Effingen
Alkohol und Handschellen – Jugendlicher belastet Schulheim Effingen

In der «BaZ» belastet ein Jugendlicher das Schulheim Effingen schwer. Probleme der Jugendlichen würden nicht angehört, Polizisten hätten ihn sogar mit Handschellen ins Schulheim geführt, erzählt er. Der Schulleiter weist die Vorwürfe zurück.

Janine Müller
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In Handschellen gelegt, wurde Kevin ins Schulheim in Effingen gebracht.

In Handschellen gelegt, wurde Kevin ins Schulheim in Effingen gebracht.

Claudia Meier

Handyaufnahmen, die angeblich zeigen, wie rabiat es im Heim zugeht; wie betrunkene Schüler, die vom Ausgang zurückkommen, randalieren. Anschuldigungen, dass das Schulheim Effingen Wünsche und Probleme der Jugendlichen nicht anhört, gar Vergleiche mit dem Leben eines Verdingkindes werden gemacht.

Es ist eine regelrechte Schimpftirade, die eine Mutter aus Diegten BL und ihr Sohn – nennen wir ihn Kevin – auf das Schulheim Effingen losgelassen haben. Alles veröffentlicht in einem Artikel der «Basler Zeitung». Darin beschreiben Kevin und seine Mutter die zweijährige Leidenszeit, die angeblich nur von den Behörden verursacht wurde. Begonnen hatte alles, nachdem Kevin von Deutschland in die Schweiz kam.

In Briefen schreibt Kevin, dass es ihm nicht gut geht

In Briefen schreibt Kevin, dass es ihm nicht gut geht

«In der Schule habe ich Blödsinn gemacht», gibt er in der Zeitung zu. «Ich habe nicht richtig geantwortet, wenn die Lehrerin mich etwas fragte.» In den letzten zwei Jahren durchlief Kevin sechs Pflegestationen. Dazu kam der Aufenthalt in Effingen. Als er zu den Pflegefamilien auf den Bauernhöfen – das sind Aussenstationen des Schulheims im Kanton Bern – gekommen sei, musste er oft arbeiten und konnte nicht in die Schule gehen. «Insgesamt über ein halbes Jahr», erzählt er.

Gar in Handschellen wird Kevin von der Polizei ins Schulheim Effingen geführt. «Damals, im März 2013, als entschieden war, dass ich nach Effingen muss, habe ich meinen Koffer wie verlangt gepackt. Die Beiständin sollte mich abholen kommen. Es hiess, dass man die Polizei beiziehen werde, wenn ich nicht mitkommen wolle. So wartete ich an jenem Tag um 10 Uhr morgens abfahrbereit in meinem Zimmer, und trotzdem kam die Beiständin unerwartet mit zwei Polizisten. Sie haben die Türe hinter sich geschlossen und mich gefragt, ob ich mitkommen wolle. Das wollte ich eigentlich nicht. Darum habe ich ihnen wahrheitsgemäss – ‹nein, ich möchte nicht nach Effingen› – geantwortet», wird Kevin zitiert. Die Polizisten antworteten: «Dann müssen wird dich in Handschellen abführen.»

Im Schulheim fühlt sich Kevin nicht wohl. Er klagt jedes Mal über Bauchschmerzen, wenn er vom Bauernhof zurück ins Heim kommt. Er schreibt massenhaft Briefe – dem Heimleiter, an den zuständigen Leiter der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) in Gelterkinden, an den Beistand und sogar dem Papst. «Hier in Effingen ist es nicht gut», schreibt Kevin.» Die Einzigen, mit denen ich offen reden kann, das sind die Tiere (nicht die Zweibeiner). Ich wünsche mir, dass ich nach Hause kann.»

Hans Röthlisberger, Heimleiter Schulheim Effingen «Jede psychosomatische Auffälligkeit wird mit dem Heimarzt besprochen. Es kann schon vorkommen, dass die Jugendlichen den Eltern etwas anderes erzählen.»

