Veltheim
Auch Freikirchen setzen jetzt auf Ökumene

Begegnungen zwischen den christlichen Konfessionen sind im Schenkenbergertal an der Tagesordnung. Doch nun ist die Ökumene – im Jubiläumsjahr 500 Jahre Reformation – noch einen Schritt weiter gegangen.

Hans Christof Wagner
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Beim ökumenischen Gottesdienst in Veltheim halten sie die Predigt zu dritt (v. l.): Brigitta Minich, Martin Kress und Christian Vogt.

Beim ökumenischen Gottesdienst in Veltheim halten sie die Predigt zu dritt (v. l.): Brigitta Minich, Martin Kress und Christian Vogt.

Hans Christof Wagner

Keyboarder Christoph Jakob spricht mit geschlossenen Augen: «500 Jahre waren wir getrennt. Aber, das, Herr, war nicht Dein Ziel. Du wolltest verbinden, nicht trennen.» Und dann geht der Liederreigen weiter: Songs auf Hochdeutsch und in Mundart, die von Gemeinschaft, Vertrauen und Liebe handeln. Martin Kress, Pastor der Chrischona Freikirche Schinznach, begleitet Jakob auf der Gitarre und singt mit, auch er oft mit geschlossenen Augen.

In den Kirchenbänken tun es ihnen viele gleich: Die Besucher stehen auf, wippen mit dem ganzen Körper und legen, um den Gesang noch zu unterstreichen, ihre rechte Hand aufs Herz. Der ökumenische Festgottesdienst zum Reformationsjubiläum am Sonntagvormittag in der reformierten Kirchgemeinde Veltheim hat schon sehr viel von der Inbrunst und dem Sendungsbewusstsein freikirchlicher Gruppen.

Und das ist das Spezielle an diesem Tag. Denn ökumenische Gottesdienste zwischen Katholiken und Reformierten im Schenkenbergertal sind, ein halbes Jahrtausend nach Luthers Thesenanschlag in Wittenberg, nichts Ungewöhnliches mehr. Doch dass auch Chrischona Schinznach mit dabei ist, Anfang des 20. Jahrhunderts vom offiziellen Protestantismus abgespalten, ist tatsächlich das erste Mal. «Ich weiss eigentlich gar nicht genau, warum es nicht schon früher dazu kam, wir Pfarrer untereinander haben einen tollen Kontakt», räumt Kress auf Nachfrage nach dem mehr als einstündigen Gottesdienst ein.

Kirchgänger mit Öl gesalbt

Als Heilige Messe kann man diesen nicht bezeichnen. Gab es doch darin keine Eucharistie im katholischen Verständnis und auch kein Abendmahl, wie die Protestanten es nennen. Denn auf ein gemeinsames Verständnis davon, wie Jesus Christus in den Elementen Brot und Wein präsent ist, leiblich oder nur symbolisch, konnten sich die beiden christlichen Kirchen bis heute nicht einigen. Doch um den gemeinsamen Gottesdienst nicht nur auf Worte und Lieder zu beschränken, haben sich die Beteiligten darauf verständigt, die Kirchgänger in Veltheim mit Öl zu salben. Während die Zeremonie läuft, intoniert die Orgel Bachs «Air» aus der 3. Orchestersuite. Unstrittig ist auch das Gebet Vaterunser, das die Besucher danach gemeinsam sprechen. Mittragen können sicher alle, dass das Geld der Kollekte nach Syrien geht, an dort verfolgte Christen.

Und verschmerzen lässt sich an diesem Sonntagvormittag wohl auch, dass kleidertechnisch Christian Vogt, Pfarrer der reformierten Kirchgemeinde Veltheim, dessen Kollegen Arpad Ferencz (Auenstein), Stefan Huber (Thalheim) und Jan Karnitz (Schinznach-Dorf) sowie Brigitta Minich vom katholischen Kirchenzentrum St. Franziskus Schinznach-Dorf Zugeständnisse an die Chrischona-Gemeinde machten. Weil deren Pastor Martin Kress in Hemd und Pullover auftritt, haben auch sie auf liturgische Gewänder gänzlich verzichtet. «Das hätte sonst einfach blöd ausgesehen», sagt Vogt hinterher beim Apéro im Kirchgemeindehaus.