Brugg-Windisch

Architekt Walter Tschudin: «Wir haben nichts zu verlieren, wir können nur gewinnen»

Architekt Walter Tschudin an seinem Arbeitsplatz beim Brugger Bahnhof: Ein Chef-Büro sucht man hier vergebens.

Walter Tschudin

Architekt Walter Tschudin an seinem Arbeitsplatz beim Brugger Bahnhof: Ein Chef-Büro sucht man hier vergebens.

Der Windischer Architekt mit Büro in Brugg spricht über die Vision Mitte, Nachfolgeregelungen und andere Glücksfälle. Dass seine Familie nach all den intensiven Engagements noch zusammen ist, ist für Walter Tschudin keine Selbstverständlichkeit.

Wer sich mit Walter Tschudin unterhält, hört vermutlich früher oder später Sätze wie «Da bin ich zuversichtlich» oder «Das ist ein Glücksfall». So viel Optimismus und Zufriedenheit wie dieser 60-jährige Architekt aus Unterwindisch verbreiten nicht alle Menschen. Bei Tschudin spielt es in diesem Zusammenhang keine Rolle, ob es um die Vitrine mit den Modell-Eisenbahnen in seinem Büro an der Industriestrasse 21 geht, um das Hotel-Projekt Centurion Tower oder um den neuen Vorstand bei der Gesellschaft Pro Vindonissa (GPV).

Im Architekturbüro, das Tschudin zusammen mit seinem Geschäftspartner Hansruedi Urech  führt, gibt es keine Chef-Büros. «Bei uns sind alle Arbeitsplätze gleich. Wer sich etwas abgrenzen möchte, kann einen Vorhang ziehen», sagt Tschudin, der für Offenheit und Transparenz einsteht. Als Gesamtprojektleiter der Stiftung Vision Mitte, die sich um die nachhaltige Entwicklung des Zentrumsgebiets rund um den neuen Campus der Fachhochschule Nordwestschweiz kümmerte, war Tschudin von 2002 bis Ende 2011 auch für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

Das Tüpfelchen auf dem i

Was als Arbeitsgruppe «Entwicklung Bahnhofzentrum Brugg-Windisch» begann, wandelte sich auf Initiative des Zürcher Architekten Daniel Kündig nach wenigen Sitzungen zu einem breit abgestützten «offenen Prozess» zur Entwicklung einer Vision. Rückblickend sagt Tschudin: «Wir waren uns der Dimension dieses Vorhabens nicht bewusst. Ohne die Stiftung Vision Mitte wäre die Fachhochschule heute wohl nicht hier.» Der Vorteil war, dass er dieses Projekt neutral und unabhängig von aussen führen konnte. Engagiert hat sich Tschudin, weil er auch das Vertrauen des Kantons hatte.

Dass die Stiftung Vision Mitte nach der Buchpublikation im Jahr 2014 offiziell aufgelöst wurde, bedauert er. Brugg wäre zwar noch an Bord geblieben, aber Windisch mochte nicht mehr. «Dabei könnte man zusammen viel mehr erreichen», hält Tschudin fest. Brugg-Windisch hätte aus seiner Sicht das Potenzial, sich mittelfristig als gleichwertiger Partner zwischen Baden, Lenzburg und Aarau zu positionieren.

Als Gesamtprojektleiter habe er sich mit Leib und Seele für die Planung der Vision Mitte und des Campus-Neubaus eingesetzt. «Wenn ich jetzt über das Campus-Areal schreite, erfüllt mich das Resultat schon mit Freude», sagt Tschudin bescheiden. Dass er nun beim benachbarten Hotel-Projekt noch in der Baukommission und bei der Käuferbetreuung mitwirken darf, bezeichnet er als Tüpfelchen auf dem i. «Von den insgesamt 32 Eigentumswohnungen im Tower sind bereits 29 verkauft», fährt Tschudin fort. Drei 2½-Zimmer-Wohnungen mit Blick Richtung Königsfelden, die genau übereinander liegen, sind noch zu haben. Die Mietwohnungen auf acht Geschossen zwischen Hotel und Eigentumswohnungen werden später ausgeschrieben. «Ich bin zuversichtlich, dass der Terminplan aufgeht und die Wohnungen Mitte 2020 bezugsbereit sein werden», sagt der Windischer.

