Aargauerin im Ausland
Sie wollte niemals auswandern: Warum diese Villnacherin trotzdem in der Nähe von Berlin eine Familie gegründet hat

Silvia Simeth-Berger lernte ihren deutschen Ehemann im Schenkenbergertal kennen. Dass sie später in der ehemaligen DDR eine neue Heimat findet, war nicht vorgesehen. 20 Jahre nach dem Umzug sind es nur wenige Sachen, die sie aus der Schweiz vermisst.

Claudia Meier
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Silvia Simeth-Berger aus Villnachern ist vor über 20 Jahren nach Wachow (Stadt Nauen) in die ehemalige DDR ausgewandert, wo sie mit Ehemann Marc und den beiden Söhnen Aaron (links) und Nico lebt.

Silvia Simeth-Berger aus Villnachern ist vor über 20 Jahren nach Wachow (Stadt Nauen) in die ehemalige DDR ausgewandert, wo sie mit Ehemann Marc und den beiden Söhnen Aaron (links) und Nico lebt.

Bild: zvg

Vor 25 Jahren war für die Tochter des damaligen Posthalterehepaars Berger von Villnachern klar: «Ich bleibe single und werde in Schinznach-Dorf alt.» Heute muss Silvia Simeth-Berger lachen, wenn sie an ihren Lebensplan als gelernte Zahnarzthelferin in der Nachbargemeinde Schinznach-Dorf denkt. Auswandern wollte die bald 49-Jährige nie, niemals. Doch dann lernte sie ihren späteren Ehemann Marc Simeth kennen. Die inzwischen vierköpfige Familie lebt heute in der ehemaligen DDR, zirka 40 Kilometer von der Berliner Stadtgrenze entfernt.

Seinen Anfang nahm diese Auswanderergeschichte tatsächlich in Schinznach-Dorf. Denn der gebürtige Deutsche arbeitete 1997 während ein paar Monaten als Gartenbautechniker in der Baumschule Zulauf. Über eine Freundin, die im gleichen Betrieb angestellt war, lernte Silvia dann Marc kennen und lieben. Im August 1997 zog Marc nach Tremmen in Deutschland zur grossen Baumschule Lorberg weiter.

Marc Simeth erzählt von seiner Arbeit in der grossen Baumschule.

Video: Youtube

Das Paar lebte eine Fernbeziehung. Da Silvia nicht auswandern wollte, kehrte Marc im März 1999 zu ihr nach Schinznach-Dorf zurück. Bereits ein Jahr später wurde Marc angefragt, ob er wieder bei Lorberg anfangen möchte. Silvia erinnert sich:

«Also haben wir gemeinsam entschieden, dass wir im September heiraten und im Dezember 2000 nach Deutschland ziehen.»

Da Silvias Schweizer Ausbildung zur Zahnarzthelferin in Deutschland nicht gültig war, absolvierte sie diese nochmals. Auf der 900 Hektaren grossen Lorberg-Baumschule ist Marc heute noch tätig. Aufgewachsen ist er an der dänischen Grenze in Schleswig-Holstein.

Wachow zählt 900 Einwohner (Stand 2002) und gehört zur Stadt Nauen.

Wachow zählt 900 Einwohner (Stand 2002) und gehört zur Stadt Nauen.

Bild: zvg

Das Paar hat schon bald im kleinen Dorf Wachow, das etwa 900 Einwohner zählt, ein Haus auf einem 2500 Quadratmeter grossen Grundstück erworben. Das Dorf gehört zur 14 Kilometer entfernten Stadt Nauen, die etwa mit Brugg vergleichbar ist.

Für ihre Söhne wechselte sie den Arbeitsplatz

Mit der Geburt von Aaron im 2004 und Nico zwei Jahre später war das Familienglück perfekt. In der ehemaligen DDR ist das Angebot an Kitas und Ganztagesschulen deutlich besser ausgebaut als in der Schweiz. Aus diesem Grund arbeiten bei 90 % der Familien beide Elternteile. Da aber die Grosseltern von Aaron und Nico nicht in der Nähe wohnen, musste Silvia jeweils zu Hause bleiben, wenn eines der Kinder krank war.

