Brugg
Auch die Legionäre waren keine Heiligen

Spannende Sonderausstellung: Die Ausstellung «Kriminalität im Römischen Reich» im Vindonissa-Museum wird mit spektakulären Funden und einem aufschlussreichen Buch ergänzt.

Edgar Zimmermann
Merken
Drucken
Teilen
Römische Soldaten sind hin und wieder auf Abwege geraten – im Bild aber eine «friedliche Truppe» auf dem Legionärspfad Vindonissa.NN

Römische Soldaten sind hin und wieder auf Abwege geraten – im Bild aber eine «friedliche Truppe» auf dem Legionärspfad Vindonissa.NN

Unlängst ist im Vindonissa-Museum eine spannende Sonderausstellung eröffnet worden: «Gefährliches Pflaster – Kriminalität im Römischen Reich». In dieser Ausstellung wird mit spektakulären Funden ein düsteres Kapitel der römischen Welt erhellt.

Noch mehr Informationen finden sich in einem von Marcus Reuter und Romina Schiavone verfassten, 437 Seiten umfassenden Buch, das unter dem gleichen Titel erschienen ist und das auch die an Römerorten im Ausland gezeigte Ausstellung begleitet. Da sich in Vindonissa ein Legionslager befand, dürfte das Kapitel «Römische Soldaten auf Abwegen» hierzulande auf besonderes Interesse stossen.

Militärische Disziplin

Zur Zeit des Windischer Legionslagers und von Kaiser Tiberius priesen verschiedene römische Autoren die Bedeutung der strengen militärischen Disziplin als tragende Säule für das Funktionieren des Römischen Reiches. Wurde die Heeresdisziplin nicht eingehalten, drohten zumeist schwere Strafen: von Geldbussen über körperliche Züchtigung, Abkommandierung zu harter Arbeit bis zur Todesstrafe. Selbst kleinere Delikte wie der Diebstahl in einem Bad konnten den Soldaten schwer treffen: Er wurde unehrenhaft entlassen und verlor seine Entlassungsprivilegien und -prämien. Diese Strafen sollten abschreckend wirken.

Trotzdem liegen viele Quellen über Vergehen und Straftaten vor. So berichtet der Schriftsteller Tacitus, dass sich Legionssoldaten an Rhein und Donau im Jahr 14 n. Chr. über Misshandlungen durch Centurionen (Offiziere) und Korruption beklagten. Sie mussten sich etwa von harten Diensten freikaufen oder Zahlungen tätigen, um Urlaub zu erhalten oder eine Dienstreise unternehmen zu dürfen. So schrieb ein Soldat seinem Vater auf Papyrus, dass im römischen Heer nichts ohne Geld zu erreichen sei. Dies dürfte übertrieben und aus einer Verärgerung heraus so formuliert worden sein. Gleichwohl waren Korruption, Habsucht, Erpressung und Veruntreuung – zum Beispiel die Veruntreuung der Spareinlagen von Legionssoldaten zur Finanzierung eines Aufstandes - nicht selten.

Aus anderen Schilderungen erfährt man, dass Soldaten dem Würfelspiel – zum Teil mit getürkten Würfeln – verfallen waren. Der Dichter Juvenal notierte im späten 1. Jahrhundert, dass man ungestraft Zivilisten verprügeln konnte, weil die Militärgerichte stets zugunsten der Soldaten entschieden haben. Die Lust am Plündern gehörte ebenfalls zu den Ausschweifungen. Da erfährt man etwa, dass ein Soldat namens Titius (nicht in Vindonissa stationiert) im Jahr 31 n. Chr. mit Komplizen einen Fischteichbesitzer einschüchterte und ihm zahlreiche Fische raubte. Anderswo wurden Ferkel gestohlen oder Schafe geschoren. Die Disziplinlosigkeit einzelner römischer Heeresangehöriger konnte gar zu gefährlichen Unruhen oder Aufständen gegen die römische Herrschaft führen.

Zivilbevölkerung profitierte

Um die Mitte des 1. Jahrhunderts warnte der Autor Columella, einen Gutshof (Villa) in der Nähe eines Militärlagers zu erstellen, da missbräuchliche und durch Gewalt erzwungene Forderungen besonders häufig bezeugt sind. Auch wenn Zivilisten da und dort unter Übergriffen und Gewalttaten durch Soldaten zu leiden hatten, so waren diese Taten eher Ausnahmen. Die Zivilbevölkerung konnte vom Militär in starkem Masse profitieren – auch vom Schutz durch das Militär. Die Autoren des neuen Buches «Gefährliches Pflaster» kommen denn auch zum Schluss, dass das Lob der militärischen Disziplin berechtigt war und dass Letztere wesentlich zu den langen Zeiten des inneren und äusseren Friedens im Römischen Reich beigetragen hat.

Buch «Gefährliches Pflaster – Kriminalität im Römischen Reich», Verlag Philipp von Zabern, Mainz. Erhältlich im Vindonissa-Museum Brugg und im Buchhandel.