Es ist morgens um halb zehn Uhr. Während andere 57-Jährige längst auf der Arbeit sind, nimmt sich Marcel Hartmeier Zeit für sein ehrenamtliches Engagement.

Auf dem Schützenmattparkplatz in Brugg steigt er in das bereitstehende weisse Auto. Das blaue Rollstuhlzeichen und die Aufschrift machen unmissverständlich klar, worum es hier geht: Marcel Hartmeier transportiert als einer von 46 Fahrern gehbehinderte Menschen mit dem Auto zu Terminen. Seit gut drei Wochen ist der Brugger nun sogar Präsident des Rollstuhlfahrdienst Region Brugg. Er macht einen unaufgeregten Eindruck. Grüne Windjacke und Jeans. Eine Brille. Graues, lichtes Haar. Sein zweiter Auftrag an diesem Morgen lautet: Frau Wüthrich in Wildegg abholen und sie nach Dietikon in ein Atelier fahren.

Auf der Fahrt nach Wildegg erzählt er, wie es dazu kommt, dass er sich mitten im Vormittag Zeit nehmen kann, Rollstuhlfahrer in der Gegend herumzuchauffieren. Er habe sich frühpensionieren lassen. Wobei früh in diesem Fall wirklich früh ist. Heute ist er 57 Jahre alt. Vor fast vier Jahren hat Marcel Hartmeier mit seiner Arbeit – er war im Management bei der Alstom im Bereich Kraftwerke tätig – aufgehört. «Ich habe gerne und intensiv gearbeitet», sagt Marcel Hartmeier. «Aber mir war immer klar, dass ich das nicht bis ins Alter von 65 Jahren machen wollte.» Er verstummt kurz, holt Luft und sagt: «Ich bin mir sehr bewusst, wie privilegiert ich damit bin.»

Die Kurven langsamer nehmen

In der Zwischenzeit haben wir Wildegg erreicht. Marcel Hartmeier schaltet den Blinker ein, fährt auf den Parkplatz einer Wohnüberbauung. Im Eingang wartet bereits Frau Wüthrich und geniesst die ersten warmen Strahlen der Frühlingssonne. Die Begrüssung ist herzlich. Frau Wüthrich macht oft Gebrauch vom Fahrdienst. Man kennt sich also. Marcel Hartmeier öffnet die Rückseite des Autos, zieht eine Rampe heraus und schiebt die Frau im Rollstuhl vorsichtig hinauf.

Mit vier Gurten werden dann der Rollstuhl und Frau Wüthrich angeschnallt und die Nackenstützen auf der richtigen Höhe eingestellt. Marcel Hartmeier macht das fix. Doch zu Beginn ist dies etwas, das gut geübt werden muss. Freiwillige, die sich als Fahrer für den Fahrdienst melden, werden zu Beginn begleitet und eingearbeitet. Auch das Fahren mit Rollstühlen im hinteren Teil des Autos muss geübt werden. «Es ist etwas ganz anderes, wenn jemand im Rollstuhl hinten sitzt», erklärt Marcel Hartmeier, der mittlerweile wieder am Steuer sitzt und den Weg nach Dietikon einschlägt. «Ich muss den Verkehr noch besser lesen, ich muss noch besser vorausschauen, was passieren könnte. Und auch die Kurven muss man langsamer nehmen.»

Der ehemalige Manager schätzt den Umgang mit seinen Kunden. Er staunt, wie die Menschen mit ihrem Schicksal umgehen, wie sie trotz ihren körperlichen Behinderungen eine positive Sichtweise aufs Leben haben. «Das hilft mir», sagt er. «Dann werden alle alltäglichen Sorgen zu wirklich kleinen Problemen.»

Unberührt lassen ihn die Schicksale nicht. «Es gibt immer wieder Dinge, die mich beschäftigen», erzählt er. Da sei ein Mann, der eine Hirnblutung erlitten habe und jetzt im Rollstuhl sitzt. Eigentlich ein blitzgescheiter, er war Informatiker. Doch heute ist er an den Rollstuhl gebunden, arbeiten kann er noch an drei Tagen in der Woche. Die Leistung wird vermutlich nie mehr dieselbe sein wie zuvor.

Und genau deshalb wollte sich Marcel Hartmeier in den Dienst der Gesellschaft stellen. «Mir ist es immer wirklich gut gegangen», fährt er fort. Er und seine Frau haben stets regelmässig Geld an soziale Institutionen gespendet. An das Kinderheim in Brugg zum Beispiel. «Die Institutionen waren immer sehr froh über das Geld, gaben aber auch zu verstehen, dass es Leute braucht, die nicht nur Geld, sondern auch Zeit investieren», erinnert sich Marcel Hartmeier. «Und so habe ich mich entschieden, meinen Job an den Nagel zu hängen und meine Zeit ehrenamtlich zu investieren.»

Seine Kollegen in der Firma hätten perplex reagiert. «Sie konnten nicht glauben, dass ich einen solchen Posten aufgebe», sagt Marcel Hartmeier und kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. «Aber am Ende kann man das Geld ja nicht mitnehmen. Und mit meinem Engagement bin ich glücklich und zufrieden.»

Kein Lohn für die Arbeit

Er hat sich lange überlegt, für welche Organisation er tätig sein möchte. Die Bedingung war, dass es eine aus der Region Brugg ist. An einer Expo stiess er auf den Rollstuhlfahrdienst und war sofort von der Sache überzeugt. Ein sinnvoller Verein, der gut geführt und organisiert ist, fand er.

Unterdessen haben wir Dietikon erreicht. Vor dem Atelier parkiert Marcel Hartmeier. Vorsichtig löst er die Gurte und fährt dann Frau Wüthrich zum Eingang. Die Rollstuhlfahrerin bezahlt für die rund 25 Kilometer 25 Franken. Das ist der Tarif für einfache Fahrten – 1 Franken pro Kilometer. Bei einer Retourfahrt würde sie 50 Rappen pro Kilometer zahlen, müsste aber dafür die Wartezeit noch einrechnen. Die Fahrer verdienen nichts für die Arbeit. Darum ist der Rollstuhlfahrdienst Region Brugg auch nicht von der politischen Forderung betroffen, die vorsieht, dass Fahrer, die Behinderte transportieren, eine zusätzliche Prüfung ablegen müssen. «Eine solche Vorgabe hätte schwerwiegende Folgen. Das könnten wir uns nicht leisten», sagt Marcel Hartmeier und steigt wieder ins Auto. Die Fahrt nach Brugg ist eine sogenannte Leerfahrt, die möglichst vermieden werden, um die Fahrpreise tief zu halten.

An diesem Tag hat Marcel Hartmeier am Nachmittag noch weitere Einsätze als Fahrer. Auch das schätzt er an seinem Engagement: «Ich bleibe zeitlich flexibel.» Denn der Hobby-Winzer verbringt auch gerne Zeit in den Reben. Und trotzdem liegt ihm der Rollstuhlfahrdienst besonders am Herzen: «Es ist eine Bereicherung in meinem Leben. Und ich freue mich, dass ich etwas zurückgeben kann.»