Das Dorf Wachow ist beschaulich und von viel Natur umgeben.

Das Dorf Wachow ist beschaulich und von viel Natur umgeben.

Bild: zvg

Und weil sich das mit der Baumschule besser vereinbaren liess als mit der Zahnarztpraxis, stieg sie als ungelernte Arbeitskraft ebenfalls bei Lorberg ein. Für Silvia Simeth-Berger ist das ideal:

«Ich fahre mit dem Fahrrad 1,3 Kilometer zur Arbeit, was ein echter Luxus ist in unserer Region.»

Meistens arbeitet sie zwischen 30 und 35 Stunden pro Woche im Betrieb, jeweils von 7 bis zirka 15 Uhr. Zu den Versandzeiten im Frühling und Herbst ist es manchmal auch mehr. Sie hilft überall dort mit, wo es keine ausgelernte Baumschulistin braucht, sei es bei der Kontrolle, ob die Pflanzen Wasser bekommen, beim Seitenholzschneiden oder beim Jäten.

Der Aargauerin gefallen die grossen Felder

Typisch für das dünn besiedelte Gebiet im Havelland sind die grossen Felder. Silvia Simeth-Berger erzählt: «Wenn ich um eines der Felder rum marschiere, brauche ich eine Stunde und 14 Minuten.» Da es sehr eben sei, sehe man in der Ferne meistens nur die Kirchtürme aus den Dörfern ragen. Der Aargauerin gefällt dieser Weitblick sehr. Die Wildgänse, die in Scharen in die Luft fliegen, bevor sie sich wieder auf den Feldern niederlassen.

Silvia Simeth-Berger hat sich vorgenommen, dieses Jahr wieder einmal auf einem Pferd zu reiten. Sobald es die Coronakrise erlaubt, setzt sie das Vorhaben in die Tat um.

Silvia Simeth-Berger hat sich vorgenommen, dieses Jahr wieder einmal auf einem Pferd zu reiten. Sobald es die Coronakrise erlaubt, setzt sie das Vorhaben in die Tat um.

Bild: zvg

«Diese abendliche Ruhe, die über die Felder zieht, vor allem im Sommer, wenn die Pferde über Nacht auf der Weide bleiben, wenn Füchse, Rehe, Auerhähne, Waschbären und Wildschweine aus dem Dickicht kommen», schwärmt Silvia Simeth-Berger. Das alles sehe genauso kitschig aus wie auf diesen Jagdbildern in den historischen Schlössern, nur eben in echt.

Der Nachschub für Incarom-Kaffeepulver ist gesichert

Seit 2017 hat Silvia Simeth-Berger die doppelte Staatsbürgerschaft Schweiz-Deutschland. An ihrer neuen Heimat gefällt ihr besonders, dass die Menschen, egal ob jung oder alt, hier so gerne tanzen. Sei es an Maifeiern, Erntefesten, Oldie-Partys oder was auch immer im Dorf veranstaltet wird. Kein Wunder vermisst sie jetzt während der Coronakrise vor allem das Zusammenkommen mit Freunden, Familien und Bekannten. Zu ihren Hobbys gehören ausserdem Lesen, Singen, Lachen und leichter Sport.

Das gelbe Haus ist das Dorfgemeinschaftshaus von Wachow, ein etwa 120-jähriges Gutshaus. Hier ist das Gesundheitszentrum untergebracht und es finden Feste statt.

Das gelbe Haus ist das Dorfgemeinschaftshaus von Wachow, ein etwa 120-jähriges Gutshaus. Hier ist das Gesundheitszentrum untergebracht und es finden Feste statt.

Bild: zvg

Aus der Schweiz vermisst Silvia Simeth-Berger neben ihrer Familie und den Freunden vor allem die Zeitschrift «Schweizer Familie», Ragusa-Schokolade und Incarom-Kaffee. Sie erzählt: «Den Incarom-Kaffee bekomme ich jetzt regelmässig geliefert von einem Bekannten, der bei uns im Dorf wohnt und in der Schweiz arbeitet.» Auch der öffentliche Verkehr sei in der Schweiz besser organisiert als in Deutschland, fügt sie an. Im Havelland brauche man definitiv ein bis zwei Autos pro Familie.

