Brugg
Abtretender Stadtrat hält Rückschau: «Brugg war immer schon eine Perle»

Christoph Brun, der erste Grüne im Stadtrat, will sich nach seinem Rücktritt auf Familie und Beruf konzentrieren. Als er gewählt wurde, waren Grüne in der Exekutive noch Exoten im Aargau. Zum Einstand fasste er gleich zwei «Spezialaufträge».

Michael Hunziker
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Von der Dachterrasse auf dem Metron-Gebäude hat Christoph Brun freie Sicht auf den Campus der Fachhochschule Nordwestschweiz (links) sowie den Brugger Bahnhof.

Von der Dachterrasse auf dem Metron-Gebäude hat Christoph Brun freie Sicht auf den Campus der Fachhochschule Nordwestschweiz (links) sowie den Brugger Bahnhof.

Christoph Brun, Sie treten auf Ende Jahr sowohl als Stadtrat in Brugg als auch als Grossrat zurück. Haben Sie den Verleider?

Christoph Brun: Nein, überhaupt nicht. Vor allem im Stadtrat haben wir in der heutigen Zusammensetzung eine höchst erfreuliche Zusammenarbeit. Allerdings ist ein politisches Amt sehr zeitintensiv. Bisher hat mir meine Frau den Rücken freigehalten. Vor gut drei Monaten kam unser drittes Kind auf die Welt. Jetzt möchte ich mich auf die Familie und den Beruf konzentrieren. Ich freue mich darauf, nun meiner Frau den Rücken etwas frei zu halten für ihre beruflichen Ambitionen.

Zur Person

Christoph Brun (53 Jahre) ist in Hausen aufgewachsen und wohnt seit 1987 in Brugg. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern (2008, 2011, 2013). Der ausgebildete Jurist und Forst-Ingenieur ETH SIA ist beruflich tätig als Unternehmensjurist und Projektleiter in den Bereichen Bau-, Planungs- und Umweltrecht, Planungsverfahren und Arealentwicklungen. Als Hobbys bezeichnet er Velotouren, Skitouren, Gartenpflege, Kochen und Tanzen. Von 1990 bis 2003 war er Mitglied des Brugger Einwohnerrats, ab 2004 Mitglied des Stadtrats, ab 2008 Mitglied des Grossen Rats. (mhu)

Und die Freizeit geniessen?

Bis Ende Jahr ist meine Agenda voll, ab Neujahr hat es viel Luft. Diese Freiräume habe ich zunehmend vermisst – je grösser unsere Familie geworden ist und je enger es in meiner Agenda wurde.

Andere sind deutlich länger als 10 Jahre Mitglied einer Exekutive.

Als junger Mann dachte ich, es brauche immer wieder Wechsel und Veränderungen. Aber in der Politik ist Geduld gefragt, die Prozesse dauern oft lange, es gibt viele Beteiligte. Erfahrung ist für eine Exekutive daher wichtig. Vor diesem Hintergrund ist sicher eine Amtsdauer von 12 oder 16 Jahren ideal.

Sie gehörten kantonsweit zu den ersten Vertretern der Grünen in einer Exekutive. Hatten Sie eine Sonderrolle inne?

(Überlegt kurz) Die Parteizugehörigkeit war bei meinem Amtsantritt speziell. Ich habe aber grundsätzlich mit denselben Überzeugungen weiter politisiert, wie zuvor als Mitglied des Einwohnerrats – wobei ich dort natürlich stärker die Parteianliegen vertreten durfte und musste. Die Arbeit im Stadtrat ist aber auf das Allgemeinwohl ausgerichtet. Und im Stadtrat kann einer allein nicht viel erreichen, das Gremium ist entscheidend.

Eckten Sie oft an?

In meinen ersten Jahren war das Gremium oft anderer Meinung. Ich erhielt gleich zu Beginn zwei «Spezialaufträge», die den Stadtrat offenbar schon vor meinem Eintritt belasteten: Einerseits wurde ich delegiert in die Arbeitsgruppe Campussaal. Es freut mich, dass wir in dieser frühen Phase die Weichen richtig stellen konnten und der Saal jetzt, auf das Ende meiner Amtszeit, eingeweiht werden konnte. Das gibt einen schönen Bogen über das Ganze. Der zweite Spezialauftrag war die Skater-Anlage für die Jugendlichen. Auch für dieses Projekt mussten mehrere Anläufe unternommen werden, bis die Anlage schliesslich beim Schulhaus Langmatt realisiert wurde.

War das Bauwesen Ihr Wunsch-Ressort?

Absolut. Einerseits wegen meines beruflichen Hintergrunds, andererseits wegen meiner Parteizugehörigkeit. Als Grüner setze ich mich für Nachhaltigkeit und einen sparsamen Umgang mit den Ressourcen ein. Das Bauwesen bietet viele Gestaltungsmöglichkeiten, gerade auch in dieser Hinsicht.

Wo haben Sie Spuren hinterlassen?

