Brugg

Auch die Legionäre kämpfen mit Corona: Weit weniger als die Hälfte fanden den Weg ins Römerlager

Die Schulen dürfen wieder anwesend sein auf dem Legionärspfad, die Zahl der Übernachtungen in den rekonstruierten Legionärsunterkünften ist mittlerweile gleich hoch wie im Vorjahr.

Die Schulen dürfen wieder anwesend sein auf dem Legionärspfad, die Zahl der Übernachtungen in den rekonstruierten Legionärsunterkünften ist mittlerweile gleich hoch wie im Vorjahr.

Kürzere Saison, weniger Veranstaltungen: Im Römerlager Vindonissa können 64 Prozent weniger Besucher gezählt werden als im Vorjahr.

Die Zeitreise führt 2000 Jahre zurück in die faszinierende Welt des einzigen Legionslagers der Schweiz. Das Römerlager Vindonissa in Brugg und Windisch – als Teil des Museums Aargau – bietet an Originalschauplätzen Führungen, Spiel-Touren oder Workshops an. Normalerweise.

Corona hat auch die Welt der antiken Römer gehörig auf den Kopf gestellt. Das Vindonissa Museum in Brugg musste im März wegen des Lockdowns geschlossen werden, auf dem Legionärspfad Vindonissa konnte die Saison gar nicht erst beginnen. Sämtliche geplanten grossen Publikumsveranstaltungen fielen ins Wasser, die beliebten Übernachtungen von Schulklassen – die Legionärsunterkünfte waren praktisch ausgebucht – wurden gestrichen oder «im besten Fall» verschoben, blickt Rahel Göldi zurück, Leiterin Römerlager Vindonissa.

Auffallend viele kamen aus der Romandie

Flexibilität sei gefragt gewesen in den Wochen vor den Sommerferien – «das war bei uns nicht anders als anderswo». Rahel Göldi erwähnt die lange bestehenden Unklarheiten, die kurzfristige Planung, die unberechenbare Entwicklung. Insbesondere im Bereich Geschichtsvermittlung sei die Situation für die Mitarbeitenden, die jeweils als Römerin oder Römer im Einsatz sind und primär Schulklassen begleiten, herausfordernd und belastend gewesen, gar existenzbedrohend. Sie mussten sich die Frage stellen, was passiert, wenn die Schulen gar nicht kommen dürfen, eine Arbeit nicht möglich ist. «Hier mussten rasch Lösungen gefunden werden.»

Dann am 12. Mai – vier Wochen früher als ursprünglich vom Bundesrat kommuniziert – konnte die Eröffnung erfolgen. «Dieser überraschende Entscheid hat uns dann doch etwas ins Schwitzen gebracht», sagt Rahel Göldi. Mittlerweile habe sich die Situation zwar nicht normalisiert, aber immerhin stabilisiert, fügt sie an. «Während der Sommerferien konnten wir uns über auffallend viele ausserkantonale Gäste insbesondere auch aus der Romandie freuen und jetzt wieder über die Schul­klassen.»

Trotzdem ist der Einbruch markant: Per Ende September konnten im Römerlager Vindonissa total rund 15500 Besucherinnen und Besucher gezählt werden, rund 64 Prozent weniger als im Vorjahr mit 43000 zum gleichen Zeitpunkt. Erfreulich entwickelt haben sich laut Rahel Göldi inzwischen die Zahlen der Individualbesuchenden an den Wochenenden. Diese liegen gleich hoch und teilweise sogar höher als im Vorjahr. Dies sei ein Trend, wie er im gesamten Museum Aargau festzustellen sei und damit zu tun habe, «dass die Schweizerinnen und Schweizer ihre Frei- und Ferienzeit vermehrt an attraktiven Orten im Inland verbringen». Gleiches gilt für die Übernachtungen in den Legionärsunterkünften, seitdem die Schulen wieder anwesend sein dürfen: Im September sind an 33 Übernachtungen total 713 Teilnehmer gezählt worden, vor einem Jahr waren es 33 Übernachtungen für total 728 Teilnehmende.

