Brugg-Windisch
Als Sozialarbeiterin aktiv: Sie handelt, bevor die Menschen leiden

Sozialarbeiterin Iris Bäriswyl setzt sich im Pastoralraum Brugg-Windisch für Gemeinwesenarbeit ein und ist neu auch Umweltbeauftragte.

Claudia Meier
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Iris Bäriswyl bezeichnet sich als liberale Katholikin.

Iris Bäriswyl bezeichnet sich als liberale Katholikin.

Claudia Meier

Iris Bäriswyl hält ihre Hand auf den Radiator im Pfarreisaal der katholischen Kirchgemeinde in Brugg und schüttelt den Kopf: «Das darf nicht wahr sein! Jetzt läuft die Heizung. Dem muss ich sofort nachgehen.» Erst vor wenigen Tagen wurde dem Pastoralraum Region Brugg-Windisch, der Pfarrei Heilige Familie Schöftland, dem Pastoralraum Region Lenzburg sowie dem Verwaltungs- und Fachstellenstandort der Römisch-katholischen Kirche im Aargau das kirchliche Umweltlabel «Grüner Güggel» übergeben.

Iris Bäriswyl ist im Rahmen dieses Zertifizierungsprozesses Umweltbeauftragte des Pastoralraums Region Brugg-Windisch geworden. Sie hat zuerst ihr Team, die Kirchenpflege und anschliessend weitere Interessierte motiviert, sich gemeinsam auf diesen Weg mit messbaren Zielen zum verantwortungsvollen Umgang mit der Umwelt zu machen. Seither gibt es beispielsweise an Apéros– auch für Kinder – kein Wegwerfgeschirr mehr, der Abfall wird strikt getrennt und neue Pflanzen sind insektenfreundlich.

Die gebürtige Oltnerin hat ihre Stelle in der Brugger Kirchgemeinde im neuen Bereich der Diakonie vor über 15 Jahren angetreten. Sie sei damals naiv gewesen, sagt Bäriswyl rückblickend. Drei Jahre hatte sie Zeit, um der Kirchgemeinde zu zeigen, wie wichtig die Diakonie als dritter Grundpfeiler neben Liturgie und Verkündigung für die christliche Gemeinschaft ist.

«In dieser Zeit habe ich mich oft gefragt, ob ich am richtigen Ort bin.» Denn zu Beginn ist die ausgebildete Sozialarbeiterin mit ihren Projekten vor allem auch kirchenintern auf viel Widerstand gestossen. Iris Bäriswyl entschied sich deshalb bald, sich theologisch weiterzubilden. Die Rolle des kritischen Geistes hatte sie von Anfang an inne.

Männertreff und «Tischlein deck dich» lanciert

Die 49-Jährige bezeichnet sich selber als Geburtshelferin und liberale Katholikin. Sie bringt neue Themen nicht nur auf den Tisch, sondern sorgt dank intensiver Vernetzungsarbeit auch dafür, dass sie der Gemeinschaft einen nachhaltigen Nutzen bringen. Eine weitere Stärke von Iris Bäriswyl ist, dass sie gut aufgegleiste Projekte auch wieder abgeben kann.

Und so verwundert es nicht, dass sie in den letzten 15 Jahren in der Region Brugg-Windisch viele Spuren hinterlassen hat: Etwa mit der Koordination der Freiwilligen im Flüchtlingsbereich, was auch vom Kanton wahrgenommen wurde, mit der Lancierung einer Selbsthilfegruppe für ältere Arbeitslose, dem Männertreff für Migranten, der Wegbegleitung für Menschen in schwierigen Situationen und der Lebensmittelabgabestelle «Tischlein deck dich».

Kritiker finden das soziale Engagement der Kirche manchmal übertrieben, sehen eher den Staat in der Pflicht. Für Bäriswyl steht fest: «Auch wenn die Diakonie in unserem Pastoralraum einen hohen Stellenwert hat, gibt es immer Luft nach oben, auch im Vergleich zu den anderen Standbeinen der Kirche.»

Längst hat die engagierte Frau aufgehört, sich für ihre Arbeit zu rechtfertigen. Lieber packt sie lustvoll an und trägt Verantwortung. «Das Lässige an meiner Stelle ist, dass ich in der Vernetzungsarbeit flexibel reagieren kann und keine langen Wege gehen muss», sagt die Oltnerin, die ein 80-Prozent-Pensum innehat.

Sie hat zwei Diebe in der Kirche eingeschlossen

Mit der Gründung des Pastoralraums im Oktober 2016 wurde die Diakonie in der Region Brugg-Windisch gestärkt. Und seit der kirchlich regionale Sozialdienst der Caritas vor vier Jahren im Brugger Kirchenzentrum St.Niklaus angesiedelt wurde, macht Iris Bäriswyl keine Sozialberatungen mehr, sondern konzentriert sich auf die Projektarbeit. Die Vernetzungsarbeit bleibt dabei zentral. Zweimal pro Jahr lädt sie Vertretungen von anderen Institutionen zum Soziallunch ein.

Inzwischen ist Iris Bäriswyl in der katholischen Kirchgemeinde so etwas wie der Fels in der Brandung. Sie hat in der Region Brugg-Windisch schon viele Leute kommen und gehen sehen. «Ich sage zwar, wenn mir etwas nicht passt, aber auf mich kann man sich immer verlassen. Das hat auch mit Glaubwürdigkeit zu tun», sagt sie. Um die Gelder im Antoniuskässeli für «ihre» Bedürftigen zu retten, hat Bäriswyl vor Jahren sogar einmal zwei Diebe in der Kirche eingeschlossen, bis die Polizei eintraf.

Auf dem Neumarktplatz schaut sie stets genau hin

Und wenn sie über den Neumarktplatz läuft, schaut sie sich stets um. «Ich spreche die Leute an, wenn ich sehe, dass es ihnen nicht gut geht», so die Sozialarbeiterin. Deshalb sei sie auch nicht für Homeoffice geeignet. Sie müsse vor Ort sein und spüren, wie es den Leuten geht. So sorgte sie während des Lockdowns dafür, dass das «Tischlein deck dich» bereits Mitte April als eines der ersten in der Schweiz wieder in Betrieb ging.

Die Coronakrise habe zwar viele Leute in monetärer und psychischer Hinsicht durcheinandergebracht, doch das Team des Pastoralraums sei in dieser Zeit gewachsen, weil alle einander unkompliziert geholfen haben, fasst Iris Bäriswyl die letzten Monate zusammen. Die erfolgreiche Zertifizierung im Juni für das neue Label «Grüner Güggel» bildete für das Team einen weiteren Meilenstein.