Brugg
Achtung: Auf Kunstwerken sitzen erlaubt!

Mit «Unwesen» betitelt die Künstlerin Rosângela de Andrade Boss ihre Ausstellung: Sie ist ab morgen in der Galerie Zimmermannhaus zu sehen.

Elisabeth Feller
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Auf Kunst sitzen – geht das? Kunst (Gemälde) hängt normalerweise doch an den Wänden. Ja. Doch wenn die 44-jährige Künstlerin Rosângela de Andrade Boss ihre Ausstellung mit «Unwesen» betitelt, darf man sich auf einiges gefasst machen.

Beispielsweise auf schwarz-weiss bedruckte Hocker aus federleichtem, aber tragfähigem Karton. Darauf sitzen ist ausdrücklich erlaubt – und das lässt die Besucher gleich einige Zentimeter wachsen. Denn: Sie sitzen auf Kunst.

Der «leere» weisse Raum

Wieder einmal erweist sich die Galerie Zimmermannhaus als wunderbar zu bespielen. Allein schon der weisse, von wenigen Säulen durchsetzte Raum im ersten Stock punktet – weil für einmal seine Grösse an sich wirken kann. Lediglich an der rechten Wand hängen grossformatige schwarz-weisse Bilder.

Was sie zeigen? Unwesen. Will heissen: Figuren, die – da auf zwei Beinen gehend – an Menschen erinnern. Aber sie «tragen» kein Gesicht, dafür aber einen Kopfputz, der an einen Indianer erinnert. Ein Vogelschwarm fliegt am Kopf dieses «Unwesens» vorbei, das einen Abfallsack umklammert.

Besucher sollen selbst entscheiden

Was will uns die gebürtige Brasilianerin Rosângela de Andrade Boss mit diesem Bild sagen? Gar nichts, weil es, wie sie sagt, nicht auf ihre Interpretation ankomme, sondern auf jene der Besucher.

Diese merken bald: Feinheit und Detailreichtum der künstlerischen Ausführung mildern nicht den starken, gar beklemmenden Charakter dieser Bilder.

66 Bilder

Man braucht also Momente des innerlichen Aufatmens – also wendet man sich um und den Hockern zu. Es sind 12, die wie zufällig im Raum platziert sind. Schön, dass die Künstlerin auch Spielerisches in eine «Inszenierung» einbaut, die ihre Fortsetzung im Dachgeschoss findet.

Schwarz-Weiss wird hier in Bezug gesetzt zu einer gedämpften Farbigkeit. Ein Block von 66 Bildern, die in fünf Reihen à 11 kleinere Gemälde angeordnet sind, fesselt sofort die Aufmerksamkeit.

Von weitem erinnert er an einen Comic, der auf Einzelheiten fokussiert ist. Etwa auf eine Kamera, aus deren Objektiv («Mund») zwei dünne Blutfäden laufen.

Etwas weiter unten wird die Aufmerksamkeit von einer kleinen Hand gefesselt, die scheu den Rücken einer grossen streichelt. Berührend, nicht? Kaum, denn die «Verlängerung» dieser Hand hält einen Föhn – in Form einer Pistole. Auf wen richtet sich diese? Wollen die Betrachter partout ein blutiges Szenario aus diesem Bild lesen? Die Künstlerin versagt sich Antworten, weil sie genau weiss: Mündigen Besuchern wird es eine Lust sein, solche zu finden.

Galerie Zimmermannhaus Bis 19. Dezember. Mi bis Fr, 14.30–18 Uhr; Sa und So, 11–18 Uhr. Vernissage: Freitag, 27. November, 19 Uhr.

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