Brugg-Windisch

Adolf Muschg: «Richtig ernst genommen wird die Schweiz nicht»

Adolf Muschg (rechts) im Bild mit Bundesrat Alain Berset.

Adolf Muschg (rechts) im Bild mit Bundesrat Alain Berset.

Mit seinem Referat setzte der Schweizer Dichter, Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Adolf Muschg den Schlusspunkt unter den Interface-Zyklus von der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). Eine Zukunftsprognose zur Schweiz wagte er nicht.

«Die Schweizer sind ihrer heutigen Stellung gar nicht angepasst. Sie halten nicht nur nach wie vor auf rührende Weise daran fest, dass das Althergebracht-Eidgenössische vor allem zählt: Sie halten sich als Nation und Idee für vorbildlich. In den Augen der gesamten übrigen Welt existieren sie aber heute ausschliesslich als Wirtsvolk und Wirtsland im weitesten Verstand.» Zweifellos starker Tobak, dieses Zitat.

Ein Zitat, das nicht etwa auf einen deutschen Steuerfahnder oder – womöglich noch schlimmer – auf einen Schweizer Literaten zurückzuführen ist, sondern auf einen gewissen Hermann Alexander Graf Keyserling (1890 bis 1946).

Dieser Graf Keyserling, der aus dem Baltikum stammte, von Haus aus eigentlich Geologe war – und über den der Spottvers kursierte «Als Gottes Atem leiser ging, schuf er den Grafen Keyserling» – hatte sich 1928 in seinem Werk «Das Spektrum Europas» auf wenig schmeichelhafte Weise auch mit der Schweiz und ihren Eingeborenen befasst. Dabei war er unter anderem zu der Erkenntnis gelangt: «Unter Völkern bietet meines Wissens kein zweites solch ein Beispiel intimer Tragik wie das Schweizer Volk.»

«Schweiz ist irrelevant»

Mit dieser «intimen Tragik» befasste sich Adolf Muschg, Schriftsteller und emeritierter Professor für deutsche Sprache und Literatur an der ETH, in seinem Referat am Podium Interface der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Brugg-Windisch.

«Eines der grossen Themen Keyserlings ist die Differenz zwischen der Aussen- und der Innenwahrnehmung der Schweiz», stellte er fest. «Es ist unleugbar, dass die Schweiz als kulturelle und politische Grösse irrelevant ist. Das war aber nicht immer so. Es gab glorreiche Episoden ihrer Präsenz.»

Im grossen kultur- und literaturgeschichtlichen Bogen, den Adolf Muschg in seinem Referat schlug, ging er auf diese glorreichen Episoden – die Zeit der Aufklärung und insbesondere die Zeit der Entstehung des Bundesstaates um 1848 – näher ein. «Die politische Schweiz des 19. Jahrhunderts hat Staat gemacht», erklärte er. «Sie war so etwas wie die Insel der politischen Freiheit. Wobei das natürlich nicht die Schweiz an sich war, sondern einige Kantone, die vorgeprescht sind.»

Der unangenehme Augenarzt

Von da an gings mit der Schweiz aber sozusagen bergab. Das jedenfalls muss aus den Ausführungen von Adolf Muschg zu den Zeiten der Belle Epoque, des bevorstehenden Ersten und des Zweiten Weltkrieges und vor allem aus seiner aktuellen Standortbestimmung der Schweiz geschlossen werden.

«Richtig ernst genommen wird die Schweiz nicht», stellte er fest. «Die Vorstellung, in Brüssel auf gleichem Fusse verhandeln zu können, ist Verhältnisblödsinn. Das Denken, dass unsere Prämissen ausreichen, um andere bestimmen zu können, erlebt man aber jeden Tag. Diplomaten sehen das allerdings etwas anders. Das sind alles Dinge, mit denen uns der unangenehme Augenarzt Keyserling konfrontiert.»

Adolf Muschg wollte dem Grafen Keyserling denn auch eine gewisse Anerkennung nicht absprechen. «Wo er, Keyserling, recht hat, hat er recht», sagte er. «Keyserling hat etwas gesehen, was andere nicht sehen wollten.»

Auf die Frage aus dem Publikum, ob er denn glaube, dass die Schweiz aus dem «Gefängnis des Entweder-Oder» ausbrechen könne, meinte Adolf Muschg: «Ich mache mir Sorgen, wie wir auf die von uns selber geschaffene Welt adäquat reagieren können. Ich getraue mich aber absolut nicht, eine Zukunftsprognose zu machen.»

Mit dem Referat von Adolf Muschg fand der Zyklus der Interface-Vorträge zum Thema «Identität Schweiz – Sonderfall oder besonders?» seinen Abschluss. Bereits am 7. März des kommenden Jahres beginnt der neue Zyklus. Er steht unter dem Titel «Zählen und Messen. Die Macht der Zahlen».

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