Am Donnerstag redete er auf Einladung der Kirchgemeinde Auenstein über seinen Beruf als Gefängnisseelsorger. Die az Aargauer Zeitung traf den 47-Jährigen separat zum Gespräch.

Der Arbeitsort von Tobias Brandner ist seit mehr als 15 Jahren das Stanley-Gefängnis in Hongkong. Haben sich die Haftbedingungen im Land, das selten für die Achtung der Menschenrechte gelobt wird verändert? «Kaum», sagt Tobias Brandner. In Gesprächen mit Politikern und der Gefängnisleitung deponiere er immer wieder Vorschläge, wie beispielsweise, dass Gefangene bei guter Führung vorzeitig entlassen werden. «Das geschieht mittlerweile häufiger, auch wenn ich nicht glaube, dass es ausschliesslich auf meine Intervention zurückzuführen ist.»

Hin und her zwischen zwei Welten

1400 Häftlinge sitzen im Stanley Gefängnis. Die meisten arbeiten tagsüber in den Werkstätten, andere sind in Isolationshaft. Abends kehren die Männer in fünfeinhalb Quadratmeter grosse Zellen zurück: ein Schragen aus Plexiglas, eine Toilette mit eingebautem Wasserhahn, ein Tisch und ein Stuhl. Brandners «Kunden» sind Mörder, Vergewaltiger und Drogenkuriere.

Zurzeit weilt Tobias Brandner jedoch mit seiner Frau und seinen drei Kindern in der alten Heimat, wo er jedes Jahr ein paar Wochen verbringt, um Freunde und Verwandte zu besuchen. Zerreisst ihn der Wechsel zwischen den beiden Welten nicht? «Nein, der Wechsel fällt mir leicht, denn ich fühle mich sowohl in der Schweiz als auch in Hongkong fest zu Hause», sagt er. An einem Tisch in einer ruhigen Ecke des Restaurants «Les Arcades» im Zürcher Hauptbahnhof erzählt er, wie es ihn nach Hongkong verschlug.

Mitten in der Menschenmenge

Nach der Matura an der Kantonsschule Aarau entschied er sich «aus Interesse an diesem vielfältigen Fach» für ein Theologiestudium an der Universität Zürich. Er hängte ein Doktorat in systematischer Theologie an und arbeitete gleichzeitig als Gefangenenseelsorger in Regensdorf. Seine Freundin, mit der er heute verheiratet ist und drei Kinder hat, überzeugte ihn, dass er sich trotz seinem politischen Amt als Mitglied des Zürcher Stadtparlaments nicht in Zürich festkrallen sollte. «Die Basler Mission 21 bot mir auf Anfrage an, die Gefängnisarbeit in Hongkong zu übernehmen. Ich hatte sofort das Gefühl, dass dies das Richtige ist für mich.» Gemeinsam mit seiner Frau brach er die Zelte in der Schweiz ab und zog nach Hongkong, wo die beiden zunächst zwei Jahre lang intensiv Kantonesisch lernten.

Mittlerweile sind sie nicht nur des Kantonesischen mächtig, sondern haben sich auch an das Leben in der Grossstadt gewöhnt. «Es ist komplett anders als in der Schweiz. Man ist permanent von enormen Menschenmengen umgeben», beschreibt Brandner die Verhältnisse. Er lebt mit seiner Familie in einer Wohnung auf dem Campus der Universität Hongkong lebt, wo er neben seiner Gefängnisarbeit auch unterrichtet.

Der Vorstellung vieler Europäer, dass die Chinesen distanziert seien oder gar wie Maschinen funktionierten, entgegnet Brandner: «Die Menschen sind sehr neugierig und offen gegenüber Fremdem. Zudem pflegen sie einen respektvollen und aufmerksamen Umgang mit ihren Mitmenschen.» Trotzdem betont er, dass seine besten Freunde noch immer diejenigen in der Schweiz seien. Auch die Berge und die «würzige Luft» vermisst er in der Millionen-Metropole.

Die plötzliche Sinn-Frage

Was bringt also einen Schweizer Pfarrer dazu, Seelsorger in drei Hongkonger Strafanstalten zu werden? «Die Insassen sind gewöhnliche Menschen in einer ungewöhnlichen Situation, in der sie plötzlich mit existenziellen Fragen konfrontiert werden: Was ist der Sinn des Lebens? Was bedeutet Freiheit? Die Häftlinge in solchen Krisen zu begleiten, fasziniert mich», erklärt Brandner.

1800 Straftäter versucht er einmal im Monat zu besuchen. Dazu wendet er pro Woche ein oder zwei Tage auf. Seine Besuche beginnen stets mit einem Rundgang durch die Werkstätte. «Dort kommuniziere ich auf banalste Weise mit den Insassen. Ich begrüsse sie, gebe ihnen die Hand und wir wechseln ein paar Worte.» Wenn die Gefangenen das Bedürfnis verspüren, mit ihm zu reden, dann hat er stets ein offenes Ohr. «Ich bin quasi ein wandelndes Gesprächsangebot», meint er lachend. Die Gespräche können sich um banale Dinge drehen, doch die Männer reden mit Brandner auch über persönliche Probleme und Ängste.

Nach dem Gang durch die Werkstätte besucht Brandner, der von den Insassen «Father Tobias» genannt wird, Straftäter, die sich in Isolationshaft befinden. Mit ihnen spricht er oft nur durch die Gitterstäbe. Viele dieser Männer sind gebrochen und tragen tiefe Wunden aus der Vergangenheit. Was sagt man einem solch verzweifelten Menschen, der zu 20 oder 30 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde und 23 Stunden pro Tag in Isolationshaft verbringen muss? «Ich versuche den Männern mithilfe meines Glaubens zu vermitteln, dass ich sie als wertvoll anschaue und dass ich sie nicht aufgebe. Dennoch ist es nicht mein Ziel, sie zum Christentum zu bekehren, sondern zu verstehen, was sie brauchen», betont Brandner. Das muss nicht immer ein Gespräch sein. Oft reicht schon ein Kompliment oder ein Händedruck.

Keine Angst vor Schwerverbrechern

Der Aargauer Seelsorger kann sich in den drei Männergefängnissen frei bewegen. Schutz nimmt er keinen in Anspruch, auch dann nicht, wenn er mit einem Schwerverbrecher ein Einzelgespräch führt. «Das ist total ungefährlich», so Brandner. Er ist sich sicher, dass die Insassen ihm unter keinen Umständen etwas antun werden, denn sie bringen ihm mindestens so viel Wertschätzung entgegen, wie er ihnen. «Diese Männer leben in einer abgeschlossenen Welt. Sie geniessen jeden Kontakt von aussen», erklärt er.

Bereits in fünf Wochen wird Tobias Brandner wieder zurück nach Hongkong reisen. «Ich kann mir vorstellen, eines Tages in die Schweiz zurückzukehren, doch momentan ist meine Tätigkeit in Hongkong noch immer sehr befriedigend.»