Erstaunlich viele städtische Liegenschaften sind erstellt, umgebaut oder saniert worden: Abdankungshalle und Pavillon, Schulhaus Freudenstein, Kornhaus, Amtshaus, Schwarzer Turm. Wert gelegt habe ich neben den allgemeinen funktionalen, qualitativen und Kosten-Kriterien auf den energetischen Bereich, auf barrierefreies und damit behindertengerechtes Bauen. Auch beim Klimaschutz haben wir einiges erreicht, nicht zuletzt dank der aufgeschlossenen Haltung der neuen IBB-Führung. Zusammen mit den IBB konnte im Amtshaus ein Mini-Blockheitskraftwerk als Pilotanlage installiert werden. Beim Schulhaus Hallwyler wurde das Blockheizkraftwerk ersetzt und es entstanden drei Photovoltaikanlagen auf Liegenschaften der Stadt.

Mussten Sie viel Überzeugungsarbeit leisten?

Es hat ein Wandel stattgefunden, heute ist der Stadtrat gesellschaftspolitisch aufgeschlossen und offen für ökologische Anliegen. Ich konnte aufzeigen, dass höhere Investitionskosten beim Betrieb wieder eingespart werden können. Auch setzte ich mich dafür ein, dass die Legislaturziele veröffentlicht werden, dass eine Landschaftskommission gebildet wird, dass ein eigenes Ressort Schule geschaffen wird. Dieses übernahm ich schliesslich mit Freude, auch wenn es mit vielen Abendsitzungen verbunden war.

Ihnen lag auch die Zusammenarbeit über die Gemeindegrenzen am Herzen.

Ich sprach mich stets für die regionale Ausrichtung aus. Diese wird immer wichtiger und zum Glück fand auch in diesem Bereich ein Umdenken statt. Vieles konnte – in verschiedenen Ressorts – umgesetzt werden: Regionalpolizei, Zivilschutzorganisation, Spitex, Abwasserreinigungsanlage und ganz aktuell im Bereich des Forstbetriebs. Für mich als «gelernter Forstingenieur» eine besondere Freude. Ich bin überzeugt, dass sich Zusammenarbeit langfristig auszahlt und dass die Qualität steigt.

Würde eine Fusion mit Windisch Sinn machen?

Ein Zusammenschluss könnte heute aus freien Stücken geschehen, aus Überzeugung, nicht aus einer Notlage.

Wo hapert es?

Alle, die massgeblich beteiligt sind, müssen die Signale auf Grün stellen, sämtliche Voraussetzungen müssen stimmen. Momentan ist die Konstellation wohl nicht gegeben, was ich sehr bedaure.

Brugg ist für Sie?

Lebensfroh und lebenswert. Durch meine Ämter ist eine Nähe, eine Verbundenheit, ein intaktes soziales Netzwerk entstanden. Brugg ist ein schöner Ort zum Wohnen, die Stadt der kurzen Wege, in der eine ökologische Lebensweise möglich ist. Ein Auto ist nicht erforderlich, auf unserem Haus konnten wir eine Photovoltaikanlage installieren, im Keller eine Holzpellet-Heizung. Brugg war wohl immer schon eine Perle . . .

Und muss deshalb in der heutigen Form erhalten bleiben?

Brugg hat viele seiner Hausaufgaben gemacht, eine Image-Aufwertung ist erfolgt, wobei hier vor allem Ausseneinflüsse massgeblich waren: Campus, Hightech Zentrum oder Technopark. Von dieser erfreulichen Entwicklung können wir alle – Stadt und Region – profitieren, allerdings nehmen auch die Zentrumslasten zu, die Aufgabenstellungen werden komplexer.

Welches sind die Herausforderungen?

Aktuelle Themen sind die Gesamtplanung «Aufwertung Bahnhofplatz – Neumarkt», die Zentralisierung der Verwaltung oder die Revision der Ortsplanung. In Brugg kann mangels entsprechender Flächen nicht einfach immer mehr Bauland eingezont werden. Die Entwicklung nach innen ist ein Muss. Pendent ist für mich auch, dass der Finanzhaushalt für eine gesunde Zukunft strukturell und systematisch – und nicht einfach von Budget zu Budget – überprüft wird. Als Grüner, aber auch als Stadtrat stelle ich zum Beispiel seit Jahren infrage, ob die Stadt Brugg an zentralsten Stellen tatsächlich unbewirtschaftete Langzeitparkplätze zur Verfügung stellen soll.

Droht eine Erhöhung des Steuerfusses?

Das wäre meines Erachtens kein gutes Zeichen – und nach meiner gegenwärtigen Einschätzung auch nicht angezeigt. Hier ist Konstanz gefragt.

An Aufgaben mangelt es nicht für den neuen Stadtrat.

Ich bin überzeugt, dass der Stadtrat in der neuen Zusammensetzung sehr produktiv sein wird. Ich glaube, die bisherigen und die neuen Mitglieder bringen die dazu erforderlichen Voraussetzungen mit. Vielleicht geht durch die Wechsel Erfahrung verloren, vielleicht können dadurch aber auch schlechte Gewohnheiten über Bord geworfen werden (lacht). Ich glaube, die Kontinuität ist gewährleistet, nicht zuletzt durch die professionell arbeitende Verwaltung.

Werden Sie sich weiterhin aktiv einbringen?

Ich werde die Situation und Entwicklung sicher aufmerksam verfolgen. Das habe ich schon vor meiner politischen Tätigkeit gemacht (schmunzelt). Konkrete Pläne habe ich aber nicht. Ich bin dankbar für die vielen speziellen Momente, die ich erleben durfte. Es war ein schönes Gefühl, von einer Stadt mit rund 10 000 Einwohnern das Vertrauen ausgesprochen zu erhalten.

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