Windisch
«Als Bundesrat hat man wenig Zeit, aber zum Denken muss man Zeit haben»

Ex-Bundesrätin Micheline Calmy-Rey hat Station an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Windisch gemacht. «Ich bin eine grosse Verfechterin der Neutralität, aber nicht der Gleichgültigkeit», war ihr Credo. Kam auch Provokatives heraus?

Rosmarie Mehlin
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Die frühere Bundesrätin Micheline Calmy-Rey definiert die Schweizer Aussenpolitik in der Aula der FHNW als «Summe von Einzelinteressen». Rosmarie Mehlin

Die frühere Bundesrätin Micheline Calmy-Rey definiert die Schweizer Aussenpolitik in der Aula der FHNW als «Summe von Einzelinteressen». Rosmarie Mehlin

Rosmarie Mehlin

Wie viele Leute würde Dölf Ogi wohl mobilisieren, wenn er an einem lauen Frühlingsabend an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Windisch über seine Zeit als Bundesrat plaudern täte? Immerhin stünde da das Versprechen im Raum, dass bei seinem Auftritt Freude herrscht. Bei einem Besuch von SP-Frau Micheline Calmy-Rey hingegen kann man von einem exklusiven Outfit und einem unverkennbaren Lächeln ausgehen. Und tatsächlich: Unsere ehemalige Aussenministerin hält auch zweieinhalb Jahre nach ihrem Rücktritt aus dem Bundesrat unverändert, was sie, rein äusserlich, verspricht.

Am Mittwochabend stellte sie sich im Rahmen der Reihe «Wirkstoff – Wirtschaft und Wissenschaft im Gespräch» in der FHNW-Aula der Öffentlichkeit. Im grau-schwarzen Anzug mit Hochwasser-Karottenhosen, rotem Schal und schwarzen Wildlederpumps – Plateausohle, die Absätze hoch, aber nicht Bleistift, sondern Cervelat – Frisur samt blonden Mèches gäng wie gäng, nahm sie in der Aula Platz vor einem Glas Wasser und der stattlichen Zahl von 130 Interessierten. Schätzungsweise die Hälfte davon waren Studenten vor ihren Laptops. Neben Calmy-Rey sass Andreas Petersen – Dozent für Zeitgeschichte an der FHNW – hinter ihr waren neben ihrem Konterfei die Frage «Frau Calmy-Rey, welche Schweiz wünschen Sie uns?» an die Wand projiziert.

Es war davon auszugehen, dass die 69-Jährige – im Amt von 2003 bis 2011 und gegenwärtige Gastprofessorin an der Uni Genf – den 130 Neugierigen ganz wunderbare Antworten auf die komplexe Frage liefern würde. Denn just vor zwei Monaten hat Calmy-Rey ein Buch unter dem Titel «Die Schweiz, die ich uns wünsche» veröffentlicht. Es war vor Ort zu kaufen. Die Ex-Magistratin hat sozusagen auf Promotionstour Station in Windisch gemacht. Eineinhalb Stunden hatte sie Zeit, dann musste sie auf den Zug.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Die projizierte Frage wurde nicht beantwortet. Die Zitate aus dem Buch, mit denen Gesprächsleiter Petersen die Autorin konfrontierte, lassen vermuten, dass der Titel zwar provokativ ist, dass der Inhalt hingegen einfach das Fazit von acht Jahren als Aussenministerin ist. «Ich bin eine grosse Verfechterin der Neutralität, aber nicht der Gleichgültigkeit», war ihr Credo in Windisch. Dort sagte sie unter anderem auch: «Als Bundesrat hat man wenig Zeit, aber zum Denken muss man Zeit haben». Sie definierte die Schweizer Aussenpolitik als «Summe von Einzelinteressen», erinnerte sich, dass Catherine Ashton in einer Frage rund um den Georgien-Russland-Konflikt nur drei Minuten Zeit für sie hatte. Sichtlich stolz sprach sie über ihre erfolgreiche Mission bei der Befreiung der beiden Libyen-Geiseln und bei der Bildung des UN-Menschenrechtsrats.

Micheline Calmy-Rey redete leise, ausführlich und Gesten reich untermalt. Mit Nonchalance half Petersen ihr jeweils bei der Suche nach Worten in Deutsch, wofür sie sich mit ihrem typischen, breiten «Dimitri»-Lächeln revanchierte. Neues, Überraschendes, Provokatives kam in ihren Statements allerdings nicht heraus. Es gilt offenbar auch für Frauen: einmal Politiker, immer Politiker.

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