Villigen

Aargauer Physik-Ass Henning kämpft um Olympia-Gold – und erklärt uns, warum man Getränke mit Eis kühlt

Er ist 18-jährig und fährt an seine dritte Internationale Wissenschaftsolympiade: Henning Zhang ist eines der grössten Schweizer Physiktalente. Der Villigener ist so bescheiden wie neugierig und seine Lehrerin voll des Lobes – aber nicht nur.

Brasilien oder Indonesien? Henning Zhang hat sich dieses Jahr im Hinblick auf sein Studium entschieden. Nicht wie letztes Jahr. Da standen Zürich und Hongkong zur Auswahl. Er entschied sich für das interessantere Reiseziel. Für einen 18-jährigen Schweizer ist das nicht Zürich.

Am 10. Juli fliegt Henning nach Yogyakarta, Indonesien. Dort steigt die 48. Internationale Physikolympiade. Ein gutes Warm-up für das Physikstudium, das er im Herbst an der ETH in Zürich beginnt. Ausserdem ist er schon zweimal an der Internationalen Mathematikolympiade gewesen – zuletzt in Hongkong –, aber noch nie am Physikwettbewerb. Dieser findet zeitgleich statt, weshalb sich Henning überhaupt für eine Destination entscheiden muss.

Viele Nachwuchssportler träumen von Olympia; Henning kann sich seinen Startplatz selber auswählen. Verdient hat er sich das mit zwei bärenstarken Auftritten: Gold an der Schweizer Mathe-Olympiade, Gold an der Schweizer Physikolympiade. Vom Philosophiewettkampf, bei dem er ebenfalls im Final stand, kehrte er mit einem Diplom nach Hause. Mit diesen Erfolgen knüpft er an seine Gold-Auszeichnungen in den letzten Jahren an. Henning ist einer der erfolgreichsten Schweizer Wissenschaftsolympioniken der jüngeren Zeit.

Auf den ersten Blick würde man in Henning eher einen Basketballspieler als ein Physik-Genie vermuten: hoch aufgeschossen, etwas über 1.80 m gross, aufrechter, lässiger Gang. Seine Eltern – beide aus China, beides Physiker – zogen mit ihm nach Villigen, als er sechs Jahre alt war. Die Lust an den Naturwissenschaften entdeckte er an der Kantonsschule Wettingen. Dort absolviert er gerade die Maturaprüfungen, dort hat ihn die az kürzlich getroffen.

Nach den Prüfungen ist vor der Olympiade

Henning durchlebt hektische Zeiten: Noch bis Freitag wälzt er deutsche und englische Literatur für die mündlichen Abschlusstests. In Englisch kommt er gerade so mit einer genügenden Note durch. Er ist Sprachen aber nicht abgeneigt; Latein ist sein Lieblingsfach. Nicht die Vokabeln faszinieren ihn, auch nicht die Römer und ihre Feldzüge und Bauwerke; es ist das Übersetzen der antiken Texte. Das erfordert logisches Denken und systematisches Vorgehen – Dinge, die er dank seinem naturwissenschaftlichen Talent bestens beherrscht.

Am Wochenende – einen Tag nach der letzten Prüfung – rückt Henning mit seinen vier Teamkollegen ins Theoriecamp nach Martigny ein, um sich die letzten Wissensbrocken für die Olympiade reinzuziehen. Danach fährt er mit seiner Maturaklasse nach Kroatien in die Ferien, bevor er sich nochmals intensiv der Physik hingibt. Hektische Zeiten.

Beim Lernen sei er der Typ Letzter-Drücker, sagt Henning. Jede Woche bekommt er von den Betreuern eine Aufgabe zugeschickt. Die Hälfte liegt noch ungelöst zu Hause. Die Aufgaben entsprechen ungefähr dem Schwierigkeitsgrad von Zweitsemesterprüfungen an der Universität. Henning weiss: "Ich sollte ein wenig Gas geben."

Wenn Sie wissen wollen, wie schwierig die Aufgaben sind, die Henning im Final der Schweizer Physikolympiade 2017 in Aarau lösen musste: Hier geht es zum Theorieteil der Prüfung. (Den Link zu den Lösungen finden Sie am Artikelende – aber nicht schummeln, bitte.)

Aus Hongkong brachte Henning letztes Jahr eine Bronzemedaille heim. Über seine diesjährigen Medaillenchancen will er nicht spekulieren. Er reise nicht wegen der Medaillen nach Indonesien, sagt er. Nein, er sieht es ganz pragmatisch: Dank der Teilnahme lernt er enorm viel, was sie in der Schule nie behandelt haben. Ausserdem verpflichtet sie ihn dazu, in der Freizeit an der Materie dranzubleiben. Oder wie er selbst sagt: "Die Teilnahme pusht." 

