Brugg-Windisch

Algorithmen sind die Goldmaschinen der Moderne

Campus der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Brugg-Windisch

Eine neue Vortragsreihe des Forums Interface an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) dreht sich rund um das Thema Algorithmen.

Die neue Vortragsreihe des Forums Interface an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) Brugg-Windisch beschäftigt sich mit Algorithmen, jenen rätselhaften Gebilden, welche aus unstrukturierten Datenmengen Sinnvolles bergen sollen. Unser Zeitalter ist besessen von Daten, die überall erhoben und gespeichert werden. Algorithmen sind – so suggeriert der Einleitungstext zur Reihe – zu verstehen als moderne Schürfinstrumente, mit denen die Datenberge durchwühlt und das Gold aus ihnen extrahiert werden kann.

Zum Auftakt brachte der Philosoph Manuel Bachmann den Zuhörern die «Idee der Software» nahe. Software sind die Programme, welche die Vorschriften enthalten, wenn wir die Maschine wir für bestimmte Zwecke brauchen wollen.

Bachmann näherte sich dem Problem, indem er eine Unterscheidung machte. Er unterschied die «Algorithmische Problemlösung», das schematische Befolgen einer Regel, von der «Kalkulatorischen Problemlösung», die Bearbeitung eines Problems in einer formalen Sprache. Um einen Algorithmus erfolgreich abarbeiten zu können, braucht es keine Maschine. Jeder kann mit einem Rezept einen Kuchen backen. Aber die Maschine ist im Umgang mit der Welt weit weniger gewandt als noch der dümmste Koch. Sie weiss weder, was «eine Handvoll», noch was «Mehl» oder «Zucker» ist. Dafür arbeitet sie exakt und macht keine Fehler.

Welt und Sprache

Software wäre eine Sprache, die nicht nur über etwas spricht, sondern im Sprechen – in ihrem Operieren – etwas erzeugt. Raimundus Lullus, der unglückliche Gelehrte und Missionar aus dem 13. Jahrhundert, suchte nach einer Methode, unwiderlegbare Argumente für das Christentum gegen die Heiden zu erzeugen. Die Methode sollte neue und wahre Sätze liefern.

Das sind strenge Anforderungen an eine Sprache. Diese Sätze müssen der Grammatik, aber auch der Logik folgen. Und sinnvoll müssen sie auch noch sein. Ein Vorbild findet sich im «Sefer Jezira», jener geheimnisumwitterten kabbalistischen Schrift. Dort wird mit den Buchstaben des hebräischen Alphabets gearbeitet, denen unter anderem auch Zahlwerte zugeordnet werden. Alef entspricht 1, Bet entspricht 2 und so weiter. Wie kann man diese Buchstaben kombinieren, dass sie auf einen vorher nicht sichtbaren Hintersinn verweisen? Ein Beispiel liefert der Satz: «Raba bara gbara.» Der Satz spielt mit dem Verbum «bara» (=erschaffen) und heisst übersetzt: «Raba erschuf einen Mann.» (hebr. «geber» auch in «Gabriel» (=Mann Gottes)). Die zehn Buchstaben des Satzes ergeben einen Zahlwert von 612; 613 ist die Zahl der Knochen und Blutgefässe des menschlichen Körpers. «Raba» (die Umstellung von «bara») erschuf also einen Mann, der nicht ganz perfekt war. Das war der «Golem», der Android in der hebräischen Mythologie.

Lullus operierte mit einer Maschine, die aus drei konzentrisch angeordneten Scheiben bestand. Auf dem äussersten Ring sind die Prädikate Gottes, auf dem mittleren Ring ein Relationsprädikat und auf dem innersten die Dinge, von denen man wissen wollte, ob und wie sie mit den göttlichen Prädikaten zusammen stimmten. Wenn man die Ringe zueinander verdreht, erhält man Sätze. Ein (erfundenes) Beispiel: «Wille» (aussen) + «ist Vorbild» (mitte) + «Gerechtigkeit». Das könnte ergeben: «Unsere Gerechtigkeit sollten wir nach dem Willen Gottes ausrichten.» Davon beeindruckt war der junge Leibniz.

Er lobte die Methode («die Wissenschaft von den Kombinationen»), kritisierte aber, dass die verwendeten Ausdrücke «unbestimmt» seien. Seine Idee war, Analyse und Kombinatorik zusammen zu praktizieren. Die Ausdrücke sollten analysiert werden, bis sie «elementar» wären. Dann könnte man sie mit anderen kombinieren und hätte so eine Methode, wahre Sätze (die aus zwei Ausdrücken, dem Subjekt, über das ausgesagt wird, und dem Prädikat bestehen) zu finden.

Natürlich weiss Leibniz, dass über diese «ars combinatoria» das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Es braucht noch die «ars inveniendi», wie man die Methode richtig auf die Welt anwendet. Immerhin wird dadurch die mathematisch-kombinatorische Struktur der Sätze durchsichtig. Denn es funktioniert nur, wenn die Welt auch eine aus Elementen bestehende Struktur ist. So rational, sagt Leibniz, sollte aber Gott bei seiner Schöpfung gedacht haben. Das darf man getrost annehmen.

Nächste Interface-Veranstaltung1. April, 17.15 Uhr, Eduard Kaeser: Robo sapiens übernimmt die Macht – Angstfantasien rund um die Künstliche Intelligenz.

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