«Die Erde ist schön, klein, einsam und zerbrechlich», sagt Claude Nicollier, der erste und bisher einzige Schweizer Astronaut, im Campus der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) Brugg-Windisch. An seinen Lippen hängen rund 300 Gäste – darunter einige Weltall-Freaks sowie der Raumfahrtexperte und ehemalige Fernsehmoderator Bruno Stanek. Nicollier erzählt von seinen Missionen, die ihn in den Neunzigerjahren viermal mit dem Space Shuttle zur Erdumlaufbahn führten.

Claude Nicollier referiert über seine Erfahrungen im Weltraum

Claude Nicollier referiert über seine Erfahrungen im Weltraum

Insgesamt verbrachte er 42 Tage, 12 Stunden und 5 Minuten im Weltall. «Es war verboten, mit Flüssigkeiten zu spielen, aber wir taten es trotzdem, denn es machte Spass. Wir haben einfach die Instrumente mit Tüchern abgedeckt», so der 70-Jährige, der mit viel Witz von fantastischen Sonnenuntergängen, harten Vorbereitungen und gefährlichen Arbeiten berichtet. Freude habe geherrscht, so Nicollier, als es 1993 auf seiner ersten Mission gelang, das Hubbleteleskop zu retten. Der Druck sei sehr gross gewesen. Sechs Jahre später legte er auf einem über acht Stunden dauernden Weltraumspaziergang selber Hand am Hubbleteleskop an.

Die Schweiz engagiert sich

Claude Nicollier ist überzeugt, dass in Zukunft sowohl Menschen wie Roboter im All zum Einsatz kommen werden. Dem Thurgauer Steve Schild, der kürzlich beim «Mars One»-Projekt eine weitere Hürde geschafft hat, wünscht der Astronaut viel Glück. Die Zeit und die finanziellen Mittel seien aber vermutlich zu knapp, um bereits in 10 Jahren auf den Mars zu fliegen, sagt er.

Elektronische Musik und Raumanzug-Ammenmärchen: Ausschnitte aus der Veranstaltung «Leben und arbeiten im All».

Elektronische Musik und Raumanzug-Ammenmärchen: Ausschnitte aus der Veranstaltung «Leben und arbeiten im All».

«Man braucht nicht ins Weltall zu gehen, um sich mit der entsprechenden Technik zu befassen», sagt André Csillaghy, Leiter des Instituts für 4D-Technologien an der FHNW. An der Hochschule für Technik in Brugg-Windisch gebe es mehrere Institute, die sich zusammen mit den Studierenden an Weltraumprojekten beteiligten. Als Beispiel nennt er die Beobachtungen von Sonnenausbrüchen, die die Infrastruktur im All beschädigen können.

Ob es die Schwerkraft für die optimale Funktion der Körperzellen braucht, ist ein Thema, mit dem sich Oliver Ullrich, Leiter Anatomisches Institut der Universität Zürich, auseinandersetzt. Er zeigt mit Filmsequenzen, wie zu Forschungszwecken mit Parablen-Flügen während mehreren Minuten der Zustand der Schwerelosigkeit erreicht werden kann, ohne die Erdatmosphäre verlassen zu müssen.

Kein Alkohol-Verbot im Weltall

Lukas Viglietti, Präsident der Swiss Space Association, ist mit mehreren Mondastronauten befreundet. Mit grosser Leidenschaft erzählt er vom Umgang mit Alkohol während den Apollo-Missionen und davon, wie umständlich die vielschichtigen Raumanzüge sind und dass es an Bord rund 45 Minuten dauerte, um ein grosses Geschäft zu verrichten. Viglietti kennt Astronauten, die an Durchfall litten, sich auf dem Mond im Golfen und Speerwerfen übten und nackt zur Erde zurückflogen.

Organisiert wurde der öffentliche Anlass zum Thema «Leben und Arbeiten im All» am Samstagnachmittag vom Swiss Space Museum – ein 2011 von Guido Schwarz lanciertes Projekt. Wenn es mit der Finanzierung dieser privaten Initiative klappt, soll Mitte 2016 im Raum Zürich eine grosse Jahres-Ausstellung eröffnet werden. «Damit wollen wir das Weltall für alle auf die Erde holen», sagt Projektleiter Schwarz. Seine Freude über den grossen Publikumsaufmarsch ist riesig.

Wie es mit der Weltraum-Forschung auch immer weitergehen mag, für Claude Nicollier ist klar: «Wir müssen vor allem zur Erde Sorge tragen, denn das ist der Planet, wo auch in Zukunft praktisch alle Menschen leben werden.»