Bezirksgericht

Anwalt als «Zyklopen» beschimpft: «Das Gericht muss sich mit solch einem Chabis befassen»

Der Angeklagte stritt vor dem Bezirksgericht Brugg weder die üble Nachrede noch die Beschimpfung ab.

Der Angeklagte stritt vor dem Bezirksgericht Brugg weder die üble Nachrede noch die Beschimpfung ab.

Ein 42-Jähriger musste sich vor dem Bezirksgericht Brugg wegen übler Nachrede und Beschimpfung eines Anwalts verantworten. Für den Beklagten ein Systemfehler.

Der 42-jährige Lars wurde beschuldigt, seine Ex-Partnerin Sonja (beide Namen geändert) sowie deren Anwalt beschimpft zu haben. Der Anwalt bezichtigte Lars zudem der üblen Nachrede. So fand vor dem Bezirksgericht Brugg die Verhandlung wegen übler Nachrede sowie mehrfacher Beschimpfung statt.

Sonja hatte ihren Strafantrag allerdings vor der Verhandlung zurückgezogen und somit wurde das Verfahren betreffend Beschimpfung von Sonja eingestellt. Sonjas Anwalt liess sich dispensieren und wurde durch eine Kanzleikollegin vertreten. Unternehmer Lars vertrat sich selbst und erschien ohne Anwalt zur Verhandlung.

Für die Erkundigungen von Gerichtspräsidentin Chantale Imobersteg nach seiner Person hatte Lars äusserst wenig Verständnis. Er hinterfragte die «kuriosen» Fragen mehrfach und störte sich daran, dass ihm ähnliche bereits von der Polizei und der Staatsanwaltschaft gestellt wurden. Er antwortete erst nach mehrmaliger und unmissverständlicher Erklärung der Gerichtspräsidentin, dass sie entscheide, welche Fragen sie stelle und er diese nicht anzweifeln müsse. Der Beklagte müsse sowohl zu seiner Person als auch zur Sache befragt werden, erläuterte Imobersteg weiter.

SMS und E-Mail geschrieben

Lars warf dem Anwalt seiner Ex-Partnerin vor, seine anwaltliche Tätigkeit nur im eigenen finanziellen Interesse vorzunehmen. So gab es eine Eheschutzklage, die «nicht nötig gewesen wäre», so Lars. Er schrieb zwei SMS an seine getrennt lebende Ehefrau Sonja, ihr Anwalt würde sie «abzocken» und «ausnehmen wie eine Weihnachtsgans», was der Anwalt als üble Nachrede einstufte. In einer E-Mail bezeichnete Lars den Anwalt als «Zyklopen»: einen einäugigen Riesen, da er die Bankbelege von Sonja nicht beziehungsweise nicht korrekt überprüft habe. Ansonsten wäre klar gewesen, dass Lars immer gezahlt und sich nichts zuschulden habe kommen lassen.

Des Weiteren schrieb Lars an Sonjas Anwalt, «Ihre Männlichkeit und Ehre hört definitiv bei der Fakturierung auf . . .» und verwies damit auf die hohen Anwaltskosten. Diese mehrfache Beschimpfung wurde in der Anklageschrift aufgeführt.

Lars stritt weder die üble Nachrede noch die Beschimpfung ab, hielt jedoch fest, dass er es unmöglich finde, dass bereits ab solch kleinen Beschimpfungen ein Verfahren losgetreten werden könne. «Das Gericht muss sich mit solch einem Chabis befassen», so Lars. Er drohte, das Urteil über jegliche Instanzen weiterziehen. Er wolle auf diesen «Unsinn» aufmerksam machen.

Die Vertreterin des Rechtsanwalts hielt in ihrem Plädoyer fest, dass die «unnötige Eheschutzklage» durchaus Berechtigung hatte, da die geführten Gespräche mit den Parteien nicht fruchteten. Sie forderte eine Genugtuung von 300 Franken. Nach dem Plädoyer des Beschuldigten, in dem er nochmals seinen Standpunkt klar machte und eine Genugtuung in der gleichen Höhe forderte, wurde das Urteil hinter verschlossenen Türen gefällt.

20 Tagessätze an je 150 Franken

Die Gerichtspräsidentin verkündete das Urteil: Lars wurde der üblen Nachrede und Beschimpfung des Anwalts von Sonja schuldig gesprochen. Er wurde zu 20 Tagessätze an je 150 Franken, total zu 3000 Franken, bedingt mit zwei Jahren Probezeit, verurteilt. Die Zivilforderung des Privatklägers von 300 Franken wurde abgewiesen. Für eine Genugtuung sei eine schwere Persönlichkeitsverletzung notwendig, die im Falle aber nicht vorliege.
Ob Lars seine Drohung wirklich wahr macht und das Urteil weiterzieht, ist noch unklar.

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