Stella Maris Orchestra
An diesem musikalischen Horizont in Windisch wetterleuchtet es gewaltig

Sinfonien in Moll, ein Cellokonzert in Dur – das macht das Publikum in der Reformierten Kirche neugierig. Zumal die Komponisten Joseph Haydn und Joseph Martin Kraus heissen –eine spannende Kombination.

Elisabeth Feller
Drucken
Teilen
Cristoforo Spagnuolo. Iseli/az-Arch

Cristoforo Spagnuolo. Iseli/az-Arch

Chris Iseli/ AZ

Dass es dem 2010 gegründeten, mit Profis und begabten jungen Streichern besetzten Stella Maris Orchestra aus Wettingen nicht um Gängiges geht, legt es mit jedem Konzert an den Tag. Das nimmt auch jenen den Wind aus den Segeln, die bei Haydn die Nase kraus ziehen: «Den kennen wir doch.» Eben nicht. Nicht wenn nach den Prinzipien historisierender Musizierweise – auf Darmsaiten und sparsam in der Verwendung von Vibrato – gespielt wird. Der Klang ist direkter, dunkler und aufgerauter, was fesselnde, dramatische Akzente erlaubt – bei Haydns finaler f-Moll-Sinfonie «La Passione» genauso wie bei Kraus’ Sinfonie c-Moll.

Kraus, 1792 mit 36 Jahren verstorben, ist ein eigenwilliger Komponist. Die Larghetto-Einleitung in seiner Sinfonie lässt keine Wohlfühloase vermuten, was der jähe Einbruch des Allegro erst recht bestätigt. Es wetterleuchtet da gewaltig an Kraus’ sinfonischem Horizont. Von den Streichern und den Bläsern ist klar ausgeleuchtete Rasanz gefordert; die vertrackten Figurationen betonen die stürmischen Gegensätze zwischen Tutti und Unisono-Passagen im ersten Satz.

Das Stella Maris Orchestra zeigt, dass es nach den vorgängigen Konzerten in Wettingen und Seon, noch tiefer in die Materie eingetaucht ist. Befeuert von Spagnuolo lässt es einen wahren Musikkrimi entstehen, der perfekt einstimmt auf Haydns erstes Violoncellokonzert C-Dur – das viel gespielte, aber gewiss nicht abgespielte, wenn es ein Musiker wie Jérôme Pernoo interpretiert.

Was für ein Wettstreit, in dem sich Solist und Orchester anstacheln! Schön, wie plastisch das Ensemble die Melodiebögen der Orchesterexposition gestaltet und die rhythmisch federnde Basis für den Solisten liefert. Pernoos Spiel ist wunderbar; sein Celloton ist warm und voll, wobei auch der Franzose das Vibrato sparsam verwendet. Nicht verwunderlich, erscheint Haydns bekanntes Werk so taufrisch, gleichsam aus dem Moment geboren. Fast erschrocken fragt sich das Publikum immer wieder: Wo wird einem Cellisten derart viel zugemutet an Präzision und Fingerfertigkeit wie hier? Und: Wer entfaltet schon eine solche Souplesse wie Jérôme Pernoo? Glücklich jene, die dabei waren.

Aktuelle Nachrichten