Bözberg/Lesbos
Als Helferin im Flüchtlingscamp - täglich sah sie menschliche Tragödien

Sabine Fehlmann (41) engagierte sich einen Monat auf der griechischen Insel Lesbos in einem Zeltlager für Flüchtlinge. Was die Personalassistentin dort erlebte, beschäftigt sie nun zu Hause in Bözberg sehr. Sie hofft das beste für die Flüchtlinge, die sie dort kennenlernte. Doch hoffen ist ihr nicht genug.

Janine Müller
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Lesbos «Better Days For Moria»
13 Bilder
Rund 500 Menschen finden in den 28 Zelten Platz.
Von weitem gesehen könnte es auch ein Pfadilager sein, das Camp Better Days for Moria.
Sabine Fehlmann bei der Küchenarbeit mit einem Flüchtling.
Etwas Farbe tut gut, auch wenn es nur eine kleine Brücke über einen Entwässerungsgraben ist.
Im Lager wird auch recycelt
Diese Treppe vor dem Campeingang wurde geschaffen, damit bei Regen nicht der ganze Hang rutscht.
Der Kochherd im Camp.
Das Camp ist mittlerweile auch mit Wegweisern ausgestattet.
Die Abwaschküche im Camp.
Das Camp heisst die Flüchlinge in den unterschiedlichsten Sprachen willkommen.
Die Menschen stehen vor dem grossen Zelt an für das Mittagessen.
Das Badezimmer besteht aus einigen Toitoi-WCs und Wasserkanistern.

Lesbos «Better Days For Moria»

ZVG/Sabine Fehlmann

Im Brunnen vor dem Bauernhaus plätschert das Wasser. Die Frühlingssonne schickt scheu ihre Strahlen übers Land, die Vögel zwitschern. Ab und an fährt ein Auto vorbei. In dieser Idylle auf dem Bözberg in der Bächle wohnt Sabine Fehlmann. Doch so richtig geniessen kann sie ihr Zuhause im Moment nicht. Zu viele Gedanken schwirren noch in ihrem Kopf herum, viele Erlebnisse warten darauf, verarbeitet zu werden. Und da sind die Sorgen um Soren, den
13-jährigen Iraner, die sie nicht loslassen.

Sabine Fehlmann war knapp einen Monat auf der Insel Lesbos. Wo andere ihre Liegestühle aufstellen und sich die Mittelmeersonne auf den Bauch scheinen lassen, packte die Bözbergerin in einem Flüchtlingscamp an.

In unmittelbarer Nähe zum Dörfchen Moria betreibt die griechische Regierung ein offizielles Camp, das «Moria Refugee Camp». Hohe Mauern, Stacheldraht. Längst ist das Lager voll. Darum entstand daneben ein weiteres Lager im Olivenhain. Zuerst unkoordiniert.

Die ankommenden Flüchtlinge schliefen unter Bäumen, sanitäre Anlagen gab es nicht. Hilfsorganisationen reagierten und organisierten Zelte.

Mittlerweile sieht das Camp von Weitem aus wie ein Zeltlager der Pfadi. «Das war der erste Gedanke, den ich hatte, als ich ankam», sagt Sabine Fehlmann.

Doch die Fotos zeigen, wie behelfsmässig das Lager eingerichtet ist. Das «Badezimmer» besteht aus ein paar Toitoi-WCs und Kanistern mit Wasser – alles unter freiem Himmel. In einem Zelt hats jeweils Platz für zwölf Personen.

Gräben ziehen sich durch das Lager. Sie dienen als Wasserrinnen, damit nicht das ganze Camp überschwemmt wird, wenn es regnet. Mittlerweile hat das Lager einen Namen: Better days for Moria (Bessere Tage für Moria).