Hans Röthlisberger, Heimleiter Schulheim Effingen «Jede psychosomatische Auffälligkeit wird mit dem Heimarzt besprochen. Es kann schon vorkommen, dass die Jugendlichen den Eltern etwas anderes erzählen.»

Annika Bütschi/Archiv

Heimleiter Hans Röthlisberger und Ernst Kistler, Präsident des Stiftungsrats des Schulheims Effingen, zeigen sich erstaunt über den einseitigen Bericht in der «Basler Zeitung». Gegenüber der az nehmen sie nun Stellung zu den Vorwürfen ans Schulheim. Sie betonen, dass das Schulheim Effingen keineswegs in sämtliche Vorkommnisse verwickelt war. So zum Beispiel hatten die Verantwortlichen in Effingen nichts mit der Vorgeschichte, die mit dem Abführen in Handschellen endete, zu tun.

Es komme zwar ab und an vor, dass Jugendliche mit Handschellen eingewiesen werden. «Die Gerichte müssen aber gute Gründe dafür haben», betont Röthlisberger. «Vor polizeilichen Einweisungen werden die Eltern mehrmals aufgefordert, für den Jugendlichen mit uns einen ordentlichen Termin abzusprechen, um den Eintritt geordnet zu vollziehen.»

Wichtig: Die Art der Einweisung wird bei behördlich angeordneten Platzierungen nie vom Schulheim bestimmt. Die Art von Einweisung mit Handschellen erfolgt in der Regel bei äusserst gewalttätigen, aggressiven und gefährlichen Jugendlichen. Auch den Vorwurf, dass die Jugendlichen wie Verdingkinder auf dem Bauernhof arbeiten müssen, weisen Röthlisberger und Kistler zurück. Die sogenannten Time-outs, die das Schulheim Effingen anbietet, sind Beruhigungsmassnahmen. Die Bauernfamilien werden von Sozialpädagogen betreut.

Die Jugendlichen helfen auf dem Hof lediglich mit und müssen nicht eine Anzahl von Stunden arbeiten. Time-outs dauern im Normalfall drei Tage. In dieser Zeit werden die Jugendlichen nicht unterrichtet. In Ausnahmefällen (in Effingen sind das ca. zwei bis drei pro Jahr) bleiben die Jugendlichen acht Wochen bei der Bauernfamilie. In dieser Zeit gehen sie in die Dorfschule oder werden einzeln unterrichtet. Nur sehr selten kann ein Jugendlicher die Schule gar nicht besuchen. Nämlich dann, wenn er zu aggressivem, gewaltbereitem Verhalten neigt.

Bezüglich Alkoholkonsum gibt es im Schulheim strikte Regeln: «Wir sind zu 100 Prozent abstinenzorientiert. Nikotin, Alkohol und andere Substanzen sind verboten», so Röthlisberger. Eine Umfrage unter den Mitarbeitern habe gezeigt, dass niemandem eine solche Situation mit Radau aufgefallen ist. Auch habe der Jugendliche keinem Mitarbeiter das Video gezeigt.

Auf den Vorwurf, dass der Brief von Kevin nicht gelesen wurde, weisen Kistler und Röthlisberger zurück. «Der Heimleiter erhält viele Briefe und Anträge Jugendlicher. Er geht sehr auf diese ein», heisst es in der Stellungnahme. Man nehme zudem psychosomatische Symptome der Jugendlichen sehr ernst. «Wir arbeiten eng mit unserem Heimarzt, einem renommierten Kinder- und Jugendpsychiater der Klinik Königsfelden und des Unispitals Basel, zusammen», erklärt Röthlisberger.

«Jede Auffälligkeit wird mit dem Heimarzt besprochen. Es kann schon vorkommen, dass die Jugendlichen den Eltern etwas anderes erzählen.» Aus diesem Grund werden solche Differenzen in Elterngesprächen besprochen. «Leider gibt es vereinzelt Eltern», so Röthlisberger, «die die Gespräche nicht nutzen.»

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