Ein ungewohntes Bild bot sich den Passanten beim Busterminal Campus am Donnerstagnachmittag: Knapp 40 Ärzte im weissen Kittel aus der ganzen Schweiz demonstrierten mit einem grossen Transparent «Kopf hoch, Ensi!» neben der Treppe zum Brugger Bahnhof.

Dabei handelte es sich mehrheitlich um Mitglieder des Verbands «Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz» (AefU), die am Mittag an der Jahresversammlung im Kulturhaus Odeon teilnahmen.

Ziel der bewilligten Aktion war auch, Hans Wanner, dem Direktor des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi) einen Brief abzugeben. Darin forderten die Ärzte das Ensi auf, den «Kopf aus dem Sand zu nehmen».

Und weiter: «Das Ensi soll nicht die Schrott-Reaktoren, sondern endlich die Bevölkerung schützen. Denn wir sind überzeugt: Ein schneller Atomausstieg ist das einzig wirksame Rezept.»

Die AefU stören sich daran, dass das Ensi manchmal Hand biete, wenn veraltete Atomkraftwerke (AKW) wie Mühleberg und Beznau das gesetzlich verlangte Sicherheits-Minimum unterschreiten. Sie kritisieren zudem, das Ensi habe die AKW im Kopf, weil seine Existenz auf den AKW beruht.

Eigenmächtige und in der Regel nicht transparente Entscheide des Ensi sind der AefU ein Dorn im Auge. «Es behindert den Zugang zu Informationen teils systematisch.» Das Ensi wird aufgefordert, zu dieser teilweise grundlegenden und sicherheitsrelevanten Kritik Stellung zu beziehen. Die AefU erwarten bis zum 15. August eine Antwort.

Aufgebrachter Ensi-Mitarbeiter

AefU-Präsident Peter Kälin fragte in die Runde, ob ihn zwei, drei Mitglieder zum Ensi-Eingang begleiten würden, um Hans Wanner den Brief abzugeben.

Der Verband hatte die Bewilligung für die Demo ohne grössere Probleme von der Regionalpolizei Brugg erhalten. Bedingung war allerdings, dass sich die Ärzte neben den Bahngleisen und nicht unmittelbar vor dem Ensi-Gebäude an der Industriestrasse aufhalten, also dort, wo sonst von Montag bis Donnerstag die Ensi-Mahnwache jeweils von 17 bis 18 Uhr stattfindet.

Als Kälin den Platz in Richtung Ensi überquerte, rief ein Arzt, dass ihm doch alle folgen könnten. Einige zögerten, andere folgten ihrem Präsidenten sofort. Nach wenigen Minuten waren praktisch alle Ärzte vor dem Ensi-Eingang.

Etwa fünf Personen verschwanden mit dem Brief im Gebäude. Dann dauerte es nicht mehr lange, bis ein aufgebrachter Ensi-Mitarbeiter aus dem Haus stürmte und die Ärzte aufforderte, das Areal zu verlassen.

Sofort entbrannte eine Diskussion über die Verbotstafel neben dem Eingang, darüber, wo die Grenze zwischen öffentlichem und privatem Grund sei und sogar darum, wer welche Ausbildung habe. «Solange Sie uns nicht vernünftige Argumente nennen können, bleiben wir hier», sagte ein Arzt.

Polizei droht mit Anzeige

In der Zwischenzeit waren zwei Regionalpolizisten auf dem Platz vorgefahren. Sie drohten den Ärzten mit einer Anzeige und damit, dass man ihnen nie mehr eine Bewilligung erteilen werde, wenn sie sich nicht an die Regeln halten. Für viele Ärzte war der Gang vors Ensi eine Premiere und dabei werde es vermutlich auch bleiben.

So jedenfalls schätzte es ein Arzt aus St. Gallen ein. Nach etwa 20 Minuten kamen die Briefüberbringer zurück. Sie seien zwar empfangen worden, wüssten aber gar nicht genau, mit wem sie gesprochen hatten. Bei allen Fragen wurden sie auf die Ensi-Dokumentationen verwiesen.