Bözberg
Ammann Peter Plüss tritt ab: «Wir hätten ein Jahr später fusionieren sollen»

Der scheidende Gemeindeammann Peter Plüss sagt im grossen Interview, welche Auswirkungen der Adressen-Knatsch in Bözberg hatte, wo die Gemeinde neu Mitglied werden will und warum er sich eine neue Trompete gekauft hat.

Claudia Meier
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Die Fläche und Bevölkerung der Gemeinde hat sich während der Amtszeit von Ammann Peter Plüss mehr als verdoppelt.

Die Fläche und Bevölkerung der Gemeinde hat sich während der Amtszeit von Ammann Peter Plüss mehr als verdoppelt.

Alex Spichale

So kurz vor Weihnachten hat Gemeindeammann Peter Plüss auf dem Bözberg und in der Region noch einen Termin nach dem anderen wahrzunehmen. Nach dem Fotoshooting vor dem Gemeindehaus im Ortsteil Oberbözberg bittet der bald 56-Jährige ins Sitzungszimmer und steht der Aargauer Zeitung ruhig und reflektiert Red und Antwort. Während seiner Amtszeit war Plüss in zwei Kommunen Ammann – in Unterbözberg und ab 2013 in der Fusionsgemeinde Bözberg vor.

Herr Plüss, Sie sind in der Stadt Brugg aufgewachsen, warum wurden Sie auf dem Land Gemeinderat?

Peter Plüss: Ich lebte damals mit meiner Familie in Riniken und wurde dort ein erstes Mal angefragt, ob ich Gemeinderat werden möchte. Da der Umzug nach Unterbözberg anstand, musste ich absagen. In der neuen Gemeinde kam ich nach wenigen Jahren als Direkteinsteiger in die Exekutive.

Ohne vorgängige Erfahrung in einer Kommission oder in der Schulpflege?

Ja. Da ich jedoch im Tiefbau arbeite, brachte ich viele Vorkenntnisse mit, die für mein Ressort nützlich waren.

Zur Person

Peter Plüss (56) ist in Brugg aufgewachsen und lebt heute im Bözberger Hafen-Quartier nicht weit von der Stadtgrenze entfernt. Als Parteiloser engagierte er sich während 20 Jahren im Gemeinderat. Die ersten vier Jahre als Gemeinderat von Unterbözberg, dann während sechs Jahren als Vizeammann und fünf Jahre als Gemeindeammann.

Seit der Fusion von Gallenkirch, Linn, Oberbözberg und Unterbözberg am 1. Januar 2013 steht er der 1550 Hektaren grosse Gemeinde Bözberg mit 1600 Einwohnern als Ammann vor. Plüss ist verheiratet und Vater von drei erwachsenen Söhnen. Während seiner Amtszeit hat er immer 100 Prozent als Bauführer gearbeitet. Neue Frau Gemeindeammann von Bözberg ist ab 2018 Staatsanwältin Therese Brändli aus dem Ortsteil Linn. (cm)

Warum geben Sie Ihr Amt nun Ende Jahr ab?

Ich finde, nach 20 Jahren ist es Zeit, das Amt weiterzugeben.

Ohne Verständnis von Arbeitgeberseite hätten Sie das Milizamt nicht so lange ausüben können. Die Arbeitsbelastung ist enorm.

Ich hatte Glück und habe mich entsprechend organisiert. Die Arbeit wurde mir ja nicht abgenommen. Das heisst, ich war immer morgens um 6 Uhr im Büro, egal ob ich am Vorabend eine lange Sitzung hatte. Ab 16 Uhr konnte ich mich der Politik widmen.

Worauf sind Sie besonders stolz?

(Lacht) Ich legte stets grossen Wert darauf, die Gemeinde zusammen mit dem Gremium weiterzubringen. Wir waren immer ein gutes Team. Sicher gehörte die Fusion zu den Höhepunkten, aber auch an der gelungenen Bachöffnung im Ursprung hatte ich viel Freude.

