Sauserfreinächte
Alle ziehts ins Schenkenbergertal

Sauserfreinächte und Metzgete im beschaulichen Schenkenbergertal sind eine Besonderheit und eine Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen suchen.

Michael Hunziker
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Hans Peter Kuhn (links) und René Wassmer freuen sich auf ein Glas Sauser.

Hans Peter Kuhn (links) und René Wassmer freuen sich auf ein Glas Sauser.

Michael Hunziker

Die Welt ist in Ordnung an diesem strahlend sonnigen Herbstvormittag im beschaulichen Schenkenbergertal: Hans Peter Kuhn, Geschäftsführer der Weinbaugenossenschaft Schinznach, nimmt Platz am Tisch mit Wirt René Wassmer in dessen Restaurant Weingarten in Thalheim. Er bestellt – wie könnte es anders sein – einen weissen Sauser: süss und süffig, frisch gepresst und in diesen Tagen abgefüllt.

Hektik ist keine zu spüren. Noch nicht. Denn die legendären Sauserfreinächte stehen an. Und mit diesen – eng verbunden – die Metzgete. Dafür ist das Schenkenbergertal bekannt. Wenn der Betrieb in der Trotte in Schinznach-Dorf fast rund um die Uhr läuft, geht es auch in den Gaststätten hoch zu und her. «Das macht richtig Freude», stellen Kuhn und Wassmer übereinstimmend fest. Sie kennen die Sauserfreinächte von klein auf.

Ganz so spät wie einst werde es heutzutage in der Regel zwar nicht mehr, fügen die beiden Männer mit einem Schmunzeln an. «Früher hatte das Ganze Volksfestcharakter, die Besucher zogen zu Fuss bis in die Morgenstunden von einer Gaststube in die nächste und klopften mitten in der Nacht auch einmal bei der Trotte an. Das ist vorbei. Die meisten bleiben nicht mehr ganz so lange.»

Nichts verändert hat sich dagegen daran, dass die Sauserfreinächte und die Metzgete seit den Fünfzigerjahren die Gäste in Scharen anziehen. Das Spektrum reiche vom Kleinkind über das frisch verliebte junge Paar bis zur Grossmutter, quer durch alle sozialen Schichten, sagt Wassmer. «Viele warten sehnsüchtig auf diese Zeit, kommen dafür extra zu uns.» Auch für etliche Vereine aus dem ganzen Aargau hat ein Besuch im Schenkenbergertal Tradition. Der gesellschaftliche Teil sei wichtig, hebt der Wirt hervor. «Fremde Menschen sitzen am gleichen Tisch zusammen, kommen ins Gespräch, knüpfen Freundschaften. Das gibt es so nur an der Metzgete.» Kuhn ergänzt: «Der Sauser ist der ideale Begleiter zum feinen Essen. Mit dieser regionalen Spezialität haben wird die Chance, nicht nur die oft eher etwas älteren Weinliebhaber, sondern auch die jüngere Generation anzusprechen.»

Für die Sauserfreinächte sowie die Metzgete arbeiten die Gastrobetriebe sowie die Weinbaugenossenschaft mit weiteren Gewerbetreibenden Hand in Hand zusammen. Wassmer spricht von einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor. Bei ihm beginne die Metzgete am Bettag und daure rund drei Monate. In dieser Zeit erziele er etwa zwei Drittel seines Jahresumsatzes. Anders gesagt: «Davon leben wir.»

1 Woche, 120 Kilogramm Fleisch

Pro Woche benötigt er das Fleisch einer ganzen Sau – keine von 80, sondern eine von 120 Kilogramm wohlverstanden, fügt der Wirt an. Während der Saison verarbeitet er in seiner Küche um die anderthalb Tonnen Kartoffeln, bis zu 15 Harassen Apfelschnitze sowie 300 Kilogramm Sauerkraut. Eine Herausforderung sei es, weil es sich durchs Band um Frischprodukte handle, stets die richtige Menge in einer hohen Qualität zuzubereiten. Apropos Menge: Die Weinbaugenossenschaft stellt jeden Herbst aus rund 20 Tonnen weissen Trauben ihren Sauser her. Auch wenn die Ernte heuer kleiner ausfalle als in den letzten Jahren, müsse sich im Schenkenbergertal niemand Sorgen machen, versichert Kuhn. «Wir werden die Nachfrage decken können.»

Traubensaft passt immer

Kuhn und Wassmer mögen es, wenn Betrieb und Leben herrscht. «Alles muss aneinander vorbeikommen, alle sind am Schwimmen, und trotzdem klappt es am Schluss immer irgendwie», sagen sie mit einem Lachen. Für zufriedene Gäste geht der Wirt mit der Zeit und bringt – Tradition hin oder her – neuerdings auch kleinere Würste für den kleineren Hunger auf den Teller oder sorgt dafür, dass sogar der Vegetarier oder die Veganerin auf ihre Kosten kommen.

Hand aufs Herz: Können Hans Peter Kuhn und René Wassmer, ist der Herbst vorbei, Sauser und Metzgete überhaupt noch sehen? Es gebe nichts Besseres, als nach einem anstrengenden Tag ein Glas Traubensaft – ob angegärt oder nicht – zu geniessen, sind sie sich einig. Und bei der «Weingarten»-Belegschaft sei es Brauch, zum Abschluss der Saison eine – wie könnte es anders sein – währschafte Metzgete zu geniessen.