"Er ist brilliant"

Mit Hennings Wissbegierde hat seine ehemalige Mathe-Lehrerin Dana Rudinger bald Bekanntschaft gemacht. Sie erinnert sich an einen Moment im ersten Kanti-Jahr: Henning stellte ihr nach dem Unterricht eine Frage zu Integralrechnungen und Ableitungen. Stoff, den Rudinger ihren Schülern im dritten Jahr vermittelt. Ein durchschnittlicher Schüler braucht drei Monate, um die Materie zu lernen. Henning jedoch erklärt sie den Stoff innert 20 Minuten. Ein so guter Mathe-Schüler wie Henning habe sie in ihren 26 Jahren als Lehrerin noch nie unterrichtet, sagt Rudinger. "Er ist brilliant."

Was Henning von anderen Talenten unterscheidet: Er versteht komplexe Phänomene nicht nur, er kann sie auch erklären. Davon profitieren seine Mitschüler, sagt Rudinger: "Er ist hilfsbereit und sozial kompetent." Nur Regeln befolgt er nicht immer gerne. Anfangs hat er im Unterricht viel geschwatzt. Rudinger sagt, er habe sich seitdem gut entwickelt.

Wieso kühlt man sein Getränk mit Eis?

Hennings Neugier greift tief. Er will verstehen, was die Welt im innersten zusammenhält, gibt sich nicht mit einfachen Erklärungen zufrieden. Ein Beispiel dafür ist das Newtonpendel: Zusammen mit Physiklehrer Thomas Graf wälzte er Lehrbücher und stellte er Formeln auf, bis er die Funktionsweise verstanden hatte. Erst dann erklärte er sich einverstanden, vor der Videokamera das Prinzip der Impulserhaltung zu erklären.

Henning zeigt, wieso bei einem Newtonpendel gleich viele Kugeln hinten ausschwingen, wie vorne aufprallen. Wer bis zum Ende dranbleibt, wird mit Erleuchtung belohnt.

Henning zeigt, wieso bei einem Newtonpendel gleich viele Kugeln hinten ausschwingen, wie vorne aufprallen. Wer bis zum Ende dranbleibt, wird mit Erleuchtung belohnt.

An den Naturwissenschaften faszinieren Henning die Erklärungen, die sich hinter ganz alltäglichen Phänomenen verbergen: Wieso kühlt man sein Getränk mit Eis und nicht mit 0 Grad kaltem Wasser? Wieso schäumt man die Milch für den Cappuccino mit Dampf auf? Verstehen, welche Zusammenhänge die Welt und das Universum zusammenhalten: Das hat er sich auch für das Studium vorgenommen. "Ich will mir richtig viel Mühe geben", sagt Henning. Nicht, um gute Noten einzufahren. Sondern um das Gefühl zu erlangen, die Zusammenhänge richtig begriffen zu haben.

Seine Karrierepläne hat Henning bereits gemacht: Nach dem Master in Physik und einem Austauschjahr will er doktorieren und schliesslich Professor werden. Und was ist mit einem Nobelpreis, der Krönung eines Wissenschafterlebens? Den will er nicht unbedingt. Er will viel forschen. Diese Bescheidenheit zeichnet ihn aus, man nimmt sie ihm ab. Rudinger bestätigt sie ungewollt, als sie fragt: "Hat Henning Ihnen schon erzählt, dass er ein hervorragender Klavierspieler ist?" Hat er nicht.

Täglich eine SMS

Es könne schon sein, dass er die Liebe zur Physik von seinen Eltern eingeimpft bekommen habe, sagt Henning. Sie hätten ihn allerdings nicht in die Naturwissenschaften gezwungen. Heute gehen seine Eltern unterschiedlich mit seiner Passion um: Von seiner Mutter, sie arbeitet bei den Kabelwerken Brugg, kriegt er beim Lösen der Olympiade-Trainingsaufgaben keine Hilfe. Sie zeige wenig Lust und zudem seien ihr die Aufgaben zu kompliziert, sagt Henning. Sein Vater, angestellt beim Paul-Scherrer-Institut, interessiere sich hingegen für die Aufgaben.

Aus Indonesien wird Henning ihnen einmal täglich eine SMS schicken. Sofern er daran denkt. Es gebe immer so viel zu entdecken und zu unternehmen und viele neue Leute kennenzulernen. Vor und nach den Prüfungen bleibt dem Schweizer Team Zeit für etwas Urlaub. Der Wettkampf zieht sich über zwei Tage und besteht aus einer Theorie- und einer praktischen Prüfung. Über jeder brüten die Teilnehmer fünf Stunden. Henning ist dafür gerüstet. Er hat sich mit seinen Teilnahmen an den nationalen und internationalen Finals eine grosse Wettkampfroutine zugelegt.

Mit Routine paart er grosses Talent: Das hat er dieses Jahr an der Vorrundenprüfung der Schweizer Matheolympiade eindrücklich bewiesen. Er holte die volle Punktzahl, 42. Als einziger. Die meisten seiner Konkurrenten holten zwei oder null Punkte. Er wiegelt ab: "Ich bin halt schon einige Jahre dabei und kenne die Art der Aufgaben."

Da ist sie wieder, diese Bescheidenheit, die das 18-jährige Physik-Genie ebenso auszeichnet wie sein Drang, die Welt zu verstehen.

Hier finden Sie die Lösungen zur Theorieprüfung 2017 (SwissPho Aufgaben -> SwissPho Finalrunde -> Lösungen).

Meistgesehen

Artboard 1