Welches Projekt würden Sie gerne noch weiter begleiten?

Bei der Zusammenführung der vier Bau- und Nutzungsordnungen (BNO) zu einer neuen wäre ich gerne noch dabei. Bis zum Abschluss dauert es aber sicher fünf bis sechs Jahre, das ist zu lange für mich.

Die Fusion der vier Gemeinden haben Sie von Anfang miterlebt. Wenn Sie jetzt zurückblicken, wie kam es zum Adressen-Knatsch?

Zum Zeitpunkt, als die Adressen-Problematik aufflammte, war der Fusionsprozess bereits so weit fortgeschritten, dass man nicht mehr umkehren konnte. Das wollten die Gegner nicht wahrhaben.

Interessant war, dass der Widerstand vor allem aus Linn mit zirka 135 Einwohnern kam, jedoch kaum aus der ebenso kleinen Gemeinde Gallenkirch.

Es gab Gruppierungen, die mit ihren Argumenten Leute hinter sich scharen konnten, und so alles ins Rollen brachten.

Bei den Fusionen von Schinznach-Dorf und Oberflachs sowie bei Lupfig und Scherz ändern die Adressen nicht. War es trotzdem richtig, in Bözberg alle Adressen anzupassen?

Ja, es war richtig, auch aus rein administrativen Gründen. Zudem war für viele Einwohner klar, dass wir doch schon längstens Bözberger sind. Der Berg, die Tunnels, der Pass und der Turnverein heissen Bözberg. Die Grundidee war deshalb, dass auch die neue Gemeinde so heisst.

«Anschuldigungen von aussen haben den Gemeinderat als Gremium stärker zusammengekittet.»

Und die Leute aus den Dorfteilen Linn und Gallenkirch konnten den alten Gemeindenamen als Strassenbezeichnung behalten, was zu weiteren Diskussionen führte.

Die Hauptschwierigkeit war das Tempo bei der Umsetzung. Das würde ich heute anders machen. Wir hätten die vier Gemeinden ein Jahr später zusammenlegen sollen. Denn wir hatten wenig Zeit, die Einsprecher richtig anzuhören und angemessen zu reagieren. Es ging nicht nur um die Adressen, sondern auch um die Gebäudeversicherung, die Einträge im Grundbuchamt und die Parzellierungen. Überall mussten die Fristen eingehalten werden.

Während dem jahrelangen Adressen-Knatsch war das Klima auf dem Bözberg ziemlich vergiftet. Wie ist es heute? Sind die Gegner der neuen Adressen integriert?

Wer sich integrieren wollte, dem ist das gelungen. Wir sehen das jeweils an der 1.-August-Feier, an welcher die Bewohner aus allen vier Dorfteilen rege teilnehmen. Es ist zu hoffen, dass in naher Zukunft auch die Adressgegner an solchen Anlässen teilnehmen.

Der Gemeinderat setzte sich offiziell zum Ziel, für einen guten Zusammenhalt in der neuen Gemeinde zu sorgen. Ist das gelungen?

Wir haben es auf jeden Fall versucht. Der Neujahrsapéro und die 1.-August-Feier finden bewusst jedes Jahr in einem anderen Ortsteil statt, um das Zusammengehörigkeitsgefühl zu fördern.

Der Bözberg sorgte abgesehen von den Adressen regelmässig für negative Schlagzeilen. Die Stichworte sind: Softair-Pistole an der Schule, Schulbus-Debatte und eine Wahlbeschwerde vor der Wahl. Warum brechen da immer wieder alte Wunden auf?

Es gibt Leute die, sobald etwas passiert, versuchen, eine grosse Geschichte daraus zu machen. Das gehört leider zum heutigen Zeitgeist.

Und das hat den Gemeinderat zum Teil verunsichert, sodass er bei juristischen Fragen lieber einmal mehr als nötig bei der Gemeindeabteilung in Aarau nachgefragt hat?

