«Wer hat noch Fotos?», fragt Sonja Vogt von der Kulturgruppe in die Runde. «Es wäre jetzt wieder ein Platz frei.» Die vorwiegend älteren Frauen und Männer haben es sich an diesem verregneten Samstagnachmittag im Restaurant Leue bei Kaffee und Kuchen gemütlich gemacht. Doch nur wegen eines Kaffeeklatschs sind sie nicht hier.

Sie haben Fotografien aus längst vergangener Zeit mitgebracht und diskutieren nun eifrig miteinander. Einige Frauen nehmen schwarz-weisse Klassenfotos genauer unter die Lupe; auf dem Bild sind Mädchen und Knaben zu sehen, einer hält eine Tafel mit der Jahrzahl 1917 in den Händen.

Die Fotos in den «Leue» zu bringen, dazu aufgerufen hatte die Kulturgruppe Scherz, damit diese Zeitdokumente am Dorffest im August 2017 gezeigt werden können.

Der Andrang ist gross

Dass sich gar eine Warteschlange im Restaurant bilden würde, daran hätten die Kulturgruppemitglieder nicht gedacht. Urs Heimann steht an seinem selbst gebauten Metallkonstrukt, auf dem seine Fotokamera montiert ist. Mithilfe der seitlich befestigten Lampen leuchtet er die eher schwachen Schwarz-Weiss-Bilder aus und fotografiert sie. Sonja Vogt macht sich Notizen, schreibt auf, wer die Bilder gebracht hat und natürlich, wer darauf zu sehen ist. Einmal meint sie, ihren Mann als Bub erkannt zu haben, und lacht dann auf. «Das ist ja gar nicht mein Mann, sondern mein Schwager.»

Auf der anderen Seite des langen Tisches steht Nadja Vogt und blättert mit Marlies Schafroth im Album. Die kleinen Schwarz-Weiss-Fotos mit weissen gezackten Rändern werden genau begutachtet. Ein Bild hat es Nadja Vogt besonders angetan; es zeigt ihre Grossmutter in Tracht gekleidet anlässlich der Schweizerischen Landesausstellung 1939. Sind die Fotos ausgesucht, die Menschen darauf identifiziert, scannt sie Ueli Hartmann ein. Vorgesehen ist, aus den Bildern einen Film zu machen und einzelne davon im «Leue» auszustellen.

Beny Ruhstaller, Inhaber des «Leue», freut sich. Soeben hat er vier Fotos gefunden, die den Gasthof Löwen zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs zeigen. Vor dem Gasthof posieren Soldaten und einige Scherzer Frauen. Auf einem anderen Schwarz-Weiss-Bild ist der «Löwenwirt» Alfred Huwyler um 1953/54 mit drei Scherzer Männern am Tisch zu sehen.

Im «Löwensaal» wurde gefeiert

Marlies Schafroth zeigt auf ein Foto, das während eines Turnerabends im «Löwen» auf der Bühne aufgenommen wurde. Auch Theater wurden hier aufgeführt, wo sich heute eine Wohnung befindet. Auf einem anderen Bild sind Kinder am Brötliexamen-Umzug in Scherz zu sehen. «Der Umzug führte über die Hölli nach Lupfig und dann zur Kirche Birr.» Für das Nachmittagsprogramm mit Spielen für die Kinder und Musik wurde beim Brunnen vor dem «Löwen» eine Bühne aufgestellt. «Dies passierte jedoch erst am Brötliexamen-Morgen, je nach Wetter. War es schlecht, wurde im ‹Löwensaal› gefeiert», erklärt Marlies Schafroth, die in Scherz aufgewachsen ist und heute wieder hier lebt. «Ich hänge an alten Sachen, an den Erinnerungen.»

Der ehemalige Lehrer Hans-Peter Gloor bringt Klassenfotos aus den 70-er-Jahren mit. «Das ist super, das ergibt Diskussionen nach dem Motto ‹Weisch no?›.» Sein ehemaliger Schüler Hansjörg Bosshard ist ebenfalls da, zeigt ein Farbfoto aus dem Jahr 1981 mit ihm, seinem Bruder und einem Kollegen. Sie sitzen auf einer Bank und lachen, die Füsse stecken in Schlittschuhen und in den Händen halten sie Eishockeystöcke. Sie ruhen sich vom Spiel auf dem zugefrorenen Weiher aus. «Damals konnte man noch jeden zweiten Winter auf dem Weiher Schlittschuhlaufen, jetzt ist es jeder zehnte», weiss Hans-Peter Gloor.