Brugg

Andrea Metzler hat sich mit Abwahl arrangiert: «Mir war klar, dass es ein Leben nach dem Stadtrat gibt»

Vizeammann Andrea Metzler (SP) spricht über Erfolge, schwierige Projekte und gewichtige Personalwechsel.

Mit ihrem modernen E-Bike fährt Andrea Metzler bestens gelaunt über die Pflastersteine und stellt es neben der Treppe zum Stadthaus ab. Am grossen Tisch im Sitzungszimmer blickt die SP-Politikerin zurück auf acht Jahre im Brugger Stadtrat – davon die letzten vier als Vizeammann. Bei den Gesamterneuerungswahlen, an denen neben vier bisherigen Stadträten auch drei Stadtammann-Kandidaten als Neulinge im Rennen waren, erreichte Metzler mit 1967 Stimmen das absolute Mehr von 1439 Stimmen deutlich.

Weil sie aber auf dem sechsten Platz landete, war sie für das fünfköpfige Gremium überzählig und somit nicht gewählt. Natürlich sei sie enttäuscht gewesen, sagt die scheidende Frau Vizeammann. Sie arrangierte sich aber schnell mit der neuen Situation und teilte bereits nach zwei Tagen mit, dass sie bei einer Ersatzwahl nicht für mehr den Stadtrat kandidieren würde. Nach acht Jahren in der Exekutive fehle ihr die Motivation für einen weiteren Wahlgang, lautet ihre Begründung.

Kaum hatte sie dies kommuniziert, fühlte sich die 54-jährige Rechtsanwältin mit Spezialgebiet Familienrecht befreit, obwohl sie das Exekutivamt vor allem interessant und herausfordernd, aber halt auch belastend fand. «Mir war immer klar, dass es ein Leben nach dem Stadtrat gibt», betont Metzler. Noch bis Ende Jahr steht sie dem Ressort Planung und Bau vor. In ihrer ersten Amtsperiode kümmerte sie sich um das Ressort Bildung, Jugend und Familie sowie Sport und Vereine. Von 1996 bis 2005 war sie Mitglied des Einwohnerrats.

«Der Stadtrat hat keine Ziele»

Als sie 2005 die Nomination von Christoph Brun (Grüne) als Stadtammann-Herausforderer gegen den bisherigen Rolf Alder (FDP) unterstützte, hielt Andrea Metzler gegenüber dieser Zeitung fest: «Der Mut zur Innovation und auch zu einem gewissen Risiko fehlen. Von aussen erhält man den Eindruck, dass der Stadtrat keine Ziele hat.» Wie sieht sie das heute? «Ich finde, dass sich in der Zwischenzeit einiges geändert hat. Früher, als ich noch im Einwohnerrat sass, war es oft die Legislative, die den Stadtrat mit Vorstössen angeschoben hat, um Projekte in Angriff zu nehmen», lautet Metzlers Fazit. Sie nennt die familienergänzende Kinderbetreuung, die Schulsozialarbeit oder den Campussaal. Dann habe sich der Spiess gekehrt. Der Stadtrat habe in den letzten acht Jahren zahlreiche Projekte von sich aus dem Einwohnerrat vorgelegt, manchmal brauchte es bis zur Zustimmung zwei Anläufe.

Dass die familienergänzende Kinderbetreuung flächendeckend ausgebaut wurde, freut Metzler. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist der Mutter von zwei erwachsenen Kindern wichtig, auch weil sie die Stadt als Wohnort attraktiver macht. Über das Budget wurden die subventionierten Kita-Plätze erhöht. Nach dem Ressort-Wechsel war für Metzler ein Highlight, dass die Stadt selbst beschloss, nur noch erneuerbare Energie zu beziehen und verschiedene Solaranlagen auf öffentlichen Bauten realisiert werden konnten. Ihre Berufserfahrung von früher, als sie als Baujuristin beim Kanton gearbeitet hatte, kam ihr hier zugute.

Kritik der Bürgerlichen stört sie

Ein grosses Projekt, das im Gegensatz zum Kindergarten-Neubau Bilander noch nicht abgeschlossen ist, stellt die Sanierung und Erweiterung vom Schulhaus Stapfer dar. «Um das denkmalgeschützte Schulhaus zu erweitern, haben wir einen anonymen Wettbewerb durchgeführt. Ich habe mich gefreut, dass ein Brugger Architekturbüro gewonnen hat», erzählt Metzler.

Nicht mehr bis zum Abschluss begleiten kann sie die Revision der Bau- und Nutzungsordnung (BNO), denn diese dauert noch zirka zwei Jahre. Sie betont aber: «Ich wünsche diesem Projekt viel Glück. Denn es stört mich, dass ich vor allem von bürgerlichen Kreisen höre, die neue BNO führe zu einer Art Planwirtschaft. Das Gegenteil ist der Fall. Wer investieren und bauen will, weiss dann, dass viel mehr möglich ist als heute. Das sollte auch die Bürgerlichen interessieren.»

Scharfe Kritik erntete Metzler von der FDP, als sie die Stadtplaner-Stelle aufstocken und integrieren wollte, was im Einwohnerrat erst im zweiten Anlauf gelang. Die neue Stelle kann nicht mehr in diesem Jahr besetzt werden.

In der Not Experten beigezogen

Frau Vizeammann hofft, dass die zahlreich aufgegleisten Projekte wie der Dauerbrenner «Zentrale Verwaltung» in der neuen Amtsperiode nicht abgewürgt werden, obwohl sich aus der Bevölkerung und von der Denkmalpflege Gegenwind bemerkbar macht. Da seien noch starke Nerven gefragt, betont Metzler. Im Idealfall liege der Gestaltungsplan für die Verwaltung «Alte Post» bis 2019 vor.

Dass es bei der Planung etlicher Projekte – von aussen betrachtet – nicht vorwärts geht, hat auch mit gewichtigen Personalwechseln und damit verbundenen Vakanzen bei der Leitung Planung und Bau zu tun. Hat die Sozialdemokratin die Angestellten in ihrem Ressort verheizt? Metzler schüttelt den Kopf und sagt: «Die Abgänge waren sehr bedauerlich. Lars-Heinz Scherrer nahm nach 20 Dienstjahren eine neue Herausforderung an und sein Nachfolger Armin Leupp tat das, was für ihn richtig war. Die Leitung von Planung und Bau ist eine Herkulesaufgabe. Der neue Leiter Stefan Hein ist sehr gut gestartet und wird der Stadt hoffentlich länger erhalten bleiben.»

Aus ihrer Sicht ist die Abteilung personalmässig noch immer unterdotiert, die Schaffung einer weiteren 100-Prozent-Stelle wäre angebracht, räumt Metzler ein. Das lasse sich politisch jedoch kaum umsetzen, obwohl viele Projekte anstehen und die Erwartungen so hoch seien. Durch die Personalengpässe gab es auch einen Stopp bei der Masterplanung «Aufwertung Bahnhof- und Neumarktplatz». Der Stadtrat musste in der Not Experten von aussen beiziehen, was für diese «grosse Kiste» nicht ideal gewesen sei.

Mehr Spielraum für gute Ideen

Metzler war in dieser Amtsperiode die einzige Frau im Stadtrat. Neu wird der Stadtrat von einer Grünen geführt. Was wird sich nach Metzlers Einschätzung mit Barbara Horlacher ändern? «Ich denke, substanziell wird sich nicht viel ändern, weil der Stadtrat in vielen Projekten eingebunden ist. Die Frage ist, wo er die Prioritäten setzt, um intensiv an weiteren Projekten arbeiten zu können.»

Noch einmal auf ihr oben erwähntes Zitat von 2005 angesprochen, bilanziert Andrea Metzler: «Es ist nicht so, dass der Stadtrat keine Ziele hat. Und unter der Führung von FDP-Stadtammann Daniel Moser ist die Stadt viel offener geworden. Das ist sein Verdienst. Es fand ein Kulturwandel statt. Das sieht man auch daran, wie der Einwohnerrat mit dem Stadtrat umgeht und umgekehrt. Früher war die Stimmung manchmal etwas giftiger. In der Budgetdebatte wurde um kleine Posten wie die Weihnachtsbeleuchtung gestritten. Das ist seit Jahren nicht mehr so.» Der Stadtrat habe zudem begonnen, etwas grosszügiger zu budgetieren, damit man für Unvorhergesehenes und gute Ideen mehr Spielraum hat.

Nach dem Ende ihrer Zeit im Stadtrat will sich Andrea Metzler politisch nicht mehr gross engagieren. Viel mehr freut sie sich darauf, wieder mehr Zeit für sich selbst, ihre Lieben und ihr Anwältinnenbüro in Baden zu haben. Ihre beiden Kinder, David und Nora Hunziker, sind für die SP im Einwohnerrat Brugg. Bei den Gesamterneuerungswahlen ging es Nora Hunziker wie ihrer Mutter. Im Gegensatz zu David schaffte sie die Wiederwahl nicht mehr.

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