«Unsere Gesellschaft zeigt immer weniger Toleranz gegenüber abweichendem Verhalten, insbesondere wenn es um Personen mit Migrationshintergrund geht», sagt der pensionierte Polizeikommandant an einer Tagung. Wie hätte er ahnen können, dass «abweichend» wenige Tage später auch für etwas ganz anderes zutrifft: Mord.

Der Tote, der in Ursula Reists noch druckfrischem Krimi «Böckels Mysterium» am Brugger Landi-Turm baumelt, trübt das durch den Campus beschworene, harmonische Bild. Der reglose Mann ist kein schöner Anblick für Kommissar Nick Baumgarten sowie die Ermittler Angela Kaufmann und Pino Beltrametti. Schon bald ist der Tote identifiziert: Es handelt sich um einen Professor der Fachhochschule Nordwestschweiz mit Wohnsitz im deutschen Küssaburg. Weshalb wurde er umgebracht?

Diese Frage treibt das Ermittler-Team um; führt es im Aargau, aber auch ennet der Grenze, in Waldshut, auf falsche Fährten und treibt ihm den Angstschweiss auf die Stirn, bis es herausfindet, wer der Mörder ist.

Auf ihrem mühseligen Weg zur Erkenntnis blicken die Ermittler in menschliche Abgründe; stossen auf die Überreste des mutwillig zerstörten Roboterhundes Fido; begegnen einem Studentenpärchen, das klammheimlich D-Mark in Euro umtauscht und tauchen ein in eine Welt voller Lügen, Intrigen und fremdenfeindlich-gehässiger Rivalitäten.

Als ob der Aargau nicht ausreichte, kommen noch Mexiko und Drogen ins Spiel. Doch am Ende, nach der nervenaufreibenden Jagd nach dem Mörder, dürfen Kommissar Nick und seine Frau Marina zu Hause an der Fröhlichstrasse endlich kuscheln: «Sie räumten auf, öffneten die Fenster, schenkten sich ein letztes Glas Wein ein und setzten sich mit einer Kerze auf die Terrasse.»

Fortsetzung folgt?

Das weiss nur Krimiautorin Ursula Reist, die mit «Böckels Mysterium» ihren vierten Aargauer Krimi und damit Nick Baumgartens vierten Fall vorlegt. Erneut ist die Lektüre anregend und vergnüglich, weil die Schauplätze penible Ortskenntnisse verraten. Diesmal kommen vor allem Brugger auf ihre Rechnung, was kein Zufall ist.

Ursula Reist hat zehn Jahre in dieser Stadt gelebt. Kein Wunder, dass die Autorin ihre Leserschaft gewissermassen bei der Hand nimmt und sie an Schauplätze in der Altstadt oder in die oberste Etage des Campus führt, von wo der Landi-Turm und die Leiche besonders gut zu sehen sind. Dass auch das «Musloch» Eingang findet, ist Ehrensache, schliesslich geniesst dieses in Brugg und Windisch zweifelhafte Berühmtheit.

Eine solche ist auch Albert Einstein, der einst Schüler der Kantonsschule Aarau war und heute Namensgeber eines bekannten Aarauer Restaurants ist: Für die Autorin eine Oase, wo die Ermittler für einmal privat sein und deshalb flirten dürfen.

Auch in Reists viertem Aargauer Krimi spielen die Aargauer Zeitung und der umtriebige Journalist Steff Schwager eine Rolle. «Eine Zeitung gehört dazu, weil die Medien ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft sind», sagt die Autorin. Über Steff Schwager, der im jüngsten Reist-Krimi der Polizei mit Artikeln in der az dazwischenfunkt, hat sich die Autorin schon bei ihren vorgängigen Büchern ausgeschwiegen.

Ergo darf man annehmen, dass «allfällige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen rein zufällig sind.» Die liebevoll gezeichneten Figuren beflügeln jedenfalls die Fantasie der Leser so sehr, dass Krimi-Lady Ursula Reist Kommissar Nick Baumgarten bald auf den fünften Fall ansetzen muss.

«Böckels Mysterium» Kriminalroman von Ursula Reist, soeben erschienen im munda-Verlag, 5200 Brugg.