Zu Beginn arbeitete Sabine Fehlmann in der Küche. Eine Menüauswahl gab es nicht. Zum Zmittag gabs einen Becher Gemüsereis mit einem gekochten Ei, zwei Scheiben Brot und eine Banane, zum Znacht Linseneintopf. Fleisch stand nicht auf dem Speiseplan. Doch eines Tages tauchten von irgendwoher einige Dosen Thunfisch und ein Pack Truthahnschinken auf. Sabine Fehlmann hatte gerade Küchendienst.
Sie bemerkte die Blicke der anwesenden Flüchtlinge, die sehnsüchtig auf das Fleisch schielten. Und so entschieden sie sich kurzerhand, den Schinken zu verteilen und gemeinsam mit zwei Iranern einen Thunfischeintopf zu kochen. Die Kunde verbreitete sich im Lager wie ein Lauffeuer. «Es war unglaublich zu sehen, wie viel Freude diese Abwechslung brachte», erzählt Sabine Fehlmann.
Andere zum Helfen motivieren
Auf dem Gaskocher stand immer eine warme Suppe und «heissi Schoggi« für die Neuankömmlinge bereit. Für die Neuankömmlinge von den Booten, denen freiwillige Helfer weiter unten am Strand an Land halfen. Die meisten völlig durchnässt, durchgefroren und erschöpft. Menschliche Tragödien, die sich Tag für Tag abspielen. Das war der Grund für Sabine Fehlmann, ihre Freizeit zu opfern und helfen zu gehen. «Jeden Tag las ich in der Zeitung von den Ereignissen in Griechenland», erzählt sie.
Und sie sah im TV Berichte über Freiwilligen, die vor Ort helfen. «Das hat mich motiviert», sagt sie. Und sie wiederum hofft nun, dass ihr Beispiel andere motiviert. Es müsse ja nicht gleich Griechenland sein. «Es gibt genügend Möglichkeiten, sich hier in der Schweiz zu engagieren», findet die Bözbergerin. Eine Botschaft ist ihr besonders wichtig: «Man braucht vor diesen Menschen keine Angst zu haben. Sie kommen nicht, um unser System auszunutzen.»

Natürlich gäbe es Herausforderungen. «Aber ich finde es schlimm, wenn sich die Bevölkerung gegen Asylunterkünfte wehrt, als kämen da nur Kriminelle.» Nach einiger Zeit wechselte sie von der Küche in die Kinderbetreuung. In einem Zelt, wo fotografieren verboten ist, können die Kinder spielen, malen, basteln. «Ich habe sogar eine Art iranischen Jass gelernt», sagt Sabine Fehlmann. «Dabei habe ich gemerkt, dass es eigentlich ziemlich dasselbe Spiel ist wie bei uns der Jass ‹obenabe›.»
Der Zettel mit der Telefonnummer
Beim Spielen lernte sie auch Soren kennen. Soren, der 13-jährige iranische Halbwaise, der mit zwei jüngeren Brüdern und seinem Vater auf der Flucht ist. «Ich fragte ihn, wo sie hin wollen», erzählt Sabine Fehlmann. «Seine Antwort war: ‹Germany›.» Dies, obwohl die Balkanroute abgeriegelt wird und es praktisch kein Durchkommen mehr gibt. Trotzdem übte sie mit dem Iraner Deutsch, er brachte ihr im Gegenzug einige Worte Farsi bei. Ein paar Tage später verliess Soren mit seiner Familie das Lager.
Der Abschied fiel Sabine Fehlmann schwer. Sie drückte dem 13-Jährigen einen Zettel mit ihrer Telefonnummer und der E-Mail-Adresse in die Hand, in der Hoffnung, bald etwas von ihm zu hören. Jetzt sitzt Sabine Fehlmann wieder zu Hause am Tisch. Sie knetet die Hände, wenn sie von Soren erzählt. «Es macht mir Mühe, hier in meinem gemütlichen Daheim zu sitzen und zu wissen, dass er mit seiner Familie wahrscheinlich irgendwo in Griechenland gestrandet ist.» Soren dürfte entweder in Athen sein oder sich unter den Tausenden von Menschen befinden, die an der mazedonischen Grenze auf ein Wunder hoffen.
Hoffen bringt Sabine Fehlmann zu wenig. Darum hat sie nach ihrer Rückkehr letzte Woche mit ihrem Partner entschieden, dass sie beide im Sommer erneut zwei Wochen in Griechenland helfen.