Nachfolgeregelungen aufgegleist

Ursprünglich absolvierte Tschudin eine Lehre als Hochbauzeichner. Gleich danach studierte er Architektur an der HTL und später an der ETH. Das gemeinsame Architekturbüro Tschudin+Urech wurde 1985 gegründet. Was im Unterdorf Windisch klein anfing, wuchs zeitweise auf ein Team mit über 20 Mitarbeitern an. Die heutigen Büroräumlichkeiten am Bahnhof Brugg neben der Personenunterführung Mitte befinden sich im Perimeter der damaligen Vision Mitte. Ein Glücksfall sei es gewesen, dass er hier im Korridor an der Wand – auf der Höhe seines Schreibtisches – eine Vitrine installieren konnte, in der seine Modell-Eisenbahnen richtig schön zur Geltung kommen. Jahrelang fristeten diese Bahnschätze nämlich zu Hause ein trauriges Dasein in einem alten Koffer. «Es gibt sogar Bauherren, die mir ein Teil des Honorars mit einer Modell-Lokomotive bezahlt haben», verrät der 60-Jährige. Da die Geschäftspartner derzeit auf der Suche nach einer guten Nachfolgeregelung sind, haben sie das Team wieder verkleinert. Aktuell besteht es noch aus 14 Personen. Und auch da ist Tschudin zuversichtlich, dass sich bald eine nachhaltige Lösung abzeichnen wird.

Bereits einen Nachfolger gefunden hat er als GPV-Präsident. An der Jahresversammlung vor wenigen Wochen in Brugg ist Tschudin nach 27 Jahren Vorstandsarbeit, davon 15 Jahre als Präsident, zurückgetreten. Künftig wird die GPV vom Co-Präsidium bestehend aus Dave Roth aus Windisch und der bisherigen Vizepräsidentin Sabine Deschler aus Basel geleitet. Deschler stellt die Verbindung zur Hochschule und Wissenschaft sicher, insbesondere zur Vindonissa Professur an der Uni Basel. «Ein Glücksfall», sagt Tschudin, der sich auch freut, dass Pfarrer Christian Vogt aus Veltheim das Amt des Kassiers übernommen hat. Ebenfalls neu gewählt wurden Hannes Flück aus Chur (Mitgliederwesen) und Jared Hevi aus St. Gallen (Archiv). Zur GPV kam Tschudin Anfang der 1990er-Jahre, weil ein Nachfolger für die Verwaltung des Amphitheaters gesucht wurde. Nun ist er froh, dass der Legionärspfad, der aus einer Studentenarbeit entwickelt wurde, so viel Schwung bekommen hat und Museum Aargau neu das Vindonissa-Museum in Brugg betreibt. «Ein Glücksfall.» Erst vor wenigen Jahren hat er – eher zufällig – erfahren, dass ein Drittel vom Schloss Altenburg, in dem die Jugendherberge beheimatet ist, auch der GPV gehört.

«Persönliche Ebene ist wichtig»

Beim jüngsten Projekt geht es um die künftige Nutzung des Effingerhof-Stammhauses
in der Brugger Altstadt. Amos und Verena Kornfeld von der Cadima Real Estate AG mit Sitz in Villnachern kauften diese grosse Liegenschaft. Zusammen mit Projektleiter Walter Tschudin haben die neuen Besitzer ein Partizipationsverfahren in Gang gesetzt, bei dem jedermann Ideen einbringen kann. Tschudin und Kornfelds kennen sich von früheren Projekten in Birr, Turgi, Ennetbaden und Wettingen. Doch ein so offenes Partizipationsverfahren für eine private Liegenschaft gab es noch nie. «Es gibt viele Ideen. Man muss nur die Chance packen und miteinander reden», so Tschudin, der sich dafür einsetzte, dass sich die Stadt an diesem Prozess ebenfalls beteiligt. «Wir haben nichts zu verlieren, wir können nur gewinnen.»

Da ist er wieder: dieser fast grenzenlose Optimismus. Obwohl Tschudin oft in jahrelangen
Prozessen mitwirkt, bei denen nicht gleich erkennbar ist, in welche Richtung sich ein Projekt entwickelt und Rückschläge schon fast vorprogrammiert sind.

Welches Rezept steckt dahinter? «Anstand und Respekt», antwortet er. «Oft begegnet man sich im Leben zweimal. Der erste Kontakt sowie persönliche Netzwerke sind wichtig.» Gute Chancen auf Erfolg bestünden, wenn die richtigen Leute zusammenfänden und die Chemie stimme. Das Ziel sei es, eine gute Lösung für die Mehrheit zu finden. Dazu müssten unterschiedliche Meinungen zugelassen werden.

Tschudin bedauert, dass sich im Bauumfeld nicht alles zum Guten verändert hat. Als Stichworte nennt er Zeit- und Kostendruck und den Umstand, dass man sich nicht auf alle verlassen kann. «Die persönliche Ebene ist mir enorm wichtig», betont Tschudin. Er habe im Leben gelernt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und sich nicht mehr alle Unanständigkeiten gefallen zu lassen. Fachliche Probleme könne man immer lösen, aber zwischenmenschliche seien oft schwieriger. Tschudin ist sehr dankbar, dass seine Familie nach all den intensiven Engagements noch zusammen ist. «Das ist nicht selbstverständlich, denn meine Frau und die beiden mittlerweile erwachsene Söhne kamen wirklich manchmal zu kurz», stellt er abschliessend fest.

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