Arbeiten an Schutzkonzept waren aufwendig

«Planung, Planung und nochmals Planung», antwortet Rahel Göldi zusammenfassend auf die Frage, welchen Tätigkeiten sie und ihr Team sich vor allem gewidmet haben dieses Jahr. «Die Arbeit war nicht weniger – einfach anders.» Anstelle von Veranstaltungen beschäftigten etwa die aufwendigen Distanz- und Hygienemassnahmen. Denn, um die Regeln einhalten zu können, mussten vom Museum Aargau umfangreiche Schutzkonzepte erstellt werden. Das Geschichtsvermittlungsprogramm bei den Übernachtungen in den rekonstruierten Legionärsunterkünften wurde so angepasst, dass sich die Schülerinnen und Schüler aus unterschiedlichen Schulhäusern nicht durchmischen, was bisher ­üblich und beim gemeinsamen römischen Kochen und Spielen durchaus ein Ziel war, macht Rahel Göldi ein Beispiel.

Persönlich als sehr gewinnbringend erachtet sie, um einen positiven Aspekt zu nennen, den Austausch der Fachbereiche, den Corona mit sich brachte. «So haben sich für diejenigen, die ihre Tätigkeit im eigentlichen Einsatzbereich nicht ausführen konnten, neue Möglichkeiten ergeben, ihr Wissen einzubringen. Das war für den ganzen Betrieb und das Team sehr bereichernd und das werden wir weiterhin pflegen. Letztendlich kommt dies auch unseren Gästen zugute.»

Zum Thema Aufgeblüht entsteht ein Ziergarten

Für die Gäste habe Corona keine negativen Auswirkungen, hebt die Leiterin hervor. «Im Gegenteil.» Die Angebots­palette in der Geschichtsvermittlung sei nach wie vor sehr vielseitig, sämtliche Spiel- und Themen-­Touren sowie alle ­Aus­stellungsräume seien mit entsprechenden Schutzmassnahmen zu geniessen. An Familiensonntagen wurden die individuellen Kurzführungen für Kleingruppen ausgebaut und im Vindonissa Museum besteht neu eine Spiel-Tour für die Allerkleinsten ab 3 Jahren. Zudem wird laut Rahel Göldi vielseitig über die digitalen Kanäle vermittelt – von der Koch-Show nach Originalrezepten bis zur 360-Grad-Kamera-Aufnahme in der Legionärsunterkunft, die auf witzige Weise einen Legionär im Homeoffice vor 2000 Jahren porträtiert.

«Mit den diesjährigen Erfahrungen betreffend Corona sind wir gut fürs 2021 gerüstet», sagt Rahel Göldi mit Blick auf die nächste Saison. Verschiedenes habe ausprobiert werden können. «Das wird uns auch künftig helfen.» Mit dem Jahresthema Aufgeblüht widmet sich das Museum Aargau im 2021 der Natur und den Gärten. Im Vindonissa Museum in Brugg wird dazu auf Ende April ein römischer Ziergarten rekonstruiert. Rahel Göldi spricht von einer Oase der Sinne ganz nach dem Gusto der römischen «Upper Class». «Gemeinsam mit der Archäobotanik der Vindonissa-Professur der Universität Basel haben wir dieser Tage mit der Planung für dieses neue Vermittlungsangebot begonnen.»

Der Legionärspfad Vindonissa ist noch bis 1. November geöffnet. Bis dahin finden jeden Sonntag die Familiensonntage mit Kurzführungen und Mitmachangeboten statt. Diese werden im Vindonissa Museum neu übrigens auch über den gesamten Winter jeden Sonntag angeboten. Im Vindonissa Museum gibt es weitere zahlreiche Möglichkeiten für exklusive Einblicke in die Archäologie, zum Beispiel mit «Blick hinter die Kulissen» am 15. Oktober, oder mit der Reihe «Archäologie Persönlich», die über den Winter alle zwei Monate stattfindet, das nächste Mal am 17. November.

Autor

Michael Hunziker

Michael Hunziker

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