Ja, das war so.

Vier Stationen aus der politischen Karriere von Peter Plüss Hans Wälti (links) wird im Januar 2008 in Unterbözberg von seinem Nachfolger Peter Plüss verabschiedet.
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Regierungsrat Urs Hofmann und Ammann Peter Plüss stossen am 1. Januar 2013 auf die Fusion an.
Bözberg feiert den 1. August 2014 bei der Linner Linde. Peter Plüss dankt dem Festredner und AZ-Sportredaktor Ruedi Kuhn.
Die Stadt Brugg gibt den Bözbergern im Frühjahr 2016 die alte Feuerwehr-Spritze zurück. Peter Plüss (l.) mit Ehrengast Daniel Moser, Stadtammann Brugg.

Vier Stationen aus der politischen Karriere von Peter Plüss Hans Wälti (links) wird im Januar 2008 in Unterbözberg von seinem Nachfolger Peter Plüss verabschiedet.

JST/AZ-Archiv

Welches waren die schlimmsten Reaktionen, die Sie als Ammann einstecken mussten?

Mühe hatte ich mit Flugblättern, die in die Haushaltungen verteilt wurden und gegen mich als Person gerichtet waren, sowie mit anonymen Kommentaren auf der Medienplattform der AZ. Im Gemeinderatskollegium konnten wir uns gegenseitig immer wieder aufmuntern. Anschuldigungen von aussen haben uns als Gremium stärker zusammengekittet.

Wie beurteilen Sie die regionale Zusammenarbeit?

Die ist sehr gut. Vor allem die Vertreter der sechs Geissberg-Bözberg-Gemeinden haben sich regelmässig ausgetauscht und versucht, Projekte aufzugleisen. Beispielsweise die Integration der Spitex in die regionale Spitex AG oder die Überarbeitung der Tagesstruktur-Reglemente. Eine gute Zusammenarbeit ist personenabhängig. Wir sechs Gemeindeammänner verstehen uns gut. Dank regelmässigen Sitzungen gelang auch die Vernetzung über den Planungsverband Brugg Regio.

Wird die Gemeinde Bözberg flächenmässig weiter wachsen?

Wir haben mit 1600 Einwohnern eine akzeptable Grösse, eine weitere Fusion macht für uns in nächster Zukunft keinen Sinn.

Wo sehen Sie Handlungsbedarf in der Milizpolitik? Braucht es die Schulpflege noch? Das oft schwierige Rekrutieren von Behördenmitgliedern war bei Ihnen unter anderem ein Grund für die Fusion.

Die Schulpflege könnte ein überflüssiges Gremium werden, da der Schulleiter und der Ressortvorsteher über die nötigen Kompetenzen verfügen.

Peter Plüss «Es ist Zeit für neue Kräfte und neue Ideen.»

Peter Plüss «Es ist Zeit für neue Kräfte und neue Ideen.»

Alex Spichale

Die Aufgaben für die Kommunen sind grösser und komplexer geworden. Wie veränderte sich Ihr Lohn vom Gemeindeammann von Unterbözberg zum Ammann von Bözberg?

Von zirka 12'000 auf 26'000 Franken pro Jahr. Die Arbeit ist allerdings auch intensiver geworden, da sich die Gemeinde Bözberg nach dem Geschäftsleitungsmodell orientiert. Ich hatte dieses Jahr neben den Gemeinderatsitzungen zusätzlich über 40 Geschäftsleitungssitzungen. Die höhere Entschädigung finde ich gerechtfertigt.

Die Gemeinde ist seit der Fusion professioneller aufgestellt, weil man alles hinterfragt und neu geregelt hat.

Ja, das ist so. Wir haben alle Reglemente neu geschrieben, ein neues Wappen, neue Fahnen, ein neues Logo, eine neue Website und eine App erhalten sowie die Räumlichkeiten der Gemeindeverwaltung und des Schulhauses umgebaut.

