Brugg/Hausen
Am längsten Tag haben Zeiträuber keine Chance

Die Ballettschule Graf Weissbarth in Brugg/Hausen führt mit 247 jungen Menschen «Momo» im Kurtheater Baden auf.

Elisabeth Feller
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Momo (Mitte) freut sich über den Besuch der niedlichen Leuchtkäfer. Emanuel Freudiger

Momo (Mitte) freut sich über den Besuch der niedlichen Leuchtkäfer. Emanuel Freudiger

«Höher mit dem Bein!», schallt es aus dem abgedunkelten Parkett des Kurtheaters. Auf der Bühne folgt eine zierliche, blutjunge Tänzerin, Momo, den Anweisungen – zusätzlich angespornt durch noch jüngere Kinder, die begeistert skandieren: «Höher! Höher!»

Was spielt sich da ab? Eine Probe für die neuste Produktion der Ballettschule Graf Weissbarth Brugg/Hausen mit 247 tanzfreudigen Menschen vom Kindergärtler bis zur 28-Jährigen.

Was ist das denn, fragt sich Momo (Mitte)
9 Bilder
Momo, links, mit ihren Freunden
So macht das richtig Freude
Momo erschickt, weil sie nicht einem Menschen, sondern einer Puppe begegnet
Hallo, wir sind die Eidechsen
Diese grauen Herren sind unheimlich
Auch das Gemüse darf mittanzen
Die Schildkröte Kassiopeia sucht Momo
Der Nabel wabert

Was ist das denn, fragt sich Momo (Mitte)

AZ

Die Altersspanne ist gross – kein Wunder, dass sich das Leitungsteam mit Katharina Graf, Sara Weissbarth und Patricia Hirschi die Stoffwahl genau überlegt, soll diese doch alle Mitwirkenden ansprechen.

Mit «Momo» greift das Trio auf Michael Endes Weltbestseller zurück: «Ein Buch, das in die heutige Zeit passt, die keine Zeit mehr hat oder zu haben glaubt», sagt Katharina Graf (siehe Box).

Die Erarbeitung einer Choreografie, der «Soundtrack» mit unterschiedlicher, einander aber harmonisch ergänzender Ballettmusik, Kostüme, Licht und so fort nimmt 12 Monate in Anspruch. Weil die renommierte Ballettschule grösste Sorgfalt auf Details legt, produziert sie keine Fliessbandarbeit.

Deswegen gastiert die Schule im Kurtheater Baden auch nur alle zwei Jahre mit einem Werk – jedes Mal sehr zur Freude des grössten Gastspielhauses im Aargau.

«Es ist ganz wichtig, dass die jungen Menschen, die uns so viel geben, auf einer richtigen Bühne tanzen können», betont Lara Albanesi, die Administrative Leiterin des Kurtheaters.

Mit «Momo» hat sich die Ballettschule ein anspruchsvolles Kinderbuch mit bedenkenswertem Inhalt vorgenommen. Die Handlung habe man verdichten müssen, sagt Katharina Graf «und natürlich darf das Ganze nicht allzu schwer daherkommen.»

Die Probe zeigt, wie sehr die Balance zwischen Unbeschwertheit und Beschwertheit glückt. Momo nimmt durch ihr liebenswertes Naturell gefangen, was ihre Freunde zu schätzen wissen.

Etwa die Leuchtkäfer, die aus der Tiefe der Bühne auftauchen und mit ihrem auffälligen Grün die Bühne zauberhaft illuminieren. Aber dann wird nicht nur Momo plötzlich flau im Magen.

Die Schildkröte warnte

Wer ist das? Dieser Mensch da im schlackernden, mausgrauen Anzug, dessen maskenhaft-graues Gesicht nichts Gutes verheisst? Da hilft nicht einmal das rote Tüchlein, das wie ein Fremdkörper aus dem Brusttäschchen ragt.

Spätestens in diesem Moment ist allen klar: Jetzt ist fertig lustig. Ein Raunen geht durch die Reihen. Hat nicht schon die kecke, aber langsame Schildkröte Kassiopeia vor den grauen Zeiträubern gewarnt?

«Mir darf keiner auch nur eine Sekunde stehlen. Nicht heute, am längsten Tag des Jahres», zuckt die Besucherin innerlich zusammen – und hängt ihren Gedanken nach.

Ihr kommt in den Sinn, was die Marschallin in Richard Strauss’ «Der Rosenkavalier» singt: «Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding».

Sonderbar ist der vertanzte «Momo» nicht, sondern bezaubernd – passend zum 21. Juni, wo die Zeit endlos erscheint.