dass jemand in meinen Gesichtszügen meinen Vater erkannt hat, das war unbeschreiblich.»

Es sind diese Glücksmomente, die Verena Meier nimmermüde nach ihren Eltern, Grosseltern, Tanten, Onkeln, Cousinen und Cousins suchen lässt. Was ihr bei jedem Brief und jedem Dokument, das sie zu Gesicht bekommt, auffällt, ist dies: «Ich erkenne in meiner eigenen Geschichte ein Muster, das sich in meiner Familie seit Generationen wiederholt.»
Epilog. Soeben trifft ein Mail ein. Verena Meier schreibt, dass sie das Todesdatum ihrer Urgrossmutter herausgefunden hat. «Sie starb im August 1935 in Opfikon, also ein Jahr vor ihrem Sohn, meinem Grossvater Karl. Dieser hat anscheinend oft bei seiner Mutter gewohnt. Nehmen wir an, dass Karl nach ihrem Tod auch noch den letzten Lebenshalt verloren hat und zufällig in Dielsdorf in einem Strassengraben gelandet ist ...»