Projekte wurden durch die Coronakrise aufgeschoben

Apropos Schweiz: Silvia Simeth-Berger war im Sommer 2018 zum letzten Mal in der Schweiz, um das Elternhaus in Villnachern zu räumen. Es wurde nach dem Tod ihres Vaters verkauft. Ihre Mutter, die im Brugger Törlirain aufgewachsen war, hat in ihrer Heimatstadt eine kleinere Wohnung bezogen. Wenn Silvia nun mit ihrer Familie in die Schweiz kommt, kann sie bei ihrer Schwester im Kanton Zürich wohnen.

Die stolze Mutter mit den beiden Söhnen Aaron (links) und Nico.

Die stolze Mutter mit den beiden Söhnen Aaron (links) und Nico.

Bild: zvg

Die Familie Simeth ist in Wachow bisher gut durch die Coronakrise gekommen. Da die beiden Söhne bereits im Teenageralter sind, hatten sie mit dem Fernunterricht keine Mühe. Der Schulbesuch vor Ort ist seit 15. März wieder möglich, aufgeteilt in Gruppen, die sich wochen- oder tageweise abwechseln. Am meisten freuen sich die Simeths, wenn sie sich wieder spontan mit den vier, fünf befreundeten Familien und Freunden im Garten treffen können. Auch nachholen möchten sie die für Sommer 2019 geplante Reise nach Kanada und einen Ferienaufenthalt in der Schweiz.

Für dieses Jahr hat sich Silvia Simeth-Berger vorgenommen, wieder einmal auf ein Pferd zu steigen und zu reiten. Sie erzählt:

«Als 17-Jährige habe ich das mal gemacht, fand es aber nicht so toll.»

Da es hier einige Höfe mit vielen Pferden habe, möchte sie das Reiten noch einmal ausprobieren. Die Villnacherin betont: «Ich habe alles schon abgesprochen. Sobald es erlaubt ist, werde ich das in Angriff nehmen.» Wenn es machbar ist, soll auch ein Besuch bei den Freunden in Riga Realität werden.

Als junge Erwachsene arbeitete sie in Kanada

Vermutlich erst 2022 will Silvia die verschobene Reise nach Kanada nachholen. Dort möchte sie ihrer Familie zeigen, wo sie als junge Erwachsene während zweier Jahre als Kindermädchen gearbeitet hatte.

Sie Aargauerin staunt immer wieder über spezielle Strassenschilder.
10 Bilder
Eindrückliches Wolkenbild über den Feldern.
Bei der Auswahl der Geräte für diesen öffentlichen Spielplatz in Wachow haben Marc und Silvia Simeth-Berger ebenfalls mitentschieden.
Ruhig und flach ist es in der Umgebung von Wachow.
Silhouette mit Dorfkirche in Wachow. Im Sommer wird hinter der Kirche im Freien ein Kino betrieben.
Natur so weit das Auge reicht.
Wer um ein Feld rum marschieren will, muss viel Zeit haben.
Die flache Gegend ist ideal zum Velofahren.
Beschauliche Dorfidylle in Wachow.
In Wachow steht die Kirche mitten im Dorf.

Sie Aargauerin staunt immer wieder über spezielle Strassenschilder.

Bild: zvg

Inzwischen wohnt die ehemalige Posthaltertochter, die nie auswandern wollte, seit 20 Jahren in Deutschland. Mit einem Schmunzeln stellt Silvia Simeth fest:

«So lange am Stück habe ich noch nie an einem Ort gewohnt.»

Und ergänzt: «Wir fühlen uns sehr wohl hier, sind von allen freundlich aufgenommen worden, haben ein Haus mit Garten, was wir uns in der Schweiz nie leisten könnten, und einen guten Freundes- und Bekanntenkreis.» Natürlich vermissen sie ihre Lieben in der Schweiz, darum schauen sie ferienhalber immer wieder gerne vorbei.