Er war breit und tief: Der Graben, der sich gestern zwischen dem Verteidiger und dem Staatsanwalt vor dem Bezirksgericht Brugg auftat. Zwar gab es zwischen den beiden Herren im Anzug nur einen leeren Tisch und etwas temperierte Luft. Doch wenn es um Fakten und deren Interpretation ging, wurde der Abstand kilometerbreit.

Beschuldigt wurde ein 49-jähriger Aargauer, nennen wir ihn Alex (Name geändert), IV-Bezüger, unten blaue Jeans, oben hauptsächlich Muskeln. Er ist ehemaliger Betreiber eines Fitnesscenters.

Handel mit illegalen Substanzen

Die Vorwürfe: gewerbsmässige Widerhandlung gegen das Heilmittelgesetz, mehrfache Geldwäscherei, Widerhandlung gegen das Waffengesetz. Er soll mit illegalen muskel- und wachstumsfördernden Substanzen gehandelt haben.

Versuchte Brandstiftung und Handel mit Anabolika: Staatsanwaltschaft fordert sechs Jahre Gefängnis für Betreiber von Fitness-Studio

Versuchte Brandstiftung und Handel mit Anabolika: Staatsanwaltschaft fordert sechs Jahre Gefängnis für Betreiber von Fitness-Studio. (21.10.2013)

Während der Staatsanwalt von «stark gesundheitsgefährdenden Präparaten» sprach, mit denen der Angeklagte gewerbsmässig «gedealt» habe, ging es beim Verteidiger um «Heilmittel», die der Beschuldigte lediglich selbst eingenommen und «in wenigen Fällen unter Kollegen weitergegeben» habe.

Appetithemmer, Wachstumsförderer, Erektionsförderer

Die Rede war von Medikamenten, wie sie teilweise Bodybuilder einnehmen, die nicht lange auf sichtbaren Trainingserfolg warten wollen: Anabolika, Wachstumsförderer, Antagnoisten, Appetithemmer, Erektionsförderer.

Zahlreiche Stoffe hatten die Ermittler im Lauf der Untersuchung bei mehreren Verdächtigen festgestellt. Alex stand deswegen nicht zum ersten Mal vor Gericht: Eine erste Verhandlung musste Mitte Februar abgebrochen werden, weil einer der Hauptbelastungszeugen seine Aussagen zurückgezogen hatte.

Grosse Mengen Anabolika und Potenzmittel beschlagnahmt - Verfahren gegen zwei Männer

«Tele M1»-Bericht vom 23.12.2013: Grosse Mengen Anabolika und Potenzmittel beschlagnahmt – Verfahren gegen zwei Männer eröffnet.

Zeugen unter Druck gesetzt?

Am Dienstag nun waren zwei weitere Belastungszeugen geladen. Es handelte sich laut Staatsanwaltschaft um zwei ehemalige Stammkunden von Alex. Sie wollten jedoch keinen Beitrag zur Wahrheitsfindung leisten. Beide machten vom Aussageverweigerungsrecht Gebrauch.

Nach wenigen Minuten verliessen sie den Gerichtssaal wieder. Der Staatsanwalt wunderte sich nicht: «Es ist offensichtlich, dass sie Angst hatten. Sie wurden vom Beschuldigten vorgängig massiv unter Druck gesetzt», sagte er. Einer der zwei stummen Zeugen wollte sich zudem wohl selbst nicht belasten, da gegen ihn ebenfalls ein Verfahren in gleicher Sache läuft.

Daraufhin beriet sich das Gericht unter der Leitung von Präsidentin Franziska Roth kurz – und kam zum Schluss, das Verfahren dieses Mal weiterzuführen. Der Staatsanwalt stützte sich somit in seinem Plädoyer auf die Fakten, die ihm noch blieben: Aufzeichnungen aus sichergestellten Handys, Notizen und Unterlagen sowie ein Gutachten des rechtsmedizinischen Instituts Bern. Es zeige auf, dass von den Substanzen eine konkrete Gesundheitsgefährdung ausgehe. Seine Forderung: eine 4½-jährige Freiheitsstrafe.

«Chrampfe und spare»

Anschliessend plädierte der Verteidiger, knapp drei Stunden lang. Er versuchte mittels akribischer Aufzählung von Transaktionen aufzuzeigen, dass es sein Mandant eben nicht mit Geldwäscherei und illegalem Handel, sondern mit «chrampfe und spare» zu einem ansehnlichen Vermögen geschafft habe. Er sei zwar «mit seinen Vermögenswerten unkonventionell umgegangen», habe etwa Einnahmen vor dem Fiskus versteckt. Doch verdient habe er alles auf legale Weise.

Am Ende des Tages entschied das Gericht «einstimmig», wie Gerichtspräsidentin Roth betonte: einen dreifachen Freispruch. Verurteilt wurde Alex aber wegen Übertretung des Heilmittelgesetzes zu einer Busse von 25 000 Franken. Nach dem zweijährigen Verfahren hielt Roth fest: «Offensichtlich gab es mehrere Stolpersteine, und nicht alles ist so gelaufen, wie es in einem Rechtsstaat laufen müsste.»

Kennen Sie schon unsere Facebook-Seite? Liken Sie uns hier!