Wie wird sich die Gemeinde in den nächsten 10 Jahren entwickeln?

Mit dem Bau von neuen Mehrfamilienhäusern wird sie moderat weiterwachsen und zirka 100 Einwohner mehr haben als heute. Finanziell stehen wir gut da. Wir haben nächstes Jahr einen Steuerfuss von 96% und profitieren dank der grossen Gemeindefläche vom neuen Finanzausgleich, indem wir zirka 550 000 Franken aus dem Topf bekommen.

Und in 30 Jahren haben wir ein Tiefenlager für Atommüll unter dem Bözberg?

Das ist noch völlig offen. Das Sachplanverfahren dauert noch einige Jahre. Wir stehen vor dem Abschluss der Etappe 2.

Sie waren auch Co-Präsident der Regionalkonferenz Jura Ost. Dieser Name dieser Partizipationsplattform ist Ihnen zu verdanken. Warum haben Sie sich für die Umbenennung von Plattform Bözberg zu Jura Ost eingesetzt?

Ich wollte nicht, dass unser neuer Gemeindename mit einem Tiefenlager in Verbindung gebracht und bei Demonstrationen in die ganze Welt hinausgetragen wird. Dass dies möglich ist, zeigt der Fall Gorleben in Deutschland.

Sie haben die Regionalkonferenz mit dem Gemeindeammann von Riniken, Ueli Müller, geleitet. Mit der neuen Amtsperiode werden viele Mitglieder ausgewechselt. Ist diese Plattform nicht eine Alibi-Übung?

Die Zusammenarbeit im Co-Präsidium mit Ueli Müller war bereichernd. Wir haben uns während sechseinhalb Jahren gut ergänzt und die Arbeit optimal aufgeteilt. Dass jetzt viele Behördenmitglieder wechseln, lässt sich nicht vermeiden. Es ist Aufgabe des Bundesamts für Energie (BFE) dafür zu sorgen, dass der Wissenstransfer stattfindet. Ich glaube nicht, dass die Partizipationsplattform eine Alibi-Übung ist. Die Herausforderung wird aber bis zum Schluss sein, allen glaubwürdig zu vermitteln, dass die Sicherheit bei der Standortsuche wirklich erste Priorität hat.

Einige Kritiker sagen «Kein Atommüll im Jurapark». Von der Gemeinde Bözberg ist aber bisher nur der Ortsteil Linn im Jurapark. Wird irgendwann die ganze Gemeinde Bözberg dem Park beitreten?

Das ist ein Thema, das fast an jeder Gemeindeversammlung zur Sprache kam. Wir werden nun beantragen, mit den restlichen Ortsteilen ebenfalls dem Jurapark Aargau beizutreten. Da man den Park-Perimeter nicht einfach verändern kann, ist der Zeitpunkt für den Antrag jetzt ideal. Denn der Vertrag mit dem Bund läuft in wenigen Jahren aus und es geht darum, dass alle Parkgemeinden über die Weiterführung zu entscheiden haben. Wir pflegen eine gute Zusammenarbeit mit dem Jurapark Aargau, dessen Geschäftsstelle bei uns im ehemaligen Schulhaus in Linn eingemietet ist.

Werden Sie sich Ende Jahr ganz aus der Politik verabschieden?

Ja, es ist Zeit für neue Kräfte und neue Ideen. Und schliesslich habe ich noch meinen Beruf als Bauführer, für den ich mich in den nächsten Jahren voll und ganz einsetzen muss.

Und was werden Sie mit der freien Zeit machen?

Ich habe mir eine neue Trompete gekauft, auf der ich wieder öfters üben möchte. Auch habe ich vor, in der Stadtmusik Brugg regelmässiger die Proben zu besuchen. An freien Wochenenden habe ich vermehrt Zeit, mit meiner Frau ausgedehnte Wanderungen zu unternehmen.

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