Brugg

Armut kann jeden treffen – Betânia Figueiredo berät täglich Hilfesuchende

Die Sozialarbeiterin Betânia Figueiredo orientiert in vermeintlich aussichtslosen Situationen und empfiehlt Betroffenen, sich frühzeitig Informationen zu holen.

Die Sozialarbeiterin Betânia Figueiredo orientiert in vermeintlich aussichtslosen Situationen und empfiehlt Betroffenen, sich frühzeitig Informationen zu holen.

Armut ist keine Randerscheinung. Betânia Figueiredo, Standortleiterin des Kirchlichen Regionalen Sozialdiensts Brugg-Windisch, hat täglich mit den Hilfesuchenden zu tun.

«Die Armutsquote in der Schweiz steigt trotz guter Konjunktur», sagt Betânia Figueiredo von Caritas Aargau, Sozialarbeiterin und Standortleiterin des Kirchlichen Regionalen Sozialdienstes (KRSD) Region Brugg-Windisch. «Aktuell sind mehr Leute von Armut bedroht als in den Vorjahren. Armut ist keine Randerscheinung, sondern Bestandteil unserer Gesellschaft.» Der KRSD Region Brugg-Windisch wurde im Sommer 2016 als Pilotprojekt gestartet. Im vergangenen Dezember entschied die Römisch-Katholische Kirchgemeindeversammlung Brugg, den Dienst zu institutionalisieren. Die fachliche und personelle Führung des KRSD obliegt der Caritas Aargau.

In der Schweiz sind über 1,2 Millionen Menschen von Armut bedroht oder betroffen. Das ist jede siebte Person in der Schweiz. Jede fünfte Person ist nicht in der Lage, eine unerwartete Ausgabe von 2500 Franken zu tätigen. Jedes sechste Kind ist von Armut betroffen. Rund ein Drittel der Sozialhilfebezüger sind Kinder und Jugendliche. «Im Aargau ist die Quote der Sozialhilfebezüger mit 2,3% kleiner als der Schweizer Durchschnitt von 3,3%», sagt Figueiredo. Im Bezirk Brugg lag die Quote 2017 bei 2,1%, was 1040 betroffenen Personen entspricht. Die höchste Sozialhilfequote im Aargau hatte der Bezirk Aarau mit 3,2% (2434 Personen), die tiefste der Bezirk Muri mit 1,4% (487 Personen).

Grosse Nachfrage beim KRSD-Standort Brugg-Windisch

Der KRSD Region Brugg-Windisch wird täglich von Einzelpersonen und Familien aufgesucht. Die Beratungsanfragen nehmen zu, sagt Figueiredo. «Die Ratsuchenden schätzen die Niederschwelligkeit, die Professionalität und die Freiwilligkeit der Fachstelle. Die Katholische Kirche Brugg leistet in Zusammenarbeit mit der Caritas Aargau eine wichtige Ergänzung zu den staatlichen Angeboten.» Der Dienst sei für Menschen wertvoll, die durch die Maschen fallen und an keine Fachstelle angegliedert sind. «Die Rückmeldungen unserer Klienten bestätigen, dass der KRSD Region Brugg-Windisch wegweisend ist für die Menschen in der Region. Wir werden weiterhin am Puls der Gesellschaft bleiben.»

Beim KRSD Region Brugg-Windisch sind rund die Hälfte der Ratsuchenden Familien. Figueiredo hält fest, dass Alleinerziehende und Familien mit kleinen Kindern sowie Haushalte mit drei oder mehr Kindern besondere Risikogruppen sind. Die Sozialarbeiterin sieht in der fehlenden Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein Armutsrisiko. «Familienergänzende Strukturen können sich meist nur Gutverdienende leisten. Aber gerade bei niedrigem Einkommen müssen beide Elternteile arbeiten.» Zur Risikogruppe gehören zudem Personen ohne Ausbildung, Erwerbslose und Personen über 65.

Alltägliche Situationen können belastend sein

Eine Beratungsstelle aufzusuchen, erfordert laut Figueiredo Überwindung. Wer dann bei ihr anklopft, wünscht sich häufig eine sofortige Lösung. Das sei aber schwierig. Denn meist fällt das gesamte Gefüge zusammen: soziale Schwierigkeiten, finanzielle und gesundheitliche Probleme, Schulden, rechtliche Fragen, der Verlust des Arbeitsplatzes, Einsamkeit. All diese Komponenten spielen zusammen.

Der KRSD Region Brugg-Windisch bietet Beratungen an zu Sozialversicherungsansprüchen, Rechtsfragen und finanziellen Angelegenheiten. Manchmal reicht aber auch ein offenes Ohr. Wichtig sei die Orientierung in einer vermeintlich aussichtslosen Situation. «Ich versuche mit den Ratsuchenden zusammen eine Lösung zu erarbeiten. Der erste Schritt ist meistens, die Probleme nach Dringlichkeit zu sortieren. Information und Aufklärung führen zu Erleichterung. Wenn die Klienten zur Tür hinausgehen, sehen sie ein Licht am Ende des Tunnels, das ist schön.»

Der Grundbedarf für eine Einzelperson liegt bei 986 Franken

Belastend findet Figueiredo, wenn eine Person mehrere Schicksalsschläge erleidet. Es stimmt sie zudem traurig, wenn sich die Klienten nicht über Dinge freuen können, die jemand anderes als sehr positiv erleben würde. Als Beispiel nennt sie die Aussage einer Mutter: «Oh nein, meine Tochter ist schon wieder an ein Geburtstagsfest eingeladen.» Für einen alleinverdienenden Vater war die Nachricht, dass auch das dritte Kind in die Kantonsschule gehen darf, eine zusätzliche Belastung. Dabei wäre Bildung ein wichtiger Bestandteil von Armutsbekämpfung.

Wenn Miete und Krankenkasse bezahlt sind, bleibt für eine Einzelperson ein Grundbedarf von 986 Franken. Für zwei Personen liegt er bei 1509 Franken. Vier Personen leben monatlich von 2110 Franken. Davon müssen Nahrung, Kleidung, Haushalts- und Verkehrskosten sowie Freizeit bezahlt werden. Die Unterstützungsrichtlinien sind gemeindeabhängig. Figueiredo würde gesamtschweizerisch kohärente Massnahmen begrüssen. Selten gibt der KRSD Migros-Gutscheine ab. «Wir sehen das als bessere Intervention als Bargeld. Das geschieht aber nur in äussersten Notfällen. In der Sozialberatung streben wir immer nachhaltige Lösungen an.» Zudem gebe es Organisationen wie Tischlein deck dich oder Carton du Coeur, die Lebensmittel an armutsbetroffene Personen abgeben.

Die Dunkelziffer ist hoch, denn Armut wird stigmatisiert

«Armut ist und bleibt ein Tabuthema», sagt Figueiredo. Wer arm ist, verstecke es so lange, wie es irgendwie gehe. Die Dunkelziffer sei hoch. Viele Menschen nehmen keine Sozialhilfe in Anspruch, obwohl sie aufgrund ihrer Steuerdaten Anspruch darauf hätten. Das ergab eine Studie des BFH-Zentrum für Soziale Sicherheit aus dem Jahr 2016 am Beispiel des Kantons Bern.

In der Region Brugg suchen Personen aus den umliegenden kleineren Gemeinden später Hilfe auf oder machen ihren Anspruch eher nicht geltend. In ländlichen Gebieten sei es schwieriger, anonym zu bleiben, sagt Figueiredo. «Das sozialpolitische Klima ist rauer geworden», findet die Standortleiterin. «Durch die steigenden Armutszahlen wurde auch der öffentliche Diskurs um den Bezug von Sozialhilfe verschärft, was zu mehr Angst vor sozialer Ächtung führt.» Der Verteilkampf finde immer häufiger auf Kosten der Armen statt.

Figueiredo rät, nicht zu warten, bis sich die eigene Situation zugespitzt hat, sondern frühzeitig Informationen und Beratungen in Anspruch zu nehmen. Weitere Beratung- und Unterstützungsangebote gibt es auf kantonaler und regionaler Ebene. Beim KRSD Region Brugg-Windisch sowie bei den Sozialdiensten der Gemeinde kann man sich über die spezifischen